Schock in Sportwetten-Szene nach Mord

„Er war bereit, ein Risiko einzugehen“

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Frankfurt - Nach der Hinrichtung des in Heusenstamm lebenden Inhabers der Sportwettenfirma „Happy Bet“, Oliver F. , taucht immer wieder die Idee auf, F. habe sich bei seinen Geschäftsplänen mit den falschen Leuten angelegt. Von Michael Eschenauer

Auch Menschen aus dem Umfeld des toten Unternehmers glauben das. Rechtlich operiert die Branche auf dünnem Eis. „Die Szene ist extrem aufgeschreckt“, sagte gestern ein Branchenkenner unserer Zeitung. Das Geschäft der Sportwetten sei zwar hart umkämpft, aber Gewalt habe man bisher zumindest in Westeuropa nicht gekannt. Im Osten hingegen und auch in islamischen Ländern, in denen Wettgeschäfte verboten und deshalb nur in der Illegalität möglich seien, sei es allerdings relativ einfach, als Geschäftsmann abgesteckte Claims zu verletzen. „Dann kriegen Sie den Hinweis, dass Sie bestimmte Dinge im Interesse Ihrer Gesundheit besser lassen sollten.“ Oliver F., den er persönlich gekannt habe, sei allerdings ein absolut korrekter, angenehmer Mensch und Geschäftsmann gewesen. Allein schon deshalb sei ein Mordmotiv im privaten Bereich eher unwahrscheinlich. Aber: „Er ist durchaus offensiver vorgegangen und war bereit, in jeder Beziehung ein Risiko einzugehen.“

In Osteuropa, so der Branchenkenner, boome insbesondere das Geschäft mit Wettautomaten. „Dort können die Menschen wegen fehlender Internetanschlüsse oft nur an diesen internetfähigen Automaten spielen. Es gibt viel Nachholbedarf.“ Er habe gehört, F. habe sich mit dem Gedanken getragen, nach Osten zu expandieren und auch Firmen-Teilhaber aus Osteuropa gesucht. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt bestätigte gestern allerdings nur „Ermittlungen in alle Richtungen“. Damit stehen laut Pressesprecherin Doris Möller-Scheu sowohl die Privatsphäre als auch die Geschäfte des Opfers im Fokus der Ermittlungen. Eine Sonderkommission mit Namen „Soko Walter“ soll untersuchen, ob Rivalitäten im Sportwettenmarkt die Gewalttat ausgelöst haben. F. war am vergangenen Freitagmorgen in Sachsenhausen offensichtlich von einem Auftragsmörder mit Kopfschüssen getötet worden.

Private Wettbüros existieren dank unklarer Rechtslage

Der Mordfall lenkt das öffentliche Interesse auf ein internationales Geflecht von Firmen die - zumindest was ihre Aktionen in Deutschland angeht - in einem rechtlich unklaren Umfeld agieren. Offiziell darf lediglich der staatliche Anbieter Oddset Sportwetten vermitteln. Gleichzeitig gehören in manchen Vierteln größerer Städte die privaten Wettbüros zum Straßenbild. Es geht um viel Geld. So hat das Beratungsunternehmen Goldmedia im vergangenen Jahr eine Studie vorgelegt, derzufolge allein in Deutschland mit Sportwetten ein Betrag von 6,8 Milliarden Euro umgesetzt wurde. Der Bereich von Pferdewetten, Oddset und Fußballtoto machte in dieser Studie nur einen winzigen Teil des Wettkuchens - 3,6 Prozent - aus. 96,4 Prozent des Umsatzes erzielten private Anbieter, die wie die Firma „Happy Bet“ ihren Sitz auf Malta oder Gibraltar haben. Auch in Österreich sind Firmen gemeldet.

Ihre Existenz verdanken die privaten Wettbüros einer unklaren Rechtslage. Sie besitzen zwar eine Zulassung in ihren Heimatländern und können deshalb das Prinzip der Dienstleistungsfreiheit in Europa geltend machen, andererseits operieren sie hierzulande ohne offizielle Zulassung und werden nur geduldet. Sie operieren von Internet-Plattformen oder von lokalen Verkaufsstellen aus. Im Tätigkeitsgebiet der Frankfurter Industrie- und Handelskammer, sie erstreckt sich auf die Stadt Frankfurt, die Bezirke Main-Taunus und Hochtaunus - sind 278 Anbieter bekannt, Spielautomaten in Gaststätten inklusive.

Bis zum Jahre 2011 war die Rechtslage für den deutschen Markt mit Sportwetten einigermaßen klar. Der Staat übte ein Monopol aus, vorgeblich weil man so die Menschen besser vor Spielsucht schützen könne. Privaten Wettanbietern war via Glücksspielstaatsvertrag der Zugang zum lukrativen Markt der Sportwetten und Lotterien verwehrt. Während die staatlichen Lotterieanbieter selbst eifrig die Werbetrommel rührten und diese Begründung ad absurdum führten, machten Bundesverfassungsgericht, Europäischer Gerichtshof und die EU-Komission Druck, wenigstens einigen Privaten eine Zulassung zu gewähren.

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Seit Mitte 2012 besteht deshalb auch für sie die Möglichkeit, sich für eine Sportwetten-Konzession zu bewerben. Insgesamt existieren derer 20. Allerdings bleibt der Sturm auf die Zulassungen aus. Im Gegenteil: Bisher, so das in dieser Angelegenheit zuständige hessische Innenministerium, habe keiner der Bewerber nachweisen können, dass er den Mindestanforderungen genüge. Jetzt sollen die Unternehmen Unterlagen nachliefern. Angeblich bemühen sich bis zu 80 private Wett-Anbieter um die Zulassung. Mit im Rennen sind die Großen der Branche wie Tipico, Betfair, Bwin Party oder Mybet. Kritisiert wird das komplizierte Auswahlverfahren. „Happy Bet“ zählt europaweit übrigens zu den Top 20.

Quelle: op-online.de

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