Was ist schön, stark und schwarz?

+
Tschukk, Tschukk, Tschukk“ - ja, es klingt in der Tat genauso wie in Kinderliedern oder bei Jim Knopfs Emma aus der Augsburger Puppenkiste, wenn sich eine Dampflok in Bewegung setzt. Bei der 01 118 ist es nicht anders.

Frankfurt/Meiningen ‐ „Tschukk, Tschukk, Tschukk“ - ja, es klingt in der Tat genauso wie in Kinderliedern oder bei Jim Knopfs Emma aus der Augsburger Puppenkiste, wenn sich eine Dampflok in Bewegung setzt. Bei der 01 118 ist es nicht anders. Von Michael Eschenauer

Der 2240 PS starke Koloss steht an diesem regnerischen Morgen um kurz nach Acht auf den Gleisen der Frankfurter Hafenbahn. Oben am Ratsweg staut sich der Berufsverkehr, aber auch hier unten zwischen Lagerschuppen, Containerhöfen und Industriebrachen haben sie Schwierigkeiten vorwärtszukommen.

Kraftspender: Heizer Matthias Kopitzki schippt Kohle in den Feuerkasten.

„Sie“, das sind der 29-jährige Maschinenbaustudent Matthias Kopitzki, der zwar das Lokführerpatent besitzt, aber heute den Heizer mimt. An seiner Seite: Steffen Neumann, 52 Jahre alt und im normalen Leben Teamchef bei DB-Regio. Auch er hat den Lokführerschein, aber auch er ist heute Heizer. Auf dem Führerstand steht Klaus Mühleisen (64), Eisenbahn-Betriebsleiter bei DB-Regio.

„Wir fahr‘n doch auch 120 Sachen.“

„Hallo Fahrdienstleiter, hier Zugnummer 88844. Wir sollten um 9.08 ab Güterbahnhof Frankfurt-Ost auffahren. Wie sieht‘s aus?“, meldet sich Neumann bei der Betriebszentrale der Bahn über Funk. Doch von dort kommt nur der trockene Hinweis, man solle die Füße ruhig halten, erstmal sei der ICE um 9.12 dran, dann, immerhin, gebe es eine Chance. „Aber es muss flott gehen, danach kommt gleich ein Güterzug.“Wir fahr‘n doch auch 120 Sachen, den ICE hätten wir geschafft“, grummelt Neumann und hängt auf.

Lokführer Klaus Mühleisen im Führerstand. Seine Hand ruht auf dem Steuerungsrad, das ähnlich wie eine Gangschaltung wirkt und die Eintauchtiefe des Kolbens verändert. Links im Bild ist der rote Dampfregler zu sehen. Das ist so etwas Ähnliches wie das Gaspedal.

Exakt 251,8 Kilometer hat die 01 118 heute vor sich. Der Stolz des Vereins „Historische Eisenbahn Frankfurt“ geht ins Winterquartier nach Meiningen. Im dortigen DB-Dampflokwerk, dem letzten seiner Art in Westeuropa, warten 120 Lokomotivtechniker und ein trockener, warmer Schuppen auf das betagte Schienenross. Hanau, Kahl, Aschaffenburg, Heigenbrücken, Lohr, Gemünden, Karlstadt, Würzburg, Schweinfurt sind die ersten Stationen. Danach geht es auf einer Nebenstrecke über Münnerstadt, Bad Neustadt, Mellrichstadt nach Meiningen. Knapp vier Stunden werden wir unterwegs sein. Die Bahn stellt ihre Infrastruktur nicht gratis. Der Trip kostet den Verein 380 Euro.

Gegen 9.17 Uhr haben wir es schließlich ins DB-Netz geschafft. Es regnet noch immer. Mühleisen schiebt den roten Dampfregler am Kessel ein paar Zentimeter nach links und löst die Metallhebel der beiden Bremskreise, während Kopitzki russische Steinkohle in den Brennkasten poltern lässt. Langsam und für die samt Tender 24 Meter lange Maschine ungewöhnlich sanft nehmen wir Fahrt auf 50, 60, 75 Stundenkilometer, die Regenfäden drehen sich leicht ins Schräge.

Wird der Schalter ignoriert, folgen Bremsung und Ärger

Rund fünf Millionen Kilometer hat die „01“ schon zurückgelegt, seit sich im Jahre 1934 bei Krupp in Essen rund 170 Tonnen Stahl, Blech und Buntmetall zusammenfügten. Doch auch wenn die Überführung für die Eisenbahn-Fans Kopitzki, Neumann, und Mühleisen wunderschöne Routine darstellt - die Wachsamkeit darf trotzdem keine Sekunde nachlassen.

Steffen Neumann stellt die Wasserversorgung der Maschine sicher. Normalerweise fahren auf einer Dampflok nur zwei Mann mit. Einer „macht das Wasser“ und schippt Kohle, der andere ist der Lokführer.

„Signal frei“, lässt sich Neumann hören, Mühleisen echot mit einem gebrummten „Frei“. Das tun sie immer, wenn eines der 1000 Meter vor dem Hauptsignal stehenden Vorsignale auftaucht. Zeigt es gelb, bedeutet dies, dass das folgende Hauptsignal noch auf Stop steht. Das Passieren des Vorsignals muss der Lokführer stets durch einen Druck auf den erleuchteten „Wachsamkeitsschalter“ quittieren, was dieser mit einem beleidigten Quackton zur Kenntnis nimmt. Wird der Schalter ignoriert, folgen Zwangsbremsung und jede Menge Ärger. „Induktive Zugsicherung“ nennt sich das System, bei dem Magneten an Schiene und Lok miteinander kommunizieren.

„Wir sind so schwer, wir können nicht auf Sicht fahren und müssen uns auf die Vorsignale verlassen“, so Kopitzki.

Draußen ziehen die verhangenen Silhouetten menschenleerer Industriehöfe bei Hanau vorbei. Mühleisen dreht ein wenig an dem Metallstellrad mit der Aufschrift „Luftpumpe“. Die regelt den Druck auf die Bremsen. Es gibt zwei Druckluft-Bremssysteme, die auf Laufräder und Tender wirken.

Zehn Tonnen Kohle hat die „01“ im Tender

Permanent schweifen die Blicke über die Stellräder mit Namen wie „Lichtmaschine“, „Speisepumpe“, „Bläser“. Mit einem großen roten Rad kann Mühleisen die Bewegung der Kolben verändern, was grob gesagt wie eine Gangschaltung wirkt. Über der Kesselklappe hängt ein Gerät, das an eine Wasserwaage erinnert. „Das ist der Wasserstandsmesser. Wir haben acht bis neun Kubikmeter im Kessel. Meist ist das Wasser und nicht die Kohle der limitierende Faktor bei langen Fahrten“, sagt Mühleisen. Zehn Tonnen Kohle hat die „01“ im Tender. Die würden sie locker 1000 Kilometer weit vorwärtstreiben. Auch einen Bordcomputer gibt es. „Keine Abstriche bei der Sicherheit“, so Mühleisen.

Noch ist die Strecke flach, wir erreichen 90 Stundenkilometer. Die Unterhaltung ist trotzdem anstrengend. 200 Stück der „01“ sind seinerzeit gebaut worden. „Ich glaube, die 118 war eine der besten. Die läuft immer noch extrem ruhig“, ist Mühleisen stolz. Dennoch rüttelt und klappert das schwarze Ungetüm. Der kalte Fahrtwind bläst in das hinten offene Fahrerhaus. Öffnet sich beim Nachschippen der Kohle die Ofenklappe vor der Feuerkiste, strahlen die glühenden Kohlen meterweit. Regen sprüht durch die Seitenfenster. Ölkannen klappern, auf dem Boden kollert Kohle durch Wasserlachen, ölverschmierte bunte Tücher flattern hinter Leitungen. Beschienen wird die Eisenbahner-Idylle von einer blakenden 25-Watt-Birne.

Gemähte Wiesen und Gülle riechen

Bei Laufach-Heigenbrücken schwingt Kopitzki die Kohleschaufel. Mit einer Steigung von 25 auf 1000 Metern liegt die Rampe in den Spessart vor uns. Links und rechts warten Schiebeloks. Sie helfen schwereren Zügen beim Aufschwung. Wir haben keine Waggons und kommen ohne Hilfe hoch. Kopitzki hält sich die Ohren zu, seine Augen weisen auf den Druckmesser: fast 16 Bar. „Wenn das Überdruckventil auslöst, geht das voll auf die Ohren“, sagt er und verzieht das Gesicht. Kurz vor Gemünden spricht die „Heißläuferanlage“ an. Diese Vorrichtungen an den Gleisen warnen die Betriebszentrale bei heißgelaufenen Achsen, die brechen oder blockieren können. „Wir sind als Dampflok ganz schön warm, das gibt leicht einen Fehlalarm, deshalb müssen wir uns bei der BZ ankündigen“, so Mühleisen.

Alles andersrum ab Schweinfurt. Heizer Kopitzki hängt die Lampen um.

Bei Karlstadt kann man die gemähten Wiesen am Main riechen, bei Zellingen die Gülle auf den Äckern. Verglichen mit den Führerständen moderner E-Loks, wo lediglich der Joystick klickt und der Bildschirm flimmert, lacht einem hier das pralle Leben ins Gesicht. „Schweinfurt schaffen wir nicht nach Plan“, seufzt Neumann unter seiner speckigen Eisenbahnerkappe. Es wird kurz vor zwölf, bis wir dort sind.

Mühleisen hält seinen Schnitt von 100 Stundenkilometernt, während graue Wälder und einsame Landstraßen vorbeiziehen. „Klar, wir würden auch 120 Dauergeschwindigkeit schaffen, aber so kann ich vorausschauender fahren und die Bremsen schonen“, sagt er. Später wird er - immerhin ist die Presse dabei - vorübergehend satte 120 vorlegen. Da füllen sich ganze Rhöntäler von rechts bis links randvoll mit einer Walze aus weißem Dampf.

Das DB-Netz ist kein Ponyhof

Die BZ sagt, wir sollen Gas geben, sonst lässt sie den Regionalexpress vor“, mischt sich Kopitzki ein. Ja, das DB-Netz ist kein Ponyhof. Auch Oldtimer müssen sich in den Fahrplan einpassen.

Ab Schweinfurt wird‘s frisch. Wir fahren nach Norden Richtung Rhön und - mangels Drehscheibe - die letzten 70 Kilometer rückwärts. Zwischen Lok und Tender zieht‘s wie Hechtsuppe. Ein Vorhang aus schwerem Segeltuch wird vorgezogen, bringt aber nur marginalen Schutz. „Mach mal noch zwei Schippen links hin“, wünscht sich Neumann. Die Kohle muss gleichmäßig brennen. Beim bayrischen Mühlfeld passieren wird die ehemalige Zonengrenze. Eine Frau winkt auf einem Feldweg. In Mellrichstadt flachst Mühleisen mit der BZ herum. „Hier 88844 - könnt ihr nicht mal den Regen abstellen?“ „Nee kommt es zurück. Aber freut euch. Da staubt die Kohle nicht so, hoho!“

Um 12.40 Uhr rollen wir auf das Gelände des Dampflokwerks im thüringischen Meiningen. Es ist ein Heimspiel. Der Verein hat die „01“ der DDR im Jahr 1981 für 80.000 Mark abgekauft.

Über eine Drehscheibe geht‘s in den nach Öl, Dampf und Kohle riechenden Lokschuppen. Mechaniker stehen bereit und nehmen ersten Augenkontakt mit der schönen, starken, 75 Jahre alten Schwarzen auf. „Die braucht jetzt ein paar Tage um komplett abzukühlen“, mein Kopitzki. Es stehen Arbeiten an der Lichtmaschine an. Außerdem gibt es Undichtigkeiten an Druckleitungen des Kessels. Der Verein rechnet mit Wartungskosten von 6000 bis 8000 Euro. Egal. „Jetzt steht sie erstmal im Stall und hat‘s warm“, freut sich Neumann. Ende März werden die Männer vom Verein Historische Eisenbahn wiederkommen und sie abholen - ihre gute, alte „01“.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare