Schöne Geschosse

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DHL-Motorradspezialistin Esther Hartmann macht ein spektakuläres Modell aus Polen verladefertig.

Frankfurt - Gebäude 573, Cargo City-Süd, „DHL Global Forwarding“. Schneewittchen ruhte in einem Kristallsarg, andere Schönheiten müssen mit einer Lagerhalle am Frankfurter Flughafen vorliebnehmen. Von Michael Eschenauer

Ihr Todesschlaf mit abgeklemmter Batterie und leerem Tank währt allerdings nur ein paar Tage. Schon Anfang kommender Woche rollen „Morsus“, „Slugger“, „Stargate“, „Spacester“, „Son of a Gun“ und „Out of the Blue“ dem Höhepunkt ihrer metallenen Existenz entgegen: Die insgesamt 21 Supermotorräder im Wert von 30.000 bis 150.000 Euro treten beim Schönheitswettbewerb der 71. „Annual Black Hills Motorcycle Rally“ in Sturgis (South Dakota) an. Nur etwas mehr als 6000 Einwohner zählt die Kleinstadt im Nordwesten der Vereinigten Staaten. Ab dem 8. August aber wird sie zum Mekka der Motorradverrückten. Bis zu 700.000 Biker werden erwartet. Die Veranstaltung ist die größte dieser Art weltweit, und unsere Schönheiten im Gebäude 573 vertreten Europa. Gestern wurden sie am Frankfurter Flughafen reisefertig gemacht.

Bevor es in den Laderaum des Fliegers geht, werden die Super-Motorräder durchleuchtet. Die Angst vor Terroranschlägen hinterlässt Spuren.

„Die sind natürlich hoch versichert, aber trotzdem müssen wir sie bestmöglichst verpacken.“ Michael Behrens, selbst passionierter Motorradfahrer, hat schon zahllose Überführungen begleitet. Er verzurrt die Bikes mit Spannguten in speziellen Motorradtransportgestellen, umwickelt die empfindlichen Teile mit Plastikfolie und spricht scherzhaft von „den Mopeds“. Weil: „Ich rede erst ab zwei Liter Hubraum von einem Motorrad.“ Die Schnoddrigkeit ist bei dem Mann mit dem langen Zopf nur Fassade, denn er liebt die Maschinen und wird sie, nachdem sie in Denver (Colorado) gelandet sind, auf dem Weitertransport mit dem Lastwagen bis zu ihrem 600 Kilometer entfernten Bestimmungsort nicht aus den Augen lassen.

Jede Art des Service für den Kunden

Für Preise zwischen 4000 und 5000 Euro transportiert DHL die schönen Bikes ins Cowboy-Land. „So eine Überführung ist für den Privatmann immer schwierig“, sagt Oliver Kaut, Vize-Präsident Automotive bei DHL. Für den Urlaubs-Trip nach USA muss man seine Maschine zwar nicht umbauen, und das deutsche Nummernschild ist auch in Ordnung, aber der Papierkrieg mit Zollformalitäten, Sicherheitschecks und anderen Dokumenten sei nicht zu unterschätzen. Ein einziger Fehler - und schon könne der Trip auf der Route 66 zu Ende sein, bevor man den Anlasser getreten hat.

Und hier, so Kaut, komme seit ungefähr zehn Jahren die Deutsche Post DHL ins Spiel. Dem Kunden werde jede Art des Service geboten. Vom Abholen an der heimischen Garage übers Verpacken, die Zollabnahme bis zur Betreuung vor Ort. Bis zu 400 Privatmotorräder, davon die Hälfte Superbikes transportiert die Abteilung Motorradlogistik bei DHL pro Jahr per Flugzeug, Schiff oder Landweg. Hinzu kommen 2000 bis 3000 fabrikneue Motorräder. Für den normalen Urlauber mit Bike-Fieber liegen die Überführungspreise zum Beispiel nach USA und zurück bei 3000 bis 4000 Euro.

„Das ist wie ein Baby, das man weggibt“

„Im Prinzip sind das hier alles Sonderanfertigungen oder Custom-Bikes“, sagt Frank Sander. Er arbeitet für die Organisation AMD oder American Motorcycle Dealers, die den Schönheitswettbewerb in Sturgis ausrichtet. Carbon, Alu, Titan, Chrom, fantastische Lackierungen - es kann gar nicht individuell und edel genug sein. Viele Einzelteile sind speziell für das betreffende Modell gefräst oder gegossen. „Bei der hier“, Sanders deutet auf eine Maschine namens „Cinquiuini“, habe allein die Programmierung der Drehbank mehrere Monate gedauert. Dann seien Motor, Getriebe und Kompressor aus einem Block gefräst worden. „Die Fräsmaschine ist eineinhalb Wochen ununterbrochen gelaufen“, berichtet er. Der Wert von so einem Geschoss sei nicht mehr schätzbar. Dass hier nicht nur technische, sondern auch psychologische Grenzen erreicht werden, zeigen die Namen der Bike-Schmieden. Eine nennt sich „Abnormal Bikes“. Die meisten der Hersteller kennt kein Mensch. Nur zwei der Motorräder in Frankfurt gehen als „Harley Davidsons“ in den Wettbewerb.

„Das ist wie ein Baby, das man weggibt. Ich tu‘ so was nicht sehr gern“, seufzt Birgit Wellering von der „Bikefarm“ in Melle bei Osnabrück. Gerade wird ihre „To Die For“ in den Röntgenkanal gerollt. 1200 Arbeitsstunden stecken hier drin, 75 000 Euro soll später mal ein Freier für sie bezahlen. „Der läuft schon da draußen rum. Er weiß nur noch nicht, dass er seinen Traum bei uns treffen wird“, sagt Mellering. Von Wirtschaftskrise hat die „Bikefarm“, die neben dem normalen Geschäft aus Werbegründen pro Jahr ein Superbike entwickelt und baut, bisher nichts gemerkt. Birgit und ihr Mann Gerd Remmert gehören zu den professionellen Schraubern mit eigener Firma, die bei der Schönheits-WM rund 80 Prozent der Teilnehmer ausmachen. Der Rest sind Privatleute. „Manche von denen stecken alles in ihr Bike“, berichtet Transportexpertin Esther Hartmann. Da reiche es am Ende kaum für das Flugticket. „Es ist leichter, bei Alltäglichem zu verzichten, als auf seine Träume“, sagt Motorrad-Liebhaberin Wellering und streicht über den Schalthebel-Kopf von „To Die For“. Der ist kein gewöhnlicher Knubbel zum Festhalten, sondern der kristallene Verschluss einer Prosecco-Karaffe.

Quelle: op-online.de

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