Schon mit 15 aufs Moped?

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Mit 15 oder 16 aufs Moped? Um das richtige Einstiegsalter streiten sich Experten und Verbände.

Offenbach ‐ Jugendliche können es meist kaum erwarten, motorisiert zu sein. Die Koalitionäre von Union und FDP im Bundestag kommen ihnen nun entgegen: Sie wollen die Umsetzung der EU-Führerscheinrichtlinie nutzen und das Mindestalter für den Moped-Führerschein von 16 auf 15 Jahre senken. Von Ralf Enders

Hochrangige Verkehrsexperten warnen jedoch eindringlich davor und vermuten Lobbyarbeit hinter den Plänen. Die Union-Verkehrspolitiker Dirk Fischer und Gero Storjohann begründen ihren Vorstoß vor allem damit, dass die Alterssenkung Auszubildenden des Handwerks auf dem Land zugute kommen soll. Sie könnten leichter zu ihrem Arbeitsplatz gelangen.

Fischer: „Wir werden den Antrag (...) noch im Juni durch den Deutschen Bundestag bringen, damit Bundesminister Dr. Peter Ramsauer in seinem Haus unmittelbar mit der Anpassung der entsprechenden Gesetze beginnen kann.“ Findet der Vorstoß Zustimmung, könnten 15-Jährige ab 2013 mit Mopeds - offiziell heißen die Gefährte Kleinkrafträder - unterwegs sein. Zudem könnten 15-Jährige mit diesem Führerschein dann auch drei- und vierrädrige Kraftfahrzeuge bis 45 km/h fahren.

Bei der Polizei im Präsidium Südosthessen zeigt man sich prinzipiell aufgeschlossen gegenüber den Plänen. „Wir sind eine moderne Polizei“, sagt Sprecher Ingbert Zacharias, „warum sollten wir uns der Entwicklung verschließen?“ Zacharias verweist auf die guten Erfahrungen mit dem Auto-Führerschein ab 17; Ähnliches sei beim Moped auch denkbar. „Irgendwann aber ist die untere Grenze erreicht“, gibt Zacharias zu bedenken.

Der Polizeisprecher glaubt, dass Jugendliche heutzutage generell reifer und früher in der Lage sind, motorisiert unterwegs zu sein. „14-Jährige müssen insgesamt mehr bewältigen als vor 30 oder 40 Jahren, die Welt ist schneller und anstrengender geworden“, meint Zacharias.

„Wir raten dringend davon ab.“

Im hessischen Verkehrsministerium ist man dagegen skeptisch. Die guten Erfahrungen beim Autoführerschein mit 17 seien auf Zweiräder keineswegs übertragbar. Sprecherin Ulrike Franz-Stöcker verweist zudem auf eine aktuelle Stellungnahme der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), ein Forschungsinstitut, das dem Bundesverkehrsministerium unterstellt ist. Demnach sei das Unfallrisiko umso größer, je jünger und unerfahrener jugendliche Zweiradfahrer sind. Franz-Stöcker: „Aus fachlicher Sicht kann eine Senkung also nicht empfohlen werden, und wir haben keinen Anlass, uns diesem Ratschlag zu entziehen.“

In der Tat: „Wir raten dringend davon ab, 15-Jährigen das Mopedfahren zu erlauben“, sagt Michael Bahr vom Referat Fahrausbildung in der Bundesanstalt für Straßenwesen. Es wäre „sicherheitskritisch“, das Alter in dieser Führerscheinkategorie zu senken. Bahr hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und im Rahmen der Debatte um die EU-Führerscheinrichtlinie eine Stellungnahme fürs Bundesverkehrsministerium erstellt. Diese wurde an die Bundesländer weitergeleitet und ist eigentlich vertraulich. Weil man im Ministerium wenig Interesse an einer Veröffentlichung hat?

Bahr schließt nicht aus, dass hinter dem Vorstoß die Interessen von Industrieverbänden und Fahrlehrern stecken. Diese seien wegen der sinkenden Fahr erlaubniszahlen besorgt.

Seit Jahrzehnten höheres Unfallrisiko

Für den ausgebildeten Fahrlehrer Bahr ist es nicht ratsam, Jugendliche vom Fahrrad oder vom Mofa (Führerschein ab 15, Höchstgeschwindigkeit 25 Stundenkilometer) aufs Moped zu locken; dies lasse sich nach Ansicht des BASt nicht empfehlen. Hauptgrund ist dem Diplom-Sozialwissenschaftler zufolge die gefährliche Mischung von Anfängerrisiko, das unabhängig vom Einstiegsalter durch fehlende Fahrpraxis besteht, und dem sogenannten Jugendlichkeitsrisiko. Dahinter stecken Risikofreude, Leichtsinn, Imponiergehabe, Sensationslust und andere pubertäre Eigenschaften. Zwar spiele sowohl beim Zweiradfahren als auch im Pkw-Bereich - wie beim Führerschein mit 17 - das Anfängerrisiko die tragendere Rolle; im Zweiradbereich sei aber das Jugendlichkeitsrisiko von wesentlich größerer Bedeutung als beim Auto.

Bahr verweist auf das „seit Jahrzehnten höheren Unfallrisiko im Zweiradbereich“. Verkehrsforscher haben ermittelt, dass es pro gefahrene 100 Millionen Kilometer 42 Verunglückte in Pkw gibt. Bei Krafträdern, dazu gehören große Motorräder, sind es schon 321 und bei Kleinkrafträdern und Mofas 471. Den Zugang zu Zweirädern weiter zu „verjüngen“, ist für Bahr „eine Schnapsidee“, das Problem sei mit ein paar Fahrstunden nicht in den Griff zu kriegen.

Die Gescholtenen wehren sich freilich, etwa die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF). „Die Jugendlichen würden mit einer kompletten Ausbildung in Theorie und Praxis in ihre Fahrerkarriere einsteigen. Das würde sich positiv aufs Unfallgeschehen auswirken“, sagt BVF-Vorsitzender Gerhard von Bressensdorf. Er hält Jugendliche heute für deutlich reifer als noch vor 20 Jahren. Zudem bräuchten sie ja auch wegen der fehlenden Geschäftsfähigkeit die Zustimmung der Eltern zum Mopedführerschein. „Und Eltern kennen ihre Kinder schließlich am besten“, sagt von Bressensdorf.

Für die Warnungen der BASt haben die Fahrlehrer wenig übrig: „Die Einschätzungen der Bundesanstalt haben keine solide Datenbasis“, sagt von Bressensdorf. Hauptkritik: Die BASt würde Mofas und Mopeds statistisch in einen Topf werfen.

Lobbyismus geht vor Expertenrat

„bike und business“, offizielles Organ des deutschen Zweiradmechanikerhandwerks, stößt ins gleiche Horn und hat die Online-Petition „Sag Ja zu Moped und Motorrad“ gestartet. Um die „bürgernahe Zweiradmobilität“ zu fördern, gibt es zudem einen eigenen Kanal auf Youtube. Dort wird unter anderem über die Krise des Zweiradmarktes und die zahlreichen Bemühungen der Branche im Berliner Regierungsviertel berichtet.

Fürsprecher der Bundesanstalt für Straßenwesen sind dagegen der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) und die Deutsche Verkehrswacht (DVW). Beide Organisationen sprechen sich „klar“ gegen eine Senkung des Moped-Führerscheinalters aus. DVW-Präsident Kurt Bodewig: „Die Erfahrungen aus Österreich, wo die Altersgrenze für Mopeds mit 45 km/h bereits 1997 auf 15 Jahre gesenkt wurde, sind ernüchternd. Dort haben sich im Zeitraum 2000 bis 2009 die Mopedunfälle der 15-Jährigen vervierzehnfacht. Solche Risiken sind nicht hinzunehmen.“

Die Diskussionen werden durchaus emotional geführt. Der zurückhaltende Umgang in Berlin mit der BASt-Stellungnahme und der Meinung von DVR und DVW legen den Schluss nahe, dass die Warnungen nicht zu laut durchs Land hallen sollen.

Quelle: op-online.de

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