Schreckliche Gewissheit

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Mit Metallsuchgeräten haben Polizisten gestern das Waldstück im Hunsrück durchsucht. Zehn Jahre nach dem Verschwinden der damals 13-jährigen Melanie aus Wiesbaden sind dort sterbliche Überreste des Kindes gefunden worden.

Wiesbaden - An einem Juniabend vor zehn Jahren schickte eine Mutter in Wiesbaden ihre Tochter zum Zigarettenholen. Es war das letzte Mal, dass sich beide sahen, denn die 13-jährige Melanie Frank kehrte nie zurück.  Von Anja Hübner (dpa)

Ein Knochenfund in einem rheinland-pfälzischen Wald brachte nun die grausame Gewissheit: Die Schülerin ist tot. Ihre Eltern haben zehn Jahre vergeblich gehofft und gebangt. In Melanies Wohnort, dem Wiesbadener Stadtteil Klarenthal, erinnern sich die Bewohner noch gut an die Suche nach der vermissten 13-Jährigen.„Es war erschütternd“,sagt eine Mitarbeiterin der katholischen Gemeinde Sankt Klara. Jeder habe die großen Suchaktionen der Polizei im Jahr 1999 mitbekommen. „Jetzt ist es zwar lange her, aber der Fall ist immer noch in den Köpfen.“Mit Hunden, Pferden und einem Hubschrauber suchte die Polizei damals das ganze Wohngebiet ab, etwa 370 Freunde, Nachbarn und Schulkameraden befragte sie in den folgenden Jahren - ohne Erfolg.

Die seit 1999 vermisste Melanie Frank ist tot.

Das schlanke, blonde Mädchen mit grünem T-Shirt, schwarzen Jeans und orangefarbener Armbanduhr blieb verschwunden. Die Polizei hatte nur vage Hinweise auf einen dunklen BMW und auf einen Mann mit blaugrauer Arbeitskleidung, den Zeugen zusammen mit Melanie einige Tage vor ihrem Verschwinden sahen. Das ist bis heute der Ermittlungsstand.

Den entscheidenden Hinweis auf das Schicksal des Mädchens lieferte die Entdeckung von Waldarbeitern des Forstamtes Simmern. Sie fanden im vergangenen Sommer einen menschlichen Schädel. Die Ermittler entdeckten bei einer anschließenden Suche auch noch einen Oberschenkelknochen und ließen die beiden Skelett-Teile von der Rechtsmedizin in Mainz überprüfen. Nach monatelangen Untersuchungen und einer DNA-Analyse stand zweifelsfrei fest: Melanie ist tot, auch wenn sich mit den beiden Skelett-Teilen keine genaue Todesursache feststellen lässt. Die Polizei geht aber davon aus, dass die Schülerin umgebracht wurde. Gestern suchten die Ermittler daher noch einmal den Schädelfundort im Hunsrück ab.

Der Fund des Kindes reiße alte Wunden auf und ermögliche doch die Trauerarbeit, sagt der Traumaexperte Winfried Rief, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Marburg. „Der Tod eines Kindes ist für sehr viele Menschen das Schlimmste, was ihnen passieren kann.“Für neunzig Prozent aller Eltern rufe dieses Erlebnis ein Trauma hervor. Im Fall Melanie Frank brächte der Fund für die Eltern erstmal keine Entlastung. „Sie werden immer wieder Erinnerungsfetzen an die furchtbaren Tage nach dem Verlust ihrer Tochter haben“,sagt Rief. Diese Zeit käme ihnen dann wie die Gegenwart vor. „Dennoch bedeutet der Fund auch, dass sie allmählich Distanz gewinnen und in die Zukunft blicken können.“

Bei der Suche nach Melanie vor zehn Jahren war auch schon Rudolf-Lothar Glas dabei. Bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren arbeitete er als Kriminalbeamter beim Wiesbadener K 11 und ermittelte im Vermisstenfall Melanie Frank. Er habe 1999 die Suchaktion mitgeleitet, sagt Glas. „Ich bedaure, dass sie zu keinem Erfolg geführt hat.“

Inzwischen ist der Ex-Polizist ehrenamtlicher Mitarbeiter vom Weißen Ring, einer Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer. Liegt bei vermissten Kindern ein Verbrechen nahe, wird der Weiße Ring aktiv und stellt den Familien Betreuer zur Seite. Das geschieht bundesweit in etwa 1 000 Fällen pro Jahr. Glas will auch Melanies Angehörigen Hilfe anbieten. „Jetzt, da sicher ist, dass ihre Tochter tot ist, werde ich mit der Mutter von Melanie Kontakt aufnehmen“,sagt Glas. „Am allerwichtigsten ist jetzt erst mal der menschliche Beistand.“

Quelle: op-online.de

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