Schüler mobben sich gegenseitig im Internet

Offenbach - Eine neue Seite ruft Schüler im Internet dazu auf, Gerüchte, Lästereien und abfällige Bemerkungen über andere Mitschüler in die Welt zu streuen. Von Dirk Beutel

Seit etwa einer Woche sind bei der Frankfurter Polizei rund 15 Anrufe von besorgten Eltern und Jugendlichen eingegangen, die sich über diese Plattform beschweren.

Bei den Einträgen handelt es sich um zum Teil wüste Beschimpfungen. So wird ein Mädchen aus Dreieich als „ein kleines Stück Scheiße“ bezeichnet, ein anderes wird mit Kommentaren wie diesem durch den Dreck gezogen: „Die sieht so unschuldig aus, aber bläst alles.“ Brisant: Solche Einträge können nicht gelöscht werden. Zudem protokolliert der Betreiber der Seite keine IP-Adressen und wirbt auch noch mit hundertprozentiger Anonymität. Tatsächlich wird nach keiner Registrierung oder Anmeldung gefragt, wie es in Foren üblich ist. Nicht mal ein Nickname wird benötigt. Jeder kann unerkannt Kommentare über andere ins Netz stellen.
Drei Schulen aus dem Landkreis Offenbach sind auf der Plattform gelistet. Während für das Adolf-Reichwein-Gymnasium in Heusenstamm noch keine Einträge zu finden sind, nutzen offenbar Schüler der Ricarda-Huch-Schule und der Weibelfeldschule (beide Dreieich) diese Form des digitalen Lästerns.

Polizei rät zur Anzeige

Lesen Sie dazu den Kommentar:

Weltweite Klowand

Und:

Schüler mobben Schüler auf Internet-Plattform

Alexander Kießling, Sprecher der Polizei Frankfurt, rät: „Wird jemand das Opfer von Verleumdung, übler Nachrede oder Beleidigung raten wir immer zu einer Anzeige.“ Andersfalls habe die Polizei keine strafrechtliche Handhabe, gegen die Verfasser oder den Betreiber vorzugehen. „Da es sich um eine in Deutsch geschriebene und auf den deutschen Raum bezogene Seite handelt, gilt hier auch deutsches Recht“, sagt Rechtanwalt Dirk Wüstenberg von der gleichnamigen Kanzlei mit Sitz in Offenbach. Obwohl der Fachmann für IT-Recht ebenfalls zu einer Anzeige rät, gibt er zu bedenken, dass die Erfolgschancen einer Anzeige bei unter fünf Prozent rangieren. Besonders schwierig wird es, wenn der Server im Ausland sitzt, wie in diesem Fall in den USA. Dirk Wüstenberg: „Da endet das deutsche Recht an der Landesgrenze, und man ist auf die Kulanz des Providers angewiesen, ob er die IP-Protokolle herausgibt oder löscht.“ Nicht nur das: Die Opfer müssen einen langen Atem beweisen. „Solche Verfahren sind sehr zäh und können sich über Monate hinausziehen ohne Wahrscheinlichkeit auf Erfolg“, sagt Alexander Kießling.

Zivilrechtlich kann man etwas unternehmen

Obgleich die Mobbing-Seite der Polizei Südosthessen in Offenbach bislang nicht bekannt war und auch bei den Kollegen in Frankfurt noch keine Anzeige eingegangen sei, ist man auf betroffene Anrufer vorbereitet. Rainer Lechtenböhmer, Leiter des Kommissariats für Internetkriminalität (ZK 50) in Dreieich kennt das Problem mit solchen Angeboten im Internet: „Wir gehen von einer sehr hohen Dunkelziffer von Betroffenen aus. Vor allem Kinder und Jugendliche haben eine enorme Hemmschwelle, sich ihren Eltern oder Lehrern zu offenbaren, wenn sie im Fadenkreuz von Mobbing-Attacken stehen.“

Hilfe und Beratung gibt es etwa auf der Internetseite der Polizei oder auf Internetseite zum Jugendschutz

Ohnehin sei in 90 bis 95 Prozent aller Fälle von Beleidigungen strafrechtlich nichts zu machen, erklärt IT-Rechtsanwalt Wüstenberg. „Meistens ergibt der entsprechende Text keine Grundlage. Die Betroffenen müssen die Anschuldigungen als freie Meinungsäußerungen ertragen.“ Allerdings könne man zivilrechtlich etwas unternehmen. Einziger Haken: Der Kläger muss den Beklagten selbst recherchieren - im Internet besonders schwierig. Auf Anfrage unserer Mediengruppe, ob die Mobbing-Seite der Justiz neue Grenzen aufzeige, wiegelt Wüstenberg ab: „Online-Recht geht nach Offline-Recht. Es gibt nur ganz selten neue Sachverhalte, die die Rechtsprechung noch nicht gelöst hat.“ Allerdings sei die Rechtsverfolgung im Bezug auf Täter im Internet eine neue Herausforderung - auch für die Politik.

Zumal die Betreiber auch noch zynisch agieren: Auf der Seite mit den Lästerattacken sind vorsorglich das Kinder- und Jugendtelefon „Die Nummer gegen Kummer“ und eine Adresse des Vereins Sorgentreff veröffentlicht. Beide Vereine wussten bis auf unsere Nachfrage hin nichts davon. Beate Friese, Sprecherin der „Nummer gegen Kummer“ sieht’s gelassen: „Es ist nicht nur negativ, denn betroffene Jugendliche könnten so tatsächlich gleich mit uns in Kontakt treten.“ Eine vorherige Nachfrage hätte sie sich aber schon gewünscht.

Quelle: op-online.de

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