Schuhmacherei Lenz

Elefantenleder für den großen Auftritt

+
Schuhmachermeister Michael Dohn zieht mit einer Zange das Leder über den Leisten, um es mit kleinen Nägeln zu fixieren.

Frankfurt - Frauen können ihnen kaum widerstehen, manche besitzen sogar Dutzende davon. Jeden nur erdenklichen Traum von einem Paar Schuhe kann Michael Dohn verwirklichen. Der Schuhmachermeister fertigt auf Wunsch nach Maß. Von Ingrid Zöllner

Der 46-Jährige hat 2011 das Geschäft von Alt-Meister Wolfgang Lenz (71) in der Münchener Straße in Frankfurt übernommen, der aber noch täglich vorbeischaut. Die Begeisterung für den Beruf verdankt er seinem Vater: „Er war gehbehindert. Aber ein Orthopädieschuhtechniker hat ihm ein Paar Schuhe angefertigt, mit denen er ganz normal laufen konnte, als ob nie etwas gewesen wäre.“ Also lernte er als 16-Jähriger den Beruf des Orthopädieschuhtechnikers bei der Firma Günther in Eberstadt. „Ich habe dort noch als Geselle gearbeitet. Kurz vor meinem Meister hatte ich die Möglichkeit, ein Geschäft mit Werkstatt zu übernehmen“, erzählt er. Doch weil er noch drei Monate bis zum Meister hatte, benötigte er eine Ausnahmegenehmigung, dass er das Geschäft schon führen darf. Einer, der ihn damals im Meisterprüfungsausschuss diesbezüglich unterstützte, war Lenz. 2006 kam Dohn als leitender Meister in die Frankfurter Manufaktur, bis er nach einem Jahr Auszeit, in der er für den Ledergroßhandel im Außendienst arbeitete, 2011 den Betrieb von Lenz schließlich übernahm. Inzwischen ist er auch zum Obermeister der Innung gewählt worden und tritt damit in die Fußstapfen des Alt-Meisters.

Der Leisten ist das Abbild des ausgemessenen Fußes. Damit wird der Schuh angefertigt.

Die Schuhmacherei Lenz existiert schon seit 1941. „Mein Großvater Paul Poths hatte das Geschäft meinen Eltern Johanna und Alfred zur Hochzeit geschenkt“, erzählt der 71-Jährige, dessen halbe Familie, unter anderem auch seine Tochter Sabine (47), das Handwerk erlernte. „Sie hat einen Meistertitel, ist aber inzwischen in einer anderen Branche tätig“, erklärt Wolfgang Lenz, wieso seine Tochter nicht die Nachfolge angetreten hat. Er selbst hatte den Laden 1967 übernommen. „Ein Maß-Schuh hält ein Leben lang“, betonen Lenz und Dohn, die sehr gut zusammenarbeiten. Auch wenn der pensionierte Lenz sich inzwischen eher um die Buchhaltung kümmert. Ein Beweis dafür ist auch der Schuh, den die beiden kreiert haben, und der 2015 auf der Handwerksmesse in München präsentiert werden soll. Die beiden verraten nur so viel: Es handelt sich um einen Damenschuh, der eine Art Markenzeichen des Ladens werden soll. Mehr Details sind ihnen noch nicht zu entlocken.

Wer einmal den Unterschied zwischen einem maßgefertigten und einem konventionellen Paar Schuhe gefühlt hat, der will nichts anderes mehr, sind sich beide einig. „Wenn die Leute jammern, dass sie erst einmal die Beine hochlegen müssen, weil ihnen die Füße wehtun, dann haben sie das falsche Schuhwerk. Bei einem passenden Schuh drückt nichts“, stellt Lenz klar. „Schuhe erzeugen Haltung“ ist ein Slogan, für den die Schuhmacherei steht. „Ich sehe am Skelettaufbau, wie jemand in den Schuhen steht und was man ändern müsste“, sagt Dohn.

Dieses Handwerk hat seinen Preis, der bei 1200 Euro startet. Das Paar avanciert aber meist auch schnell zum Liebling seines Besitzers, denn es wurde womöglich einem Modell nachempfunden, das es nicht mehr gibt oder aus den eigenen Wünschen und Vorlieben heraus entwickelt. 40 bis 50 Arbeitsstunden stecken in solch einem Unikat. „Dafür hält das Paar bei entsprechender Pflege ein Leben lang“, sagt Lenz. „Es ist ein professionelles Werkzeug zur Fortbewegung. Für ein Auto geben die Leute doch auch viel Geld aus.“ Schuhe verraten einiges über ihre Träger, sagt Lenz. Kein Wunder, dass die Meister darauf achten, ob sie tatsächlich zusammenpassen. „Zu Highheels zum Beispiel gehört ein eleganter Laufstil. Wer den nicht hat, sollte sie nicht tragen“, sagt Lenz.

Alt-Meister Wolfgang Lenz hält verschiedene Ledermuster in der Hand.

In der Manufaktur verarbeiten die Meister nur höchste Qualität. „Bei unseren Schuhen können Sie jedes Teil nachverfolgen. Im Endeffekt ist dieser biologisch, weil wir nur natürliche Materialien und keine Kunststoffe oder Chemie verwenden“, sagt Dohn. Verarbeitet wird alles an Leder, was der Kunde wünscht und legal ist. So können Kunden unter anderem aus Elefant, Strauß, Rochen, Schlange, Krokodil, Haifisch, Kalb, Rind, Springbock und Ziege wählen. „Elefantenleder ist eines der anschmiegsamsten Lederarten, es ist so weich wie ein Samtkissen“, sagt Dohn, der selbst rund 40 Paar Schuhe sein Eigen zählt.

Am schwierigsten lässt sich Rochen verarbeiten, weil das Material sehr hart ist. Dafür weist das Leder eine einmalige Oberflächenstruktur auf. 30 bis 35 Paar fertigt Dohn pro Jahr. Zu den Kunden gehören Manager und Banker – „Leute, die begriffen haben, wie Arbeit und Qualität zu bewerten sind“, meint Dohn. Lenz sagt es direkt: „Die Dinger, die Sie billig bekommen, kann man nur als Behältnisse bezeichnen, aber nicht als Schuhe. Die Füße sind vom Hirn leider weit weg.“ So mancher Käufer denke nicht darüber nach, unter welchen Bedingungen ein Paar Schuhe hergestellt werden, die man in Discountern bekommt. „Das fängt bei den Chemikalien an und hört bei den Niedriglöhnen für die Arbeiter auf“, stellt Lenz klar. Das Hauptgeschäft der Schuhmacherei liegt inzwischen allerdings weniger in der Maßanfertigung, auch wenn diese im Kommen ist. Zum Alltag des Betriebs gehören das Reparieren und Aufarbeiten von Schuhen, Taschen, Koffern und sonstigen Gegenständen aus Leder. „Es gibt Kunden, die jährlich zu Messen in Frankfurt kommen. Die sammeln übers Jahr Schuhe, die repariert werden müssen und bringen sie dann bei uns vorbei“, erzählt Dohn.

Somit hat der kleine Laden, zu dem einst sieben Filialen in Frankfurt zählten, Kunden aus dem ganzen Bundesgebiet. Derzeit beschäftigt Dohn vier Auszubildende, einer davon ist sein Sohn Alexander, der später eventuell den Betrieb übernehmen wird. Jeder von ihnen muss in seiner Lehre drei Paar selbst anfertigen. „Die Mädchen sind dabei besser als die Jungs. Sie sind zum einen engagierter und mit mehr Ernst bei der Sache“, urteilt der Meister, der selbst am liebsten Frauenschuhe herstellt. „Die machen mehr Spaß, weil sie der Mode unterworfen sind. Sie sind filigraner und schwieriger herzustellen. Da ist die Herausforderung einfach größer“, sagt er.

Es gibt übrigens einen Unterschied zwischen handgemachten und maßgefertigten Schuhen. „Erstere bestehen aus vorgefertigten Teilen, die der Schuhmacher zusammensetzt. Letztere sind komplett auf den Fuß seines künftigen Trägers zugeschnitten“, erklärt Dohn. Kunden könnten Farbe, Form und Material aus Mustervorlagen auswählen. Ob Turnschuh oder Highheel, farbige Sohle, Fell, Stoff oder Leder, klassisch oder modern – auf alle Vorlieben können die Schuhmacher reagieren. „Wir haben hier Kataloge zur Inspiration, aber am besten ist es, wenn der Kunde mit einer konkreten Vorstellung zu uns kommt“, sagt der 46-Jährige, der stets beratend zur Seite steht und auch mal ein Design entwirft, wenn es gewünscht ist.

Ungewöhnliche Wünsche gibt es immer. Lenz erinnert sich an einen Kunden, der das Geschäft mit gelben Schuhen betreten hat: „Der hatte ein lila-weißes Hemd und wollte dazu das passende Paar haben.“ Mit einem Muster vom Hemd entstand aus Antilopenleder das markante Exemplar. Auch ein Stiefelpaar aus Krokoleder gehörte zu den eher außergewöhnlichen Anfragen. Bestellungen von Frauen und Männern halten einander die Waage. Die Schuhmacherei Lenz fertigte unter anderem schon für Schauspielerin Hannelore Elsner Pumps an. „Wir haben auf ihrem Leisten mit ihrer Erlaubnis noch ein Paar hergestellt, das im Schaufenster steht“, sagt Dohn. Es besteht aus blau-metallisch schimmernden Leder.

Wer sich dem Geschäft nähert, kann den Schuhmachern durchs Schaufenster bei der Arbeit zusehen. Jeden Freitag sitzt dort Dana Windrich, die seit fünf Jahren die Kunst des Handwerks präsentiert, indem sie an ihren Modellen arbeitet. Viel zu sehen gibt es auch im ersten Stock, wo Bildhauer Oskar Mahler, der mit Lenz gut befreundet ist, sein Hammermuseum aufgebaut hat. Keine Frage, dass auch Mahler Maß-Schuhe sein Eigen nennt. Wie die aussehen? Ungewöhnlich, wie es sich für einen Künstler gehört: schwarz, mit rotem Rochenleder.

Quelle: op-online.de

Kommentare