Vermittlungsprobleme in Hessens Schulpolitik

Gemeinsames Lernen soll freiwillig sein

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Schulreform: Die SPD rudert bei ihren Plänen zurück.

Wiesbaden - Gemeinsames Lernen statt Einteilung der Schüler in Schubladen nach der Klasse 4, individuelle Förderung statt Abstieg - die Schlagworte des SPD-Bildungsprogrammes sind lange bekannt. Von Petra Wettlaufer-Pohl

Und doch sorgen sie immer wieder für Missverständnisse und Angst der Eltern vor immer neuen Reformen. Dramatisch zugespitzt wird die SPD-Politik genüsslich vom politischen Gegner, der das Konzept schlicht als „sozialistische Einheitsschule“ bezeichnet.

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Jetzt, so heißt es in einem Medienbericht, habe die SPD ihr Wahlprogramm im Bildungsteil „entschärft“, um dem Schulstreit „die Spitze zu nehmen“. Gemeinsames Lernen aller Kinder in der Mittelstufe ist demnach nur noch ein Angebot an Schulen, Eltern und Kinder, für das sie sich freiwillig entscheiden können. „Eine Schulorganisation von oben wird es deshalb mit uns nicht geben“, heißt es im überarbeiteten Programmentwurf zur Landtagswahl.

SPD vermeidet, von einer „Abschaffung der Schulformen“ zu sprechen

SPD-Sprecherin Katja Apelt bestätigt, dass im Zuge der Programmgestaltung, in der die SPD auch im Internet mit vielen Menschen diskutiert habe, Formulierungen geändert wurden, „wir wollten deutlicher werden“. Dass gemeinsames Lernen die Abkehr vom traditionellen Schulsystem ist, liegt einerseits auf der Hand, auf der anderen Seite vermeidet die SPD aber, von einer „Abschaffung der Schulformen“ zu sprechen - wohlwissend, dass dies Wähler abschrecken könnte. „Wir wollen, dass Kinder gefördert und nicht abgestuft werden, dass jedes Kind zu einem Abschluss geführt wird“, sagt Apelt und erinnert an eine Bertelsmann-Studie 2012. Danach kamen in Hessen auf einen Aufsteiger innerhalb des Schulsystems 8,7 Absteiger, Kinder also, die die Schulform wechseln mussten. Das motiviere Kinder nicht.

Nach der Überarbeitung des Programmentwurfs will die SPD ihre Reformen also langsamer angehen - wohl auch mit Blick auf den grünen Wunschpartner, der sich gegen „Zwangsbeglückungen aus Wiesbaden“ ausspricht. Und möglicherweise auch mit einem Blick auf die Finanzen. Denn der gemeinsame Unterricht mit einem hohen Maß an individueller Förderung ist nicht das einzige kostenträchtige SPD-Projekt. Auch der Ausbau der Ganztagsschulen soll beschleunigt werden und jedes Kind unter sechs Jahren einen Rechtsanspruch auf individuelle ganztägige Betreuung und Förderung bekommen.

Quelle: op-online.de

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