Schulterklopfender Heiliger

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Ein lockerer Heiliger beim Plädoyer für mehr Einfachheit und Selbstbeschränkung: der Dalai Lama zusammen mit Hessens Ministerpräsident Roland Koch.

Neu-Isenburg - Weltfrieden, Mitgefühl, Ethik, tibetischer Widerstand gegen China und buddhistische Weltsicht haben jetzt auch in unserer Region eine Farbe. Genauer gesagt sind es sogar zwei: RAL 3004 und RAL 2003. Von Michael Eschenauer

Gekleidet in seinen in aller Welt bekannten, laut der offiziellen deutschen Farbtabelle eindeutig „purpurroten“ Umhang, den eine breite Schärpe in „Pastellorange“ aufhellt, hat Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama gestern seinen Besuch in der Rhein-Main-Region begonnen.

Der von zahlreichen Journalisten und Kamerateams begleitete Auftritt im Hotel Kempinski in Gravenbruch zusammen mit Ministerpräsident Roland Koch bildet den Auftakt zu einem viertägigen Buddhisten-Spektakel. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter wird in der Commerzbank-Arena Vorträge zu Gesellschafts-, Lebens- und Glaubensfragen halten, aber auch mit Wissenschaftlern und Philosophen über gesellschaftliche Entwicklungen diskutieren.

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15.54 Uhr: Von der heiteren Gelassenheit, ansonsten Markenzeichen des Dalai Lama, ist auf der mit Trassierband filetierten Vorfahrt des Nobelhotels wenig zu spüren. „Das ist absolut nicht so vorgesehen“, zischt Hendrik Ziegler von der Presseabteilung der Staatskanzlei. Eben hat der Besucher aus dem indischen Dharmshala gerade seine von Polizeimotorrädern beschützte Schwerkarosse weit vor dem Haupteingang verlassen, um seine Anhänger zu begrüßen. Er steht laut Planung absolut am falschen Platz. Die 200 zum Teil in gelbe und dunkelrote Kutten gehüllten Menschen sind glücklich. Schließlich harren manche seit 12 Uhr vor dem Kempinski mit Willkommenspostern und Tibetfahnen aus. Die Fotografen aber, ohnehin so zappelig, als ernährten sie sich seit Tagen ausschließlich von Espresso und Kokain, sind ohne Motiv und flippen völlig aus. „Hey, seid mal flexibel, ihr müsst uns rüberlassen“, wütet ein Kameramann ins Ohr eines Sicherheitshühnen. „Flexibilität ist nicht unsere Baustelle“, kommt es zurück. Von diesem Zeitpunkt an, wird das Rattern der Digi-Cams nicht mehr abebben. Weder, als die etwas gebückte Heiligkeit rasierte Köpfe tätschelnd, Hände schüttelnd und sich verneigend mit Gastgeber Koch die wenigen Meter bis zum Ballsaal, Schauplatz der Pressekonferenz, zurücklegt, noch als er die Fragen der Journalisten beantwortet. Zuvor aber macht er - nur so im Vorbeigehen - Rüdiger Wagner glücklich. Der hat ein Marmeladenglas mit Erde gefüllt und bittet sein Idol, eine Handvoll Sonnenblumensamen einzupflanzen, was dieser tut.

Vor den Batterien der Kameralinsen entfaltet der Dalai Lama dann für 30 Minuten seinen kumpelhaften Charme. Nach einem Schulterklopfen für Koch, immer wieder herzhaft über die eigenen Witze lachend, gewährt der hohe Besuch in fast unverständlichem Englisch Einblick in seine Welt. „Ich bin nichts Besonderes, jeder hat das Potenzial, inneren Frieden zu finden“, sagt das Oberhaupt der Tibeter, das gekommen ist, um entsprechende Methoden zu den Menschen zu bringen. Sein 50-jähriges Exil in Indien habe auch Vorteile. „Nur als Flüchtling hatte ich die Möglichkeit so viel zu reisen und so viel zu lernen.“ Klar sind die Forderungen Ihrer Heiligkeit nach einem einfacheren Leben, nach mehr Transparenz auch in Wirtschaftsfragen und nach mehr Umweltschutz. Es sei unverzichtbar, beim Verfolgen von Wachstum dessen Grenzen zu respektieren. Er werde weiterhin gegenüber China auf eine gewaltfreie Strategie setzen, sagt der Dalai Lama. Dies hält ihn aber nicht davon ab, die dortigen Machthaber als „kurzsichtig“ und „kindisch“ zu bezeichnen.

Quelle: op-online.de

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