Opossum überholt die Physik

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Sascha Vogel beim Science Slam in Aktion.

Frankfurt - Kann ein voll besetzter Hörsaal abgehen wie Schmidts Katze? Eine interessante Fragestellung. Sie wäre auf der Tagesordnung des vierten „Science Slam“ Frankfurt zwischen all den anderen weltbewegend-kuriosen Themen sicher nicht aufgefallen. Von Cora Werwitzke

Nach drei Stunden im Audimax der Goethe-Universität ließ sich die Frage so oder so wissenschaftlich-deskriptiv beantworten: Ja, er kann abgehen. Und wie...

Genau genommen stellen die weit mehr als 1000 Zuhörer im größten Hörsaal Frankfurts Schmidts Katze in den Schatten: Sitzbänke vibrieren, Studenten johlen, ältere Semester mit grauen Haarkränzen recken Fäuste in die Höhe, der Lärmpegel schwillt auf fast 110 Dezibel an. Was für eine Geräuschkulisse.

Verantwortlich für die Stadionatmosphäre in den ehrwürdigen Mauern der Wissenschaft ist unter anderem Sascha Vogel. Typ lässiger Akademiker, Brille, Ziegenbart, 29 Jahre. Er steht vorne, blickt nach oben, auf scheinbar nicht endende Zuschauerränge. Mehr als 2000 Augen blicken neugierig zurück. Sascha holt Luft.

„Gebrochene Translationsinvarianz physikalischer Theorien“, so der Titel seiner Präsentation. Angemessene Schwere macht sich angesichts solch schwerer Kost breit. Die Uhr zeigt kurz nach 22 Uhr. Sascha ist der letzte von sieben Kandidaten. Ein paar Zuschauer halten sich an ihren Bierflaschen fest, zwei Studentinnen spielen mit leeren Gummibärchen-Tüten. Doch Erleichterung folgt auf den Fuß. Die Übersetzung für Normalos lautet „Physik in Hollywood: irgendwie anders“.

Wissenschaft und Unterhaltung auf hohem Niveau

Ice Age

Was Sascha präsentiert, ist Wissenschaft auf hohem, vor allem aber Unterhaltung auf höchstem Niveau: Szenen aus „Fluch der Karibik 2“ flimmern über die riesige Leinwand: dramatische Kampfszenen zwischen der „Black Pearl“ und der „Flying Dutchman“. Das Äffchen von Piraten-Anführer Barbossa wird in ein Kanonenrohr gestopft, es knallt, der Affe fliegt, segelt und schlägt gefühlte 50 Meter weiter mit genau dem richtigen Timing am anderen Schiffsdeck auf, um Teenie-Schwarm Orlando Bloom alias Will Turner zu retten. Jäh stoppt der Film. Und Sascha Vogel zerstört Illusionen: „Nimmt man Zeit und Strecke, hat der Affe knapp 70 Kilometer pro Stunde drauf.“ Auf der Leinwand ist seine Rechnung zu sehen, es folgt eine Animation, die zeigt, wie ein Affe baden geht. „Damit kommt das Äffchen genau 2,4 Meter weit“, urteilt Sascha. Das Publikum ist sichtlich amüsiert.

Bei den folgenden Szenen von „Ice-Age 2“ ist das Gelächter schon groß, bevor Sascha Vogel etwas sagen kann. Mammut Manni katapultiert das Opossum Crash Richtung Himmel. Es saust mit Karacho durch die Luft, singt „I believe I can fly“ und rauscht mit Volldampf gegen einen Baum. In Cartoon-Manier hinterlässt das geplättete Tier einen Abdruck im Stamm.

Sascha hastet durch seine Rechnungen, setzt Größe und Gewicht des Opossums ins Verhältnis zur Flugzeit – und hat für die johlenden Zuschauer wieder nur Ernüchterndes parat: „Das Opossum wirkt mit einer Kraft von 0,02 Newton pro Quadratmillimeter auf den Stamm. Um einen Abdruck zu hinterlassen müssten es 70 sein.“ Das Tier habe aber noch ein ganz anderes Problem, doziert der Frankfurter weiter. „Es gelingt ihm im Film, die zwölffache Erdbeschleunigung auszuhalten. Trainierte Astronauten packen nur die zehnfache.“

„Bembel der Weisheit“ für den Sieger

Sascha Vogel entzaubert noch Spiderman und ulkt über Tony Starks selbst montierten Teilchenbeschleuniger aus „Iron Man 2“. Im Moment, in dem er das Mikrofon ablegt, ist eigentlich schon alles klar. Sechs Kandidaten, sogenannte Slammer, haben vor ihm jeweils zehn Minuten lang unterhaltsame, witzige und wagemutige Beiträge aus der Welt der Wissenschaft abgeliefert. Haben von Schmiermittelaufstiegspilzen, Kristallisationskeimen im metastabilen Zustand und „Creative Accounting“ geredet. Aber nach der letzten Präsentation ist die Ermittlung des Siegers nur noch reine Formsache. Die sechsköpfige Jury gibt dem promovierten Physiker die Höchstnote. Die Publikumswertung, gemessen an der Lautstärke des Rabatz, den die Zuschauer veranstalten, erreicht mit 109,3 Dezibel den Tagesrekord.

Als Siegprämie winkt Sascha Vogel die schönste und gleichzeitig nützlichste Trophäe, die man einem gebürtigen Frankfurter vermachen kann. Der 29-Jährige sackt den vom Physikalischen Verein gestifteten „Bembel der Weisheit“ ein. Und der muss laut Sascha Vogel kein staubiges Dasein hinter Vitrinenglas fürchten. „Das gute Stück wird heute Abend noch standesgemäß eingeweiht“, versichert der humorvolle Physiker.

Quelle: op-online.de

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