Der Segen der Krise

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Monument im Osten Frankfurts. Die Computeranimation zeigt das langgestreckte Gebäude der Großmarkthalle, den Querriegel mit dem Eingangsbereich und den 185 Meter hohen Doppelturm.

Frankfurt ‐ Was, Schnäppchen gibt‘s erst nach Weihnachten? Von wegen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat gestern ihr neuestes Schnäppchen vorgestellt: Die Banker beginnen nach eineinhalbjähriger Verzögerung im April mit den Arbeiten am Neubau im Frankfurter Ost end. Von Michael Eschenauer

Und das zu einem Preis, den man sich eigentlich nicht mehr hatte vorstellen können: Er wird am Ende zwar über jenen 500 Millionen Euro liegen, mit denen man ursprünglich kalkulierte, aber immer noch weit entfernt sein von jener Schocksumme 1,4 Milliarden Euro, die zwischenzeitlich im Raum stand. Als Fertigstellungstermin ist 2013 vorgesehen, umziehen sollen die 1400 EZB-Angestellten im Jahr 2014.

Eine der wenigen ersten Visualisierungen des Innern der neuen EZB zeigt das Pressezentrum. Es wird in den durch die einstige Großmarkthalle hindurchführenden Querriegel gebaut.

Grund für die Wende in der bisher eher traurigen Baugeschichte ist das Geld. Mit Warten und einer veränderten Art der Ausschreibung hat es der Rat der Euro-Bank geschafft, die Kosten zu senken. Vor eineinhalb Jahren hatte man die Ausschreibung des Projekts an der Frankfurter Großmarkthalle entnervt abgebrochen, weil der einzige Generalunternehmer, der an dem Auftrag interessiert war, den Kostenrahmen um mehr als 100 Prozent überzog. Er wollte für den Geldpalast mit dem in sich gedrehten, 185 Meter hohen Doppelturm 1,2 bis 1,4 Milliarden Euro. Die verstörten Geldmenschen sahen sich diverse Alternativstandorte in der Stadt an. Ergebnis: Man wollte an der Sonnemannstraße bleiben. Schließlich hatte man hier nach Angaben des EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi bereits 180 Millionen Euro verbaut.

Was ist die „Europäische Zentralbank“ und welche Funktion erfüllt sie?

Das Warten hat sich gelohnt. Insgesamt, so der EZB-Manager, werde man mit Neubau-, Grundstücks- und Planungskosten sowie der Ausstattung weit unter einer Milliarde Euro bleiben. Im Jahr 2005 hatte die EZB für das Gesamtprojekt 850 Millionen Euro vorgesehen. Die Kosten werden von allen EZB-Mitgliedern getragen.

Geld gespart durch Aufteilung

„Der zweite Versuch war erfolgreich“, freute sich gestern der Italiener, der im sechsköpfigen EZB-Direktorium für das Prestigeprojekt zuständig ist. Es seien keine Abstriche bei der Qualität von Architektur oder Bausubstanz gemacht worden. Gebaut wird die neue EZB weiterhin vom Gewinner des Architektenwettbewerbs, dem Wiener Planungsbüro Coop Himmelb(l)au.

Und so haben sie Geld gespart: Die Bauarbeiten wurden nicht an einen Generalunternehmer vergeben, sondern - das steigert die Konkurrenz - in zwölf große Leistungspakete aufgeteilt, die ihrerseits 69 verschiedene Einzelgewerke umfassten. „Die Aufträge für etwa 80 Prozent der Baukosten sind vergeben. Wir konnten aus über 400 interessierten Firmen am Ende 200 auswählen, die gegeneinander antraten“, so Smaghi.

Bilder vom geplanten EZB-Neubau

So soll der EZB-Neubau aussehen

Namen von Firmen fielen gestern nicht. „Die Verträge sind noch nicht unterzeichnet. Wir werden das im Januar oder Februar tun“, begründete Thomas Rinderspacher, Leiter der Bauabteilung der EZB, das Schweigen. Er rechnet bei den bisher vergebenen 44 Losen mit deutlich weniger Einzelauftragsnehmern, da manche Betriebe mehrere Lose abarbeiten.

Die ersten acht Ausschreibungspakete umfassen Rohbau, Erschließung der Anlage, Aufzüge, Straßen, Rampen, Dächer, Außenhüllen, Technik und Elektrik. Die restlichen drei Lose sollen 2010 oder 2011 vergeben werden. Die Bauleitung liegt bei der Firma Gassmann und Grossmann (Stuttgart).

Die genaue Höhe der Baukosten ist schwierig abzuschätzen. „Wir rechnen in Preisen von 2005 ab“, so Rinderspacher. Dies bedeutet, dass Preisbewegungen, die sich bei Personalkosten oder Material seit damals oder in Zukunft ergeben, zwar gezahlt werden, aber nicht in die offizielle Rechnung für die EZB einfließen.

Wirtschaftskrise lässt Preise sinken

Zu der verbesserten Auftragsvergabe kommt die Wirtschaftskrise. Viele Baufirmen suchen händeringend Aufträge, die Materialpreise zum Beispiel für Zement oder Stahl sowie die Mieten für Baugerät sind gesunken. „Wir wollten den Auftrag erstmals vergeben, als die Personal- und Rohstoffkosten Spitzenwerte hatten“, so Smaghi, der diesen Zeitpunkt mit „Peak of the Bubble“ (Spitze der Blase) umschrieb. Nun habe man das Glück, dass die Verträge in Zeiten der Wirtschaftskrise mit fallenden Preisen unterzeichnet werden. Dies sei der: „Burst of the Bubble“ - die Blase sei geplatzt. Dennoch wird man das 500-Millionen-Euro-Limit „reißen“, denn die Rohstoffpreise liegen immer noch über dem Niveau der ersten Planungen.

Himmelb(l)au-Chef Wolf Prix sah sich gestern als „glücklichen Architekten“. „Die neue EZB ist ein Symbol für die Gemeinschaft der Europäer und wird ein merkbares Gebäude sein“, versprach er. Genugtuung zeigte der Gründer vom Himmelb(l)au darüber, dass jetzt endlich bewiesen worden sei, dass nicht die Architekten schuld an den hohen Baukosten gewesen seien, sondern die Art der Ausschreibung. Diese Beschuldigung sei „eine Sauerei“ gewesen. „Jetzt hat man eine intelligentere Art der Ausschreibung gewählt. Wir sind nicht in die hohle Gasse eines Generalunternehmers geraten“, so Prix.

Die Beschäftigten der Zentralbank sind derzeit auf mehrere Gebäude im Frankfurter Bankenviertel verteilt. Der Neubau wird mehrere Kilometer davon entfernt im Ostend direkt am Main errichtet. Teil davon wird die denkmalgeschützte frühere Großmarkthalle des Architekten Martin Elsaesser.

Der für seine Spannbeton-Konstruktion berühmte Backstein-Bau aus dem Jahr 1928 wird durch einen stählernen Querriegel mit den Doppeltürmen verbunden. Der Riegel wird der EZB künftig als Eingangscenter und Pressezentrum dienen.

Quelle: op-online.de

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