Sehen, hören, riechen, fühlen...

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Wenn dieser Mann hinfällt, weiß es sein Helfer in der Alarmzentrale.

Frankfurt - Sehen, hören, riechen, fühlen, reden - helfen. In Frankfurt schicken sie eine Armada von Sensoren in den Kampf gegen Pflegenotstand und explodierende Kosten bei der Betreuung alter Menschen. Von Michael Eschenauer

Gestern startete im Stadtteil Gallus ein Feldversuch, bei dem zunächst bis zu 60 Wohnungen des städtischen Wohnungskonzerns ABG Frankfurt Holding mit umfassenden „Altersgerechten Assistenzsystemen“ ausgerüstet werden.

Stadtverwaltung, Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Fachhochschule Frankfurt sowie die Firmen „All Service Sicherheitsdienste“, „Klug Sicherheitstechnik“ und das „House of IT e.V.“ wollen innerhalb von zwei Jahren herausfinden, ob die Fernüberwachung von Haushalten mittels High-Tech und angeschlossenem Alarmsystem es alten und pflegebedürftigen Menschen ermöglicht, länger in den eigenen vier Wänden zu wohnen. Das wollen viele. Laut Umfragen können sich nur zwei Prozent vorstellen, einmal in einem Altersheim zu leben. Gefördert wird das Projekt mit 434.000 Euro durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst.

19.000 unserer Mieter älter als 60 Jahre

Ziel ist die „Entwicklung eines marktfähigen Gesamtprodukts für die Wohnungswirtschaft“. In der Sache steht Geld und sie könnte schnell wachsen: Die ABG ist ein Wohnungskonzern mit 50 000 Wohnungen. „Schon heute sind 19.000 unserer Mieter älter als 60 Jahre“, sagte Geschäftsführer Frank Junker. Der Umbau des Wohnungs-Altbestandes sei eine wesentlich größere Herausforderung als die bereits praktizierte seniorengerechte Ausstattung neuer Quartiere. Die Umrüstung lasse sich im Erfolgsfall sofort ausweiten.

Oliver Backhaus, Geschäftsführer des Frankfurter Roten Kreuzes, schätzt die Mietkosten eines Assistenzsystems nach der Versuchsphase auf maximal 70 Euro im Monat. „Dann wären alle Sensoren angeschlossen, was meist nicht notwendig ist.“ Der Grundpreis für den Hausnotruf liegt derzeit bei 18 Euro. Ab Pflegestufe zwei zahlt die Kasse. „Die Technik ist einfach, die Intelligenz steckt in den Geräten“, so Backhaus.

Die Professorin Barbara Klein von der Fachhochschule Frankfurt zeigt einen Feuchtigkeitssensor fürs Bad.

Bei dem neuen Angebot von ABG und DRK schauen auch Wissenschaftler der Fachhochschule Frankfurt genau hin. „Bei über 70-Jährigen sind 90 Prozent chronisch krank“, sagte Professsor Dr. Barbara Klein, die das Forschungsprojekt leitet. Hier sei die Angst, im Notfall keine Hilfe zu erhalten, besonders ausgeprägt. Der altbekannte Hausnotruf allerdings werde zu wenig genutzt. „Das ist kein Durchbruch gewesen. Nur 400.000 Haushalte in Deutschland nutzen diese Technik - und das bei 1,6 Millionen Pflegebedürftigen im häuslichen Bereich“, so Klein. Grund sei, dass der Notruf als Überwachungsapparat wahrgenommen werde, viele das Tragen der Geräte am Körper ablehnten und oft mit der Bedienung nicht klar kämen. Bedingung für leistungsfähigere Hilfsangebote müsse sein, „dass Angehörige und pflegende Personen durch die Technik unterstützt, aber nicht ersetzt werden“.

Datenschutz und Kosten sind weitere Themen

In Frankfurt wolle man herausfinden, woran die mangelnde Akzeptanz liege. Weitere Themen sind der Datenschutz und die Verteilung der zusätzlichen Kosten - zum Beispiel zwischen Wohnungsgesellschaften, Hilfsdiensten, Versicherungen, Gesundheitssystem und der Kommune.

DRK-Chef Backhaus äußerte die Hoffnung, dass es mit Hilfe eines wissenschaftlich begleiteten Versuchs einfacher sein werde, die Krankenkassen von einer Kostenbeteiligung zu überzeugen. Dies sei „eine Rettungskette, die schnellere Hilfe ermöglicht, die Heilungschancen verbessert und Kosten senkt“.

Nach Einschätzung von Wissenschaftlerin Klein steigert der Ausbau von Sensor-Hilfssystemen nicht nur die Lebensqualität der alten Menschen und ihrer Angehörigen, die nicht ständig in Sorge leben müssen, sondern spart auch Geld. „Untersuchungen in Schottland haben gezeigt, dass die Kosten für ungeplante Klinikaufenthalte um 30 Prozent gesunken sind. Bei 15 Prozent der Klinikaufenthalte war eine frühere Entlassung möglich. Und durch einen späteren oder gar nicht mehr notwendigen Umzug in eine Pflegeeinrichtung konnten 30 Prozent Kosten gespart werden.“ Ferner habe man auf der Insel die Hausbesuche von Ärzten reduzieren können, die Sterblichkeitsrate sei ebenfalls gesunken.

„Soziale Gerechtigkeit ist für mich ein wichtiges Thema, das Altwerden in Würde und Selbstbestimmung gehört dazu“, sagte der neue Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) zum Versuchsstart. Viele alte Menschen hätten Angst vor einem Wechsel in eine Pflegeeinrichtung, das habe er als ehemaliger Leiter eines Altenheims selbst erfahren müssen, obwohl auch dort eine würdige Unterbringung durchaus möglich sei. Feldmann erinnerte daran, das die jetzige Generation älterer Menschen wenig von derartigen Neuerungen profitieren werde. „Den Nutzen all dieser Versuche wird die nächste Generation haben, also wir Jüngeren.“

Quelle: op-online.de

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