Sehnsucht nach Romantik

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Ort vieler Liebesschwüre: Der Eiserne Steg in Frankfurt.

Frankfurt - Die Liebe wirft einen aus der Bahn, setzt Flausen in den Kopf und sorgt für ein Gefühl, als hätte man gerade das Berliner Olympiastadion samt Fußball-WM-Titelgewinn verschluckt. 80.000 jubelnde Fans inklusive. Von Katharina Skalli

Die Liebe sucht ständig nach neuen Ausdrucksformen. Wer liebt, will es der ganzen Welt erzählen. Und vor allem will man das Gefühl für immer festhalten. Was liegt da näher, als es anzuketten und den Schlüssel auf Nimmerwiedersehen zu versenken? Diese Idee ist nicht neu. Seit den frühen 90ern hängen Paare Schlösser an Brücken, um ihre Liebe zu besiegeln. Nun hat es den Eisernen Steg in Frankfurt erwischt. Auch dort haben Verliebte ein langlebiges Zeichen ihrer Liebe gesetzt.

Im Licht der untergehenden Abendsonne glitzern der Main, die verspiegelten Fensterfronten der Bankentürme, die Sonnenbrillen der Uferpassanten und der polierte Stahl der kleinen Bogenschlösser, die den Weg über den Eisernen Steg säumen. Charlotte + Peter. Anna +Jens. Silvia + Emanuel. Quer durch das Alphabet kann man sich lesen, will man die Namen derer durchgehen, die sich für ihren Liebesschwur das schmale Frankfurter Wahrzeichen ausgesucht haben. Namen, Initialen und Daten sind zu lesen. Manchmal verziert mit einem Herz. Die Geschichten hinter den eingravierten Namen bleiben ein Geheimnis.

Wissenschaftler sind dem Phänomen auf der Spur

Der Frage auf der Spur, warum die Menschen rote, silberne, blaue und goldene Schlösser an die Stahlkonstruktion einer Brücke hängen, ist Dr. Dagmar Hänel. Die Leiterin der Abteilung Volkskunde des Landschaftsverbandes Rheinland in Köln untersucht mit ihrem Team seit etwa zwei Jahren das Phänomen der Liebesschlösser. An der Hohenzollernbrücke in Köln hängen seit zwei Jahren Liebende gravierte und personalisierte Vorhängeschlösser. Was mit zehn einzelnen begann, ist mittlerweile eine Attraktion. 50 000 Schlösser sind in nur zwei Jahren hinzugekommen.

Die Anthropologin erklärt das Ritual so: „Man hängt das Schloss an die Brücke und wirft den Schlüssel in den Fluss, um zu symbolisieren, dass die Liebe ewig halten soll.“ Der Schlüssel ist für immer verloren, das Paar kann nicht mehr getrennt werden. Die Brücke symbolisiert dabei die Verbindung zweier Ufer. „Sie steht für Kommunikation, Verbindung und Verständigung.“ Mit einem Schlüssel assoziiert der Mensch das „Zueinanderpassen“ und „Zusammengehören“.

Auch Vereine und Freunde zeigen so ihre Zusammengehörigkeit

Den Spezialisten aus Köln erzählt das Phänomen viel über das, was in einer Gesellschaft wichtig ist. „Liebe und Freundschaft bewegen die Menschen zurzeit sehr“, erklärt Dagmar Hänel. „Sie suchen nach Ausdrucksformen für ihre Gefühle.“ Die Wissenschaftler haben beobachtet, dass nicht nur Paare mit dem Ritual ihre Liebe besiegeln. Auch Cliquen, Vereine und Freunde demonstrieren so ihre Zusammengehörigkeit. Sogar einige Liebesbekundungen an die Stadt Köln haben Hänel und ihre Mitarbeiter bereits gefunden. „Die Menschen variieren das Ritual und gehen kreativ damit um.“

Der Ursprung ist bis heute nicht ganz geklärt. In vielen europäischen Städten lässt sich das Phänomen entdecken. Vor allem in den italienischen Städten Rom, Florenz und Verona, aber auch in St. Petersburg, Tirol, Riga und China. Sogar in New York soll es die ersten Schlösser geben. „Dort geht es gerade los.“

Neues Ritual - alte Symbolik

Auch wenn sich das Ritual erst seit wenigen Jahrzehnten verbreitet, so greift es doch auf eine alte Symbolik zurück. Schon in mittelalterlichen Minneliedern wird der passende Schlüssel zum Schloss thematisiert. Der Schlüssel sei heute ein Machtsymbol und damit in Kombination mit einer Beziehung ein untypisches und nicht mehr zeitgemäßes Symbol für die Liebe. Aber im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft sei das Motiv eben noch vorhanden. Jeder versteht die Symbolik. Seit der Romantik steht es für den Begriff „Zusammengehören“.

Im Web 2.0 hat das Phänomen seinen Platz gefunden. Auf Facebook gibt es einige Seiten und Profile zum Thema. Romantische Liebesgeschichten werden zwar nicht verraten, aber es wird schon mal ein Beweisfoto gepostet. So geht Treue schwören heute.

Der Eiserne Steg, der Sachsenhausen mit dem Rest der Stadt verbindet, ist beliebtes Ziel für Städtebummler und Spaziergänger. Wenn die Sonne hinter den Wolkenkratzern untergeht, lebt der moderne Stadtmensch seine romantischen Gefühle mit einem Kuss und einer Wurfbewegung Richtung Wasser. Und was der Schließmechanismus verbindet, das darf der Mensch nicht trennen.

Quelle: op-online.de

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