Selbstversuch

Verrückte Eiszeit

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300 Kufenflitzer in der Frankfurter Eissporthalle: Trotz warmen Außentemperaturen ist Schlittschuhfahren schon im September beliebt.

Frankfurt - Erster September, 21 Grad Außentemperatur, es ist Zeit fürs jährliche Eislaufen. Eislaufen? Wer ist denn auf diese verrückte Idee gekommen? Ich. Von Daniel Schmitt

Am vergangenen Samstag besuche ich die Eissporthalle in Frankfurt, die zum ersten Mal nach der Winterpause ihre Türen öffnet.

Ich mache mich um zehn Uhr auf den Weg, rechne mit einer leeren Eisfläche, um meine – sagen wir mäßigen – Schlittschuhkünste auszuleben. Am Eingang begrüßen mich ein Schild mit den Worten „30 Jahre Eissporthalle“ und eine Dame. Vier Euro kostet der Eintritt. Auch sonst alles wie erwartet: der Parkplatz leer, keine Schlange am Eingang, es scheint nichts los zu sein am Ratsweg. Warum auch? Ist ja erst September.

Bin ich falsch?

Wenig später komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Umkleidebereich ist voll. Überall reden Menschen. Ich merke, wie ich für einen Augenblick überfordert bin. Bin ich falsch? Womöglich eine Veranstaltung? Ich setze mich neben ein Mädchen, sie dürfte zwischen 14 und 16 Jahre alt sein. Sie trägt ein weißes T-Shirt und eine bunte Boxershorts. Moment. Genauer hingeschaut: eine bunte Boxershorts mit Snoopy-Aufdruck. Gegenüber sitzt ein etwas älterer Junge. Er ist komplett in einen grauen Schlafanzug gehüllt.

Weiter weg steht ein Junge mit einer knallengen, gelben Badehose um seine molligen Hüften. Wo bin ich denn hier gelandet? Ich wollte doch nur seelenruhig meine Pirouetten drehen. „Die machen eine Mottoparty“, sagt die Verkäuferin beim Schlittschuhverleih und knöpft mir 3,50 Euro für schwarze Treter in Größe 42 ab. Die Jugendlichen haben sich via Facebook verabredet. Und scheinbar alle den Termin eingehalten. Die Verkäuferin erzählt, dass 300 Besucher in der Eishalle sind. Das sei ungewöhnlich, sonst komme an warmen Tagen höchstens die Hälfte. Im Winter sind es rund 3 000. Ich betrete die Halle, ihre Angaben bestätigen sich. Da die Außenanlage in der Vorsaison nicht geöffnet ist – dort drehen Inlineskater ihre Runden –, verlagert sich alles nach Innen, wo sonst die Eishockeycracks der Frankfurter Löwen über die Fläche schießen.

Von unten kommt eine kalte Brise

Ich trete auf das Eis, von unten weht mir eine kalte Brise entgegen. Zum Glück folge ich nicht dem Motto der anderen und trage mehr als Unterwäsche. Drei bis vier kräftige Schritte – die Schlittschuhe sitzen eindeutig zu locker. Ich halte mich an der Bande fest, um den Verschluss enger zu stellen. Mein Blick fällt auf die Mitte der Eisfläche. Dort hat sich ein Kreis um einen jungen Mann gebildet. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli und bewegt seine Schlittschuhe so schnell, dass ich ihnen mit den Augen nicht folgen kann. Er wirft sich auf seinen Rücken, dreht sich im Kreis und steht auf. Er gleitet aus dem Kreis, nimmt Anlauf, springt ab und landet nach einer Drehung wieder in Fahrtrichtung. Nach fünf Minuten löst sich die Menge auf. Ich bewege mich aus meiner Parkposition und spreche den Schlittschuhkünstler an. Florian Herpel, 22 Jahre alt, aus Karlsruhe. Er ist Ice-Freestyler. Anders gesagt: Er ist Breakdancer auf Schlittschuhen. Um mir das zu demonstrieren, holt er aus, wirft seinen Körper nach vorne, fängt die Bewegung mit der Hand ab und streckt seine Beine gen Hallendach. Nicht schlecht. Schnell setze ich meine Erkundungstour fort, um ihm meine vergleichsweise erbärmlichen Künste zu verbergen.

Nach einigen Runden muss ich runter vom Eis. Eine Durchsage kündigt an, dass die Eishockeyprofis nun trainieren. Die Meute weicht in die kleine Halle aus. Dort sind 650 Quadratmeter Eis eindeutig zu wenig für die vielen Kufenflitzer. Nach einigen Fast-Zusammenstößen beende ich genervt meinen Ausflug, gebe meine Schuhe ab und lasse mir am Ausgang noch sagen, dass auch morgen wieder geöffnet sei. Nein, denke ich mir. Wiederkommen am nächsten Tag wäre wirklich verrückt.

Quelle: op-online.de

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