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Trotz Krankheit und Einsamkeit: Senioren feiern Ü-90-Party

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Ein Geburtsdatum von 1927 oder früher war Bedingung für den Einlass: Dann schunkelten die Besucher des Sozialzentrums der Arbeiterwohlfahrt Bensheim bei ihrer Ü-90-Party zur Musik des Duos „Sorgenbrecher“.

Bensheim -  Den 90. Geburtstag erleben nur wenige Menschen in Deutschland – doch es werden immer mehr. Auf einer „Ü-90-Party“ an der Bergstraße sprühen Hochbetagte vor Lebensfreude. Von Ira Schaible

Der 95 Jahre alte ehemalige Schuhmachermeister strahlt: „Heut’ ist Leben im Haus. Da bin ich wieder ein junger Bursch’“, sagt er zu Beginn der „Ü-90-Party“ im AWO-Sozialzentrum im südhessischen Bensheim sichtlich vergnügt. „Ich freue mich, dass hier noch so viele alte Leute sind, denn viele sind ja tot.“ Rund 70 Menschen im Alter 90 plus sind zu der Hochbetagten-Feier an diesem Nachmittag gekommen. Sie schunkeln und singen zur Musik des Duos „Sorgenbrecher“, essen Kuchen und trinken Erdbeerbowle dazu. Alle rund 300 Bürger im Alter von über 90 Jahren in der 42 000-Einwohner-Stadt seien angeschrieben worden, sagt Stadtsprecher Matthias Schaider. „Die 70 Plätze waren innerhalb eines Tages belegt.“

Mehr Platz gebe es nicht, und das Budget von 500 Euro sei auch ausgereizt, erklärt Andrea Schumacher von der Stadt die Begrenzung. Die erste Veranstaltung dieser Art 2014 zum Hessentag (Hessentag 2018 in Korbach: Veranstaltungen, Tickets, Parken und Bands) sei so gut angekommen, dass sie seither jedes Jahr wiederholt werde. „Für diesen Personenkreis wird ja gar nichts angeboten“, sagt Schumacher. Und: „Wenn wir die Menschen ab 80 einladen würden, müssten wir ja eine Halle mieten.“

Was unterscheidet die „Ü-90-Party“ von einem gewöhnlichen Altennachmittag? „Der Titel hat mich zum Lachen gebracht“, sagt eine 90 Jahre alte pensionierte Realschullehrerin, die mit dem Auto gekommen ist. „Ich bewege mich fast nie unter Gleichaltrigen, sondern immer unter Jüngeren.“ Nun genieße sie die ungewohnte Runde für eine Stunde. „Dann muss ich wieder los. Ich hab’ noch viel zu tun.“ Viele Ü-90er seien auf den Titel stolz und darauf, ihren Enkeln und Urenkeln zu erzählen, dass sie auf einer „Ü-90-Party“ waren, sagt Schaider.

Der Altersforscher und Buchautor Sven Voelpel findet den Namen „Ü-90-Party“ auch gut. „So verschwinden Stereotype aus dem Kopf und die Leute bleiben dadurch auch ein bisschen jung“, sagte der Betriebswirtschafts-Professor von der Jacobs University in Bremen. „Durch die Einstellung prägen wir, wie alt wir sind.“ Die meisten Menschen über 90 Jahren litten darunter, dass alle Freunde schon gestorben seien. Nicht nur der Partner, auch die eigenen Kinder seien oft bereits tot. Sich darüber mit anderen Menschen auszutauschen, die trotz unterschiedlicher Lebensläufe ähnliche Erfahrungen gemacht hätten, sei sehr hilfreich, sagt Voelpel.

Er ist Gründungsdirektor eines Demografienetzwerks und Leiter der Forschergruppe WISE, die Veränderungen untersucht, die durch den demografischen Wandel verursacht werden. „Die alten Leute wollen auch mal ein bisschen Unterhaltung haben“, sagt ein 90-Jähriger, der trotz seines schmerzhaften Beinleidens von seiner Wohnung ins Sozialzentrum gekommen ist. „Ich freue mich sehr, dass mal was los ist.“

Im Alter in eine Wohngemeinschaft ziehen

Einsamkeit, so zeigten Studien, sei für den Menschen fast so schlimm wie mangelnde Bewegung oder schlechte Ernährung, sagt Voelpel. „Die soziale Interaktion und das Gefühl, integriert zu bleiben, halten lebendig und regen das Gehirn an.“ Bei den „Ü-90-Partys“ in Bensheim hätten sich Menschen wieder gefunden, die sich noch aus der Schule kannten und aus den Augen verloren hatten, berichtet Tanja Eichelbaum vom AWO-Sozialzentrum. „Es wurden einige Bekanntschaften und Freundschaften geknüpft.“

Eine 94-Jährige ist schon zum fünften Mal da: „Eine neue Bekanntschaft will ich aber nicht mehr.“ Ihr Mann sei vor sechs Jahren gestorben, sagt die Heimbewohnerin und Mutter einer 73-Jährigen traurig. „Wir waren fast 50 Jahre zusammen, und er war ein guter Mann.“ Sie komme vor allem wegen der Musik. Schunkeln im Sitzen, im Rollstuhl oder am Rollator – auch das gehört in Bensheim dazu. „Am allerbesten gegen das Alter und für das Leben ist das Tanzen“, betont Voelpel. Dies gelte für die Ausdauer, die Koordination, die Interaktion mit anderen Menschen, die Musik. „Man ist sofort im Hier und Jetzt.“ (dpa)

Quelle: op-online.de

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