Wenig Interesse an Senioren-WGs

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Eine richtige WG sind die älteren Semester aus dem Weißkirchener Weg nicht, sie leben aber viel enger zusammen als Nachbarn normalerweise.

Frankfurt - Ingeborg Swoboda war Sekretärin, Petra Maultzsch Bankangestellte und Friedhelm Krischer hatte verschiedene Jobs: Die drei Rentner leben zusammen mit elf anderen in einem Haus in Frankfurt. Von Ira Schaible (dpa)

Eine richtige WG sind die 14 Alten aus dem Weißkirchener Weg nicht, sie leben aber viel enger zusammen als Nachbarn normalerweise. „Wir haben von jedem Hof einen Hund - aber im Grunde alle mit demselben Bestreben“, beschreibt Swoboda (78) die Bewohner des Hauses der Senioren Selbsthilfe (Sen-Se). Sie wollen im Alter nicht allein sein.

Die älteste Bewohnerin ist 81 Jahre alt, die Jüngste erst 57. Zwei sind noch berufstätig. Manche haben Kinder, Enkel oder noch Eltern. Jeder wohnt in seiner eigenen behindertengerechten Wohnung. Hans und Herma Driesch sind das einzige Paar unter lauter Singles. Fünf bis sieben Euro Miete pro Quadratmeter kosten die Wohnungen, das Haus gehört der Nassauischen Heimstätte. Alle Wohnungen haben zwei Zimmer, Balkon oder Terrasse, sind aber unterschiedlich groß. Eine Wohnung ist als Gemeinschaftsraum eingerichtet, auch einen kleinen Garten hat die Hausgemeinschaft.

„Wir wollen uns nicht gegenseitig pflegen“, betont Maultzsch (58). „Wir wissen, dass wir das nicht können.“ Zu einem der drei Männer kommt regelmäßig ein Pflegedienst. Anders ist das, wenn einer der Bewohner mal ins Krankenhaus muss oder verreist - dann kann er voll auf die Hausgemeinschaft zählen. „Wir organisieren im Bedarfsfall Pflege- und Hilfsdienste - ähnlich wie in einer Familie“, sagt Herma Driesch (70).

Einmal in der Woche Treffen bei Kaffee und Kuchen

Einmal in der Woche treffen sich die Bewohner in der Gemeinschaftswohnung zu Kaffee und Kuchen. Dabei sind Nachbarn aus dem Stadtteil und Interessenten an dem Senioren-Haus willkommen. „Anfangs waren wir den Leuten dubios. Da hieß es, das ist eine Sekte oder ein Pflegeheim“, erinnert sich Maultzsch. Das hat sich nach zwei Jahren geändert. Einige, wenige Nachbarinnen kommen inzwischen regelmäßig ins Info-Café. Ein pensionierter Lehrer und seine Frau vom anderen Ende der Stadt informieren sich diesmal über das Zusammenleben in dem Haus der Sen-Se.

In den Gemeinschaftsräumen wird manchmal auch zusammen gekocht oder gestrickt. Es gibt Freizeit-Angebote wie Gedächtnistraining und Chi-Gong. Einige Bewohner unternehmen auch mal was gemeinsam, gehen ins Theater, Kino, zu einer Vernissage, besuchen andere Senioren oder machen kleine Reisen per Bus und Schiff. Jeder habe auch eine kleine Aufgabe, sagt eine 70 Jahre alte Bewohnerin, die früher Schauspielerin und dann buddhistische Nonne war. Sie kümmere sich darum, die Gemeinschaftsräume auch mal an Vereine zu vermieten, damit das Geld für Wasser und Strom reinkommt.

Bis die 2001 geborene Idee des Senioren-Hauses Wirklichkeit wurde, vergingen aus vielerlei Gründen neun Jahre. „Alle wollen direkt in die City“, sagt eine Bewohnerin. Dabei sei im Stadtteil doch alles vorhanden und in der Nähe - vom Supermarkt über Ärzte bis zur Bushaltestelle und dem Grün. „Die Nachfrage ist da“, sagt Krischer. „Viele Leute wollen dann aber doch nicht so früh fürs Alter aktiv werden. Oder sie haben nicht so viel Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten.“ Andere fänden die Wohnungen zu eng und wollten ihr vertrautes Umfeld nicht aufgeben.

Im Alter nicht allein sein

Die Nassauische Heimstätte, die in Hessen 62.500 Wohnungen hat, befragt alle fünf Jahre ihre Mieter über 60. „90 Prozent wollen so lange in ihren Wohnungen bleiben wie es geht“, berichtet der Sprecher der Wohnungsbaugesellschaft, Jens Duffner. Für Senioren-WGs oder -Häuser interessierten sich vergleichsweise wenige. „Das funktioniert nur, wenn die Gruppe schon weit vor Baubeginn ein Konzept entwickelt und sich Gedanken macht, wie sie das machen will.“ Die Nassauische Heimstätte vermietet noch ein Senioren-Haus in Dreieich. In beiden Häusern haben die Bewohner ein Mitspracherecht, wer einziehen darf.

Der 69-jährige Krischer wohnte zur Miete und fürchtete, dass das Haus saniert wird und er seine Wohnung nicht mehr bezahlen könnte. Außerdem wollte der „Single mit langjähriger WG-Erfahrung“ im Alter nicht allein sein. Freundschaften habe er im Schichtdienst nicht so pflegen können. Überhaupt: „Frauen haben den Vorteil, die glucken viel zusammen, Männer nicht so.“ Das wiederum hat auch Nachteile. Krischer kam anfangs kaum zu Wort, wie er sagt. Und Hans Driesch (78) betont: „Wenn alle quatschen, halt ich das nicht lange aus und zieh mich zurück.“

Quelle: op-online.de

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