Sensibilität  der  Muslime

Offenbach - Der Terror von Paris und der Islam - unser Redaktionsmitglied Ralf Enders sprach mit Prof. Mohammed Khallouk, Pressesprecher des Deutsch-Islamischen Vereinsverbands Rhein-Main.

Herr Professor Khallouk, bei dem Anschlag auf das französische Satiremagazin sind zwölf Menschen ermordet worden. Dabei riefen die Männer „Allah ist groß“ und „Wir haben den Propheten gerächt.“ Was löst das in Ihnen aus? 

Auf der einen Seite Abscheu und Verachtung und auf der anderen Seite Sorge. Die Ausrufe zeigen, dass die mutmaßlichen Täter vom Islam kein Verständnis besitzen, denn weder im Koran noch in der prophetischen Überlieferung findet sich eine Stelle, die dazu auffordert, unschuldige Menschen zu töten. Das Töten eines einzelnen Menschen gilt vielmehr wie das Auslöschen der ganzen Menschheit.

Die Taten sind in einem Kontext zu erklären, dass junge Muslime in Europa sich und ihre Religion von Politik, Gesellschaft und Medien ausgegrenzt fühlen. Eine Minderheit davon glaubt nun, sich mit Gewalt gegen diejenigen wenden zu müssen, die sie für diese Ausgrenzung als verantwortlich sehen. Zu befürchten ist, dass sie damit erreichen, dass diese subjektiv erlebte Ausgrenzung objektiv erst entsteht und erklärte Islamfeinde wie Marie Le Pen in Frankreich oder Pegida in Deutschland noch mehr Zustimmung erfahren.

Sie sind Vertreter des Deutsch-Islamischen Vereinsverbandes Rhein-Main. Was sagen die Muslime Ihrer Gemeinden zu dem Anschlag?

Man ist natürlich bestürzt, dass solche Gewalt im Namen des Islam verübt wird. Zugleich hat man Angst, dass dadurch die bereits bestehende Islamfeindschaft in Teilen unserer Gesellschaft sich zu Hass steigert und man bald selbst zu Opfer von Gewalt unter kulturalistischem Vorzeichen wird. Die Berichte über unmittelbar nach der Tat in Frankreich und anderen europäischen Ländern verübte Anschläge auf Moscheen wecken die Befürchtung, dass auch in Deutschland und im Rhein-Main-Gebiet die islamfeindliche Gewalt zunehmen wird.

Was denken Sie persönlich über die Karikaturen?

Mir ist unbegreiflich, weshalb die öffentliche Beleidigung und Diffamierung des islamischen Propheten mit dem Begriff „Karikatur” belegt wird, denn den Zeichnern und ihren Publizisten ging es nicht um in Bildern ausgedrückte Satire und Gesellschaftskritik, sondern um die Herabwürdigung einer Religion und ihrer Anhänger oder zumindest darum, mit dem Schüren von Hass auf Muslime wirtschaftlichen Profit zu erzielen. Ich frage mich, welches Verständnis von Pressefreiheit es legitimiert, andere Religionen oder Weltanschauungen in derartiger Form zu verunglimpfen sowie die gegenseitige Achtung von Menschen unterschiedlicher Religionen, auch eine Grundsäule unserer freiheitlichen europäischen Ordnung, zu unterminieren.

Aber Christentum und Judentum werden auch karikiert und müssen das aushalten. Glauben Sie nicht, dass dies durch die Meinungs- und Pressefreiheit gedeckt ist?

Es ist zu differenzieren, wie das Karikieren erfolgt. Sofern es gewöhnliche Menschen betrifft, etwa Imame oder Gelehrte und deren Ansichten, ist es legitim, nicht aber beim Propheten. Hier sollte man sich vergegenwärtigen, dass im Islam - anders als im Christentum - jegliche Darstellung der Propheten wie auch Gottes als Gotteslästerung betrachtet wird. Deshalb sind in Moscheen auch nicht wie in Kirchen bildliche Darstellungen zu sehen. Die Sensibilität der Muslime in dieser Hinsicht zeigt die Tatsache, dass Marokko als weltoffenes islamisches Land am Sonntag Vertreter nach Paris geschickt hatte, um sich mit den Opfern der Terroranschläge solidarisch zu zeigen. Diese Vertreter sind aber im Elysée-Palast geblieben und haben nicht an der anschließenden Demonstration teilgenommen, weil dort die Karikaturen gezeigt wurden.

Zwar sollten sich Muslime selbstkritisch eingestehen, dass die islamische Gesellschaft nicht die gleiche Aufklärung erlebt hat wie Europa. Hier steht noch ein Prozess bevor. Dennoch ist zu fragen, ob es der Gesellschaft und der Pressefreiheit wirklich dient, die religiösen Gefühle von Menschen zu verletzen. Pressefreiheit beinhaltet auch eine gewisse Verantwortung für den gegenseitigen Respekt verschiedener Religionen und Weltanschauungen. Somit mögen die Propheten-Karikaturen zwar dem Buchstaben nach durch die Pressefreiheit gedeckt sein, dem Geist eines verantwortungsbewussten Medienstils jedoch nicht.

Vor einer Moschee in Offenbach wurde 2013 ein Fernsehteam von jungen Muslimen angegriffen. Wie begegnen Sie solchen gewaltbereiten Muslimen im Umfeld von Moscheen?

Angesichts der vielfach nicht unvoreingenommenen und häufig einseitigen Berichterstattung über den Islam wundert mich nicht, dass die Achtung und der Respekt vor den Medien bei vielen Muslimen in diesem Land nicht so groß ist, wie es wünschenswert wäre. Die Gewalt gegen Journalisten ist nicht zuletzt das Ergebnis eines fehlenden Vertrauens in die Medien, die durch die Erfahrung geprägt ist, dass Muslime in den westlichen Medien überdurchschnittlich häufig mit Gewalt und Randphänomenen wie Ehrenmorden und Zwangsehen präsentiert wurden, während zum Leben des Durchschnittsmuslims wenig berichtet wurde.

Um den angestrebten Respekt vor den Medien in der muslimischen Gesellschaft herzustellen, sind die Journalisten deshalb gefordert, ihre eigene Islam-Berichterstattung zu reflektieren und die Realität des friedlichen Zusammenlebens von Muslimen und Nichtmuslimen stärker zum Ausdruck zu bringen. Ebenso müssen die Islamverbände ihren Mitgliedern herausstellen, dass zu einer freien Gesellschaft auch die Medien hinzugehören. Die Muslime sollen verstehen, dass der positive Kontakt zu Medien die Chance bietet, sich und ihren gesellschaftlichen Anliegen mehr Verständnis zu ermöglichen.

Einer neuen Umfrage zufolge empfinden 57 Prozent der nicht-muslimischen Bundesbürger den Islam als Bedrohung. Was sagen Sie dazu und wie wollen Sie den Menschen die Ängste nehmen?

Ein wesentlicher Teil dieser tatsächlichen oder vermeintlichen Angst ist sicherlich auf die mediale Berichterstattung zurückzuführen, wo etwa die Gewalt, die von zwei mutmaßlichen Muslimen ausgegangen ist, größeren Raum einnimmt als die Millionen friedlicher Muslime in Frankreich oder Deutschland, von denen viele sich auch für die Gesamtgesellschaft engagieren. Die Muslime sind aufgefordert, noch mehr für die ihnen zustehenden demokratischen Rechte einzutreten und sich offensiv in gesellschaftspolitische Debatten einzubringen. So können sie auch zum Abbau der Ängste vor sich und ihrer Religion beitragen.

Andere Umfragen haben übrigens ergeben, dass die Angst vor dem Islam besonders in den Regionen verbreitet ist, in denen kaum Muslime leben. Die Tatsache, dass Pegida allein in Dresden mehr Bürger auf die Straßen bringt als in allen Städten des Rhein-Main-Gebietes zusammen und die Zahl der Gegendemonstranten bisher größer war, zeigt doch, dass die Muslime hier von den meisten Bürgern nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung wahrgenommen werden.

Warum schafft es der Islam in seiner Gesamtheit nicht, Extremisten und Mörder, die in seinem Namen handeln, in den Griff zu kriegen? Fehlen da die Selbstheilungskräfte?

Als erstes möchte ich darauf bestehen, dass nicht der Islam Gewalt verübt, sondern Einzelne, die ihre Taten mit dem Islam glauben rechtfertigen zu können. Sie unterscheiden sich nicht von jenen, die im Namen des Christentums oder einer fiktiven „christlich-abendländischen Leitkultur” Korane verbrennen, den islamischen Propheten verunglimpfen, in Moscheen Scheiben einschlagen oder wie Herr Breivik in Norwegen zahlreiche Menschen ermorden. Hierfür kann auch keineswegs das Christentum oder die Kirche zur Verantwortung gezogen werden. Tatsache ist, dass trotz eines verbreiteten Gefühls, nicht als gleichberechtigte Bürger zu gelten, die Majorität der Muslime in Europa ihre Religion friedlich auslebt.

Quelle: op-online.de

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