Hessens tiefrote Zahlen

Kommentar: Wir sind alle Krokodile

Hessen - Wie viel sind 58 Milliarden Euro? Diese Summe ist der Fehlbetrag in der Hessen-Bilanz, der nicht mit Eigenkapital gedeckt ist. Alle 2,9 Millionen Erwerbstätigen in Hessen müssten acht Monate arbeiten, um diese Summe aufzubringen. Von Michael Eschenauer

Wir leben gnadenlos über unsere Verhältnisse - nicht nur ökologisch sondern, wie es uns wieder drastisch klar gemacht wurde, auch finanziell. Und die Tatsache, dass angesichts dieser Hypothek für die Zukunft niemand auf die Straße geht, rührt nur daher, dass sich keine Seele vorstellen kann, wie viel 58 Milliarden eigentlich sind. Also fliehen wir in bequemen Fatalismus, schauen weg und genießen.

Beim Schuldenkarussell ist es wie bei vielen anderen Dingen, die schwindelig machen: Es gehören immer zwei dazu. In diesem Fall sind es die Bürger, wir, die zulassen, dass die Politik die Weidegründe der Zukunft kahl frisst. Dabei hätten wir es in der Hand - oder zumindest hatten wir es mal in der Hand, irgendwann in grauer Vorzeit - eine seriöse Kultur des Wirtschaftens zu erzwingen. Schulden werden von Politikern angehäuft und von Wählern akzeptiert. Volksvertreter funktionieren prinzipiell wie ein Regenwurm, der auf leichte Stromschläge die Richtung ändert: Wird ein Politiker durch schlechte Wahlergebnisse abgestraft, wenn er zu viele Schulden macht, ändert auch er die Richtung. Doch wann sollte das je vorgekommen sein? Haushaltsdisziplin ist kein Kriterium unserer Stimmabgabe. Das Bemuttern unserer sozialen Neigungen und Interessen durch die Politik spielt die Tuba im Konzert der Meinungsbildung. Bestimmt wird der Diskurs vom Kampf der Lobbys um Pfründe. Da wird selbst die Ablehnung des staatlicherseits bezahlten Apfels in der Schulpause zum Grund, dem Gegner - in diesem Fall CDU und FDP - Menschenverstand und Menschlichkeit abzusprechen.

Wer als Regierender in unserer Wellness-Demokratie wirklich spart - und wenn‘s nicht weh tut, war es nichts - begeht politischen Selbstmord. Wohltaten dagegen tun allen wohl. Die Politiker bekommen gute Kritiken, den Empfängern wird geholfen, und wir Wähler haben ein gutes Gewissen. Dass wir anderen die Zukunft klauen - stört kaum jemanden wirklich. Deshalb werden wir auch in Zukunft - egal ob ein hochdefizitärer Haushalt eingebracht oder die tiefrote Vermögenslage des Hessenlandes vorgestellt wird - auf allen Seiten Tränen besichtigen. Ändern wird sich nichts, wir sind alle Krokodile.

Quelle: op-online.de

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