So soll‘s auch mit den Nachbarn klappen

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Er stellte das Anti-Lärmpaket vor: Roland Koch.

Frankfurt ‐ „Übermorgen früh“ - so lautete das Zauberwort. Extrem schnell werde, dies versprach einer der beiden Vorsitzenden der „Expertengruppe Aktiver Schallschutz“, Peter Gebauer (Deutsche Flugsicherung) gestern, die Umsetzung der ersten Maßnahmen zur Lärmminderung rund um den Frankfurter Flughafen kommen. Von Michael Eschenauer

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Weitere Gespräche mit den zuständigen Stellen seien bereits für kommende Woche angesetzt. Es war diese Ankündigung, mit der der Vorstand des Forums Flughafen und Region (FFR) gestern im Intercity-Hotel an der Cargo-City West den Startschuss für die Umsetzung des insgesamt sieben Maßnahmen umfassenden Handlungskatalogs gab. Noch vor Inbetriebnahme der neuen Nordwest-Landebahn im nächsten Jahr soll es deutlich leiser werden rund um den Airport. Wichtigstes Ziel sei es gewesen, die Zahl der durch den Flughafen stark beeinträchtigten Menschen zu senken, sagten die Experten.

Man habe, so kommentierte der zweite Vorsitzende der Expertengruppe, der Kelsterbacher Bürgermeister Manfred Ockel (SPD), mit dem Paket eine internationale Vorreiterrolle im Interessenausgleich zwischen Flughafen und Umland eingenommen. Aber: Die Arbeit sei nicht zu Ende.

Dies wird auch notwendig sein. Die Maßnahmen, die auf dieser Seite genau vorgestellt werden, umfassen spezielle, die Bevölkerung zum Teil nur nachts, zum Teil aber auch ganztags vor Lärm schützende An- und Abflugverfahren, neue An- und Abflugrouten und eine Lärmdämmung für die Boeing 737-Jets der Lufthansa.

Sie helfen aber nicht allen. Nach Einschätzung des Forums profitieren einerseits die Menschen in den Großstädten Hanau, Offenbach, Frankfurt und Mainz. Zusätzlichen Fluglärm wird es hingegen in Obertshausen, Heusenstamm und Teilen von Rüsselsheim geben. In Fällen wie diesen werde man aber, so beteuerten die Sprecher des Expertengremiums, weitere Entlastungsmöglichkeiten prüfen.

Weniger Belastung durch andere Triebwerke

Dass die Arbeit in Sachen Lärmschutz noch weitergeht, ist auch aus einem zweiten Grund nötig. Wissenschaftler des Darmstädter Öko-Instituts haben zwar herausgefunden, dass die Entlastungswirkungen des Maßnahmenpakets im „Ist-Zustand“, also auf Basis des bestehenden Start- und Landebahnsystems und der derzeitigen Zahl der Flugbewegungen sowohl für den Tag- als auch für den Nachtbetrieb imposant sind - gleichzeitig wurde aber errechnet, dass die bisher möglichen Maßnahmen in den kommenden zehn Jahren deutlich an Wirkung verlieren (Details hierzu im nebenstehenden Artikel).

FFR-Vorstandsmitglied Johann-Dietrich Wörner, Fraport-Chef Stefan Schulte und der Vorsitzende der Fluglärmkommission, der Raunheimer Bürgermeister Thomas Jühe (SPD), stellten hierzu allerdings unisono fest, dass sich die Belastungssituation durch Veränderungen an den Triebwerken und weitere flugtechnische Maßnahmen „ganz sicher“ in den nächsten Jahren vermindern werde. Allerdings habe es sich aus Gründen der Seriosität verboten, zu erwartende Verbesserungen vorwegzunehmen. Kommen würden sie aber sicher. Schulte sprach in diesem Zusammenhang von neuen Flugzeugtypen, die die Lärmbelastung halbieren könnten und jetzt bereits auf den Mark kämen.

Ministerpräsident Roland Koch (CDU) nannte den Maßnahmenkatalog, auf den sich die Vertreter des „Expertengremiums Aktiver Schallschutz“ verständigt haben, „die Einlösung eines Versprechens von Regierung und Luftfahrtindustrie“, mit der Verbesserung von Lärmschutz Ernst zu machen - und zwar jenseits schwebender juristischer Auseinandersetzungen über den Flughafenausbau und das Nachtflugverbot. Zunehmend sei den Vertretern von Kommunen, und Wirtschaft in den vergangenen Jahren klar geworden, dass, wenn manche Dinge rechtlich nicht so schnell zu lösen seien, der effektive Schutz der Menschen in der Region in den Vordergrund treten müsse. Auch flughafenkritische Anwohnerkommunen und Luftfahrtindustrie hätten erkannt, dass der „fundamentale Kampf bis zum Ende“ von den Menschen nicht nachvollzogen werden könne, wenn gleichzeitig im Tagesbetrieb des Flughafens Lärmerleichterungen möglich seien. Die Erkenntnis, dass man die großen Fragen ausklammern und gleichzeitig im Detail arbeiten könne, habe den Durchbruch zu mehr zielgerichteter Kooperation eingeleitet. Koch: „Alle sind dabei über ihren Schatten gesprungen.“

SPD will Nachtflugverbot plus Lärmschutz

Oliver Quilling (CDU), Landrat des Kreises Offenbach und einer der Vorsitzenden des FFR, betonte, das Lärmschutzpaket sei Aufforderung, noch mehr zu tun, namentlich für eine weitere Entlastung der Menschen, die besonders unter dem Fluglärm litten. Zwar sei unter dem Strich die Region entlastet worden, die wirksamste Maßnahme sei allerdings ein Nachtflugverbot. Quilling sieht die Notwendigkeit, dafür zu arbeiten, dass möglichst viele der Lärmminderungs-Maßnahmen, die bisher nur in der Nacht greifen würden, ausgeweitet werden.

Die Opposition im Landtag zeigte sich allerdings von derlei Vorschusslorbeeren unbeeindruckt und verlangte ebenfalls erneut ein absolutes Nachtflugverbot, gegen das die Landesregierung klagt. Die vorgestellten Maßnahmen zur Schallreduktion seien eine Beruhigungspille, die außer einem Placebo-Effekt nichts bringe, meinte der Grünen-Abgeordnete Frank Kaufmann. „Alle diese Maßnahmen können ein Nachtflugverbot nicht ersetzen“, erklärte der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD, Uwe Frankenberger. Die SPD wolle Nachtflugverbot plus Lärmschutz nicht Lärmschutz statt Nachtflugverbot.

Quelle: op-online.de

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