Anwohner erfreut über ungewohnte Ruhe - auch wenn Schüsse fallen

Sound of „Skyline“: Netflix dreht im Nordend

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Wenig Lärm um viel: Dreharbeiten im Frankfurter Sandweg.

An diesem Abend ist alles anders an dem Ort, an dem sich Baum- und Sandweg treffen. Normalerweise versaufen ab der Dämmerung Wanderarbeiter ihren Tagelohn am Eckwasserhäuschen und singen traurige, dissonante Weisen aus ihren Heimatländern. Autofahrer hupen. Fahrradfahrer meckern. An diesem Abend herrscht ungewohnte Ruhe. Netflix sei Dank.

Frankfurt – Netflix ist ein reicher und mächtiger Streaming-Dienst. So reich und mächtig, dass er einen Film wie den Oscar-Abstauber „Roma“ produzieren kann. Aber nicht so reich und mächtig, dass er dem Wasserhäuschenbetreiber an diesem wanderarbeiterfreien Drehabend einfach mal einen Tausender in die Hand drückt und einen schönen Feierabend wünscht. Obwohl er sich darauf eingelassen hätte, sagt der Wasserhäuschenbetreiber.

Derzeit lässt Netflix in Frankfurt die Serie „Skylines“ drehen. Für die wird an diesem Dienstagabend der Sandweg zum Dreh- und Tatort: „In der Szene wollen wir eine Schießerei an der Imbissbude erzählen, die wir hierfür an der Straßenecke aufstellen“, hatten die Filmemacher zuvor via Briefkastenwurf informiert. Und darauf hingewiesen, „dass immer wieder Schüsse fallen werden“, aber nur mit Platzpatronen, großes Produzentenehrenwort, und „von professionellen Stuntkoordinatoren beaufsichtigt und bei der Polizei angemeldet“.

Erst einmal aber steigt vor Drehbeginn ein Gehilfe unter der Aufsicht professioneller Stuntkoordinatoren auf eine Leiter, überklebt den Schriftzug eines lokalen Bierbrauers am Wasserhäuschen zur Schleichwerbungsvermeidung mit weißem Tape und schreibt mit Edding „Kiosk“ darauf, obwohl auch „Wasserhäuschen“ Platz gehabt hätte. Netflix ist halt ein US-Unternehmen.

Währenddessen liefern sich passierende Hessen grimmepreiswürdige Dialoge. „Was gehdn hier ab?“ „Film!“ „Des hab isch aach schon gemerkt.“ „Was frachste dann?“ „Wann kimmtn der im Fernseh?“ „Frach misch net!“ Aber noch wird nicht gedreht.

„Ton ab! Wir drehen!“ heißt es dann kurz vor Acht. Die Szene wirkt wenig spektakulär: Eine Handvoll Statisten wandert zum Fake-Imbiss vor dem Wasserhäuschen, im Hintergrund meckern ein paar Radfahrer über die gesperrte Straße. Schüsse fallen keine. Da war schon mehr los im Sandweg. So richtig was zu tun haben die professionellen Stuntkoordinatoren jedenfalls nicht, mal abgesehen davon, dass in den Drehpausen die Straßensperrung immer wieder aufgehoben wird.

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Viel wilder wird’s nicht. Der erste Schuss fällt um 20.50 Uhr. Bis dahin war es noch nie so still im Sandweg. Und auch danach ist wieder Schweigen. Mit bleierner Wimwendershaftigkeit drückt einen die Langeweile in die Welt des Halbdämmers. Aus der Ferne, wie von einem anderen Wasserhäuschen, vermeint man leise Musik zu hören, ein melancholisches, dissonantes Lied über die sibirische Wüstenei.

Und mancher Anwohner dämmert am Fenster vor sich hin und träumt. Vielleicht von einer Karriere als Filmstar. Oder aber als professioneller Stuntkoordinator bei Netflix.

Von Stefan Behr

Quelle: op-online.de

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