Zu den Wurzeln

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Stefan Grüttner

Offenbach ‐ Für den Vorsitzenden der Offenbacher CDU ist die neue Aufgabe sowohl Schritt nach vorn als auch Schritt zurück. Von Thomas Kirstein

Im Kabinett Bouffier steigt der Staatsminister Stefan Grüttner vom Bürovorsteher des Ministerpräsidenten zum Chef eines klassischen Ressorts auf. Aus dem Leiter der hessischen Staatskanzlei wird der Minister für Arbeit, Familie und Gesundheit, kurz: Hessens neuer Sozialminister. Damit kehrt der am Rumpenheimer Entensee wohnende 53-Jährige zu seinen beruflichen Wurzeln zurück.

1991 wird aus dem Referenten der rheinland-pfälzischen Sozialministerin Offenbachs Sozialdezernent. Wegen des nach der Landtagswahl anstehenden Machtwechsels in Mainz hätte Diplom-Volkswirt Grüttner bald seinen Job verloren. Da traf es sich gut, dass sich Offenbachs Union in der großen Koalition das Recht aufs Sozialdezernat gesichert hatte und einen passenden Bewerber suchte.

Mann des Einstiegs in Veränderungen

Vier Jahre ist Stefan Grüttner der Magistrat fürs Soziale, übrigens als hessenweit erster Christdemokrat auf einem solchen Posten. Als 1994 erstmals ein Oberbürgermeister direkt gewählt werden soll, tritt Grüttner gegen seinen Magistratskollegen Gerhard Grandke (SPD) an und unterliegt. Ironie: Als einzig abkömmliches Magistratsmitglied muss er dem Konkurrenten bei dessen Einführung die Amtskette umhängen.

1994 und 1995 beerbt der inzwischen Offenbacher gewordene Wiesbadener seinen Förderer Hermann Schoppe erst als Parteivorsitzender, dann als direkt gewählter Landtagsabgeordneter. 1997 ist es Grüttner, der als CDU-Chef die Großkoalition mit der SPD platzen lässt.

Als Sozialdezernent ist er häufiger der Mann des Einstiegs in Veränderungen denn jener der Vollendung. Weggefährten dieser Jahre bescheinigen ihm, neue Ideen mit nach Offenbach gebracht zu haben. Spannende Aspekte seiner neuen Heimat lernt er schon früh kennen: Bei einer Podiumsdiskussion im Isenburger Schloss wird ihm die Aktenmappe geklaut.

„Er kennt sich exzellent aus“

In den Beginn seiner Amtszeit fällt der personelle Umbruch im damals mit der Arbeiterwohlfahrt verfilzten Sozialamt, für Grüttner Symbol jahrzehntelanger sozialdemokratischer Miss- und Klüngelwirtschaft; im Ämtchen beginnt das EDV-Zeitalter; unter ihm wird die Erfüllung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz vorbereitet; er entwirft ein Sofortprogramm, um Erzieherinnen anzulocken; zuständig ist er auch fürs Klinikum und das Altenheim, das er in einen Eigenbetrieb verwandelt; den örtlichen Grünen dient Grüttner als Reizfigur. Als er anregt, von Hilfsempfängern belegte Wohnungen frei und attraktiv für Besserverdienende zu machen, beschimpfen sie ihn als Sozialdarwinisten.

„Er kennt sich exzellent aus“, bescheinigt ihm dagegen sein damaliger Referent Carlo Wölfel heute beste Voraussetzungen für das neue Regierungsamt.

Alte Offenbacher Widersacher warten

Einmal in Wiesbaden, macht Grüttner ab 1995 Parteikarriere, der Abgeordnete wird Geschäftsführer der Unionsfraktion. In der Spendenaffäre leistet er als CDU-Obmann im Untersuchungsausschuss seinem Meister Roland Koch beste Dienste. Kein Wunder, dass seine Berufung zum Staatsminister als Belohnung interpretiert wird, zumal Koch extra sein Kabinett aufbläht. Treu zur Regierungslinie steht Grüttner beim Flughafenausbau; zwar stimmt er einmal als Offenbacher Stadtverordneter gegen die Nordwestbahn, doch ist er wieder auf Kurs, als es im Landesparlament zum Schwur kommt.

Auf den neuen Sozialminister warten alte Offenbacher Widersacher. SPD-Abgeordnete Heike Habermann hat neben der Bildung die Sozialpolitik als Schwerpunkt. Und Grünen-Chef Tarek Al-Wazir macht aus seiner Geringschätzung keinen Hehl: „Das Sozialministerium ist schon wieder Abstellkammer für ein Mitglied der Landesregierung.“

Quelle: op-online.de

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