SPD-Spitzenkandidat sieht Chancen für Wechsel

„Der Stillstand ist unerträglich“

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„Ich bin der Cheftrainer.“ Schäfer-Gümbel tritt mit einer Frauenmehrheit im Team an.

Wiesbaden - Im April hatte Rot-Grün in Hessen einen Umfragevorsprung von acht Prozentpunkten, nun ist er auf zwei Punkte geschmolzen. Ist der Machtwechsel trotzdem noch erreichbar?

Und mit welchen Themen zieht die SPD in den Landtagswahlkampf? Wir fragten Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel. Das Interview führte unsere Landtagskorrespondentin Petra Wettlaufer-Pohl.

Herr Schäfer-Gümbel, Sie haben elf Personen im Schattenkabinett, mit denen Sie das Spiel gewinnen wollen, was ist eigentlich Ihre Rolle?

Thorsten Schäfer-Gümbel: Ich bin der Cheftrainer.

Von elf Individualisten wie bei Ihrem Lieblingsverein Bayern-München?

Bei einem guten Spiel kommt es auf den Zusammenhalt an, und da bin ich sicher, dass das klappt.

Ist es sinnvoll, das Fell zu verteilen, bevor der Bär erlegt ist?

Mein Team ist ein Angebot an die Bürger. Wir verbinden unsere Themen mit Personen. Was herauskommt, hängt von den Wählern ab. Mein Ziel im 150. Jahr der SPD ist aber, mehr Frauen als Männer im Kabinett zu haben, deshalb sieben Frauen und vier Männer.

Was soll der SPD den letzten Schub bringen?

Wir werden auch in den letzten 72 Tagen mit unseren Themen punkten. Das sind Bildung, Arbeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Wohnen. Und über all dem das Thema der sozialen Gerechtigkeit. Damit werden wir Mobilisierung und Engagement im Wahlkampf noch erhöhen.

Der Vorsprung von Rot-Grün ist um sechs Punkte auf zwei geschrumpft, spricht das nicht gegen Wechselstimmung?

In der letzten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen haben sich mit 30 Prozent mit Abstand die meisten Befragten für eine rot-grüne Regierung in Hessen ausgesprochen. Nur 14 Prozent wollten Schwarz-Gelb.

Der hessischen Wirtschaft geht es gut, was hätte sie von Ihrer Regierung zu erwarten?

Wir werden uns um die drängenden Fragen kümmern, die bisher vernachlässigt wurden. Wir brauchen gute Bildung und Ausbildung, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Wir müssen die Chancen der Energiewende konsequent nutzen. Und die Welt in Hessen ist auch nicht rosarot, wie es Schwarz-Gelb immer Glauben machen will. Das zeigen auch die jüngsten Arbeitsmarktzahlen.

Welche Stellschrauben haben Sie im Land überhaupt?

Bildung ist ein ganz wichtiges Rädchen in der Feinmechanik der Wirtschaft. Wie auch der Ausbau der Infrastruktur. Dazu gehören Verkehr, leistungsfähige Internetverbindungen aber auch der Technologietransfer von den Hochschulen auch in kleine und mittlere Unternehmen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das wollen wir fördern. Und wir brauchen einen fairen Wettbewerb, damit die Betriebe, die ausbilden und gute Löhne zahlen, auch mithalten können. Deshalb wird es mit uns ein Tariftreuegesetz geben.

In der nordhessischen Wirtschaft gibt es drei Reizthemen: Fracking, die Kalilauge und der Flughafen Kassel-Calden. Was ist da von der SPD zu erwarten?

Wir wollen kein Fracking, weder in Nordhessen noch in Norddeutschland. Hier muss es eine rechtssichere Lösung geben. Was die Laugen betrifft, sind wir für eine Pipeline, denn für uns geht es um den Ausgleich zwischen Umwelt und Arbeit, also auch das Einkommen der Menschen und die Wertschöpfung in der Region. Der Flughafen wird sich nicht alleine tragen, er muss in ein Gesamtkonzept eingebettet sein. Das haben wir von Anfang an gesagt. Wir erwarten, dass sich die nordhessische Wirtschaft daran beteiligt, sie hat schließlich massiven Druck ausgeübt für den Ausbau.

Das wird den Unternehmen nicht gefallen, genauso wenig wie Ihre Forderungen nach Ausbau der LKW-Maut und nach Steuererhöhungen.

Das mag sein. Ich nehme auch seitens der Unternehmen gerne Vorschläge entgegen, wie wir die notwendigen Dinge finanzieren und gleichzeitig die Schuldenbremse einhalten können. Da kann sich keiner wegducken. Ohne Einnahmeerhöhungen geht es nicht.

Die Konkurrenz sagt, Sie strebten die Einheitsschule an.

Das ist schlicht unwahr und gelogen. Wir wollen Schulfrieden mit einer Bestandsgarantie für Gymnasien. Es wird keine Schulorganisationsänderung von oben geben. Wir machen den Menschen außerdem ein Angebot, bei dem Kinder länger gemeinsam lernen können. Aber wir werden G8 beenden und flexible Möglichkeiten schaffen, die Schule zu durchlaufen. Unser Schwerpunkt für die ersten fünf Jahre ist aber klar die frühkindliche Bildung. Deswegen werden wir pro Jahr 100 Grundschulen zu Ganztagsschulen machen. Alles andere werden wir nur im Konsens mit Schulen, Eltern und Verbänden umsetzen.

Wenn es nicht reicht für Rot-Grün, wer ist dann zuerst bei Volker Bouffier, Sie oder der Grüne Tarek Al-Wazir?

Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine rot-grüne Mehrheit geben wird. Schwarz-grüne Spekulationen zeigen aber auch: Wer Schwarz-Gelb abwählen will, muss die SPD stark machen.

Haben Sie schon mal bereut, dass Sie sich das alles antun?

Nein, es macht mir großen Spaß.

Was treibt Sie persönlich an?

Ich will etwas verändern. Ich kann den Stillstand und die Lethargie, mit der Schwarz-Gelb Hessen noch bestenfalls verwaltet, nicht mehr ertragen. Es gibt so viel zu tun!

150 Jahre Sozialdemokratie - Die Geschichte der SPD

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Quelle: op-online.de

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