Sprachgewaltiger Blick in die Apokalypse

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Das Grauen des 30-jährigen Krieges wird Wort und Bild - „Simplicius“-Titelblatt von 1922.

Gelnhausen - Viele kennen und lesen ihn nicht mehr, den vermutlich am 17. März 1621 in Gelnhausen geborenen Autor Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen, der vor 333 Jahren im südbadischen Renchen als hochgeachteter Schultheiß gestorben ist. Von Reinhold Gries

Wie kein zweiter Dichter des Barock hat er die Apokalypse des 30-jährigen Krieges (1618-48) in Hessen, Westfalen und Süddeutschland am eigenen Leib verspürt und daraus Weltliteratur geformt. Den fünf Bänden seines „Abentheuerlichen Simplicius Simplicissimus Teutsch“ von 1668 fügte er einen 6. Band hinzu, um von falschen Raubdrucken zum Original zurückzuführen. Allein bis 1672 gab es sechs Auflagen dieses ersten Romans in deutscher Sprache mit seiner südhessischen Einfärbung - begehrt wegen ungewohnt direkter Sprachgewalt, fernab von elitärem Gelehrten-Deutsch. Kapitel wie das „Adieu Welt“ des 5. Buches vermitteln die Ungeschminktheit und Hintergründigkeit einer Scholl-Latour-Reportage, wenn man sich in den barocken Duktus eingelesen hat. „Gelnhusianus“ Grimmelshausen wollte die „Wahrheit mit einem Lachen“ sagen, das beim Lesen allerdings oft im Halse stecken bleibt. Das faszinierte Autoren wie Thomas Mann, Bertolt Brecht und Günter Grass, nachdem das Meisterwerk bis zum 19. Jahrhundert vergessen war.

Claudia Beck, Leiterin der "Grimmelshausen-Bibliothek", mit einer historischen "Simplicius"-Ausgabe.

Zum „Grimmelshausen-Jahr“ 2009 will man in Gelnhausen den wichtigsten deutschen Barockdichter mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, deshalb tagt die international renommierte „Grimmelshausen-Gesellschaft“ vom 18. bis 21. Juni im Romanischen Haus am pittoresken Untermarkt. Deren Thema „Erotik und Gewalt im Werk Grimmelshausen“ ist ebenso wenig von gestern wie ambitionierte Aktivitäten des vor 100 Jahren gegründeten Grimmelshausen-Gymnasiums, der Nachfolgerin der lutherischen Lateinschule, die der Dichter einst besuchte.

Für die Stadt Gelnhausen spricht Grimmelshausen-Expertin Simone Grünewald: „In Tresoren bewahren wir Schätze, die einzigartig sind und bis Ende des Jahres im umgebauten Heimatmuseum Teil einer eigenen Grimmelshausen-Abteilung werden.“ Im Herbst werde die gemeinsam mit Renchen projektierte Grimmelshausen-Ausstellung stattfinden. Bis zum Todestag (17. August 1676) plane man eine völlig neue Übersetzung des Simplicius-Romans vorzustellen.

Das Bild zeigt das Geburtshaus des berühmten Autoren in der Gelnhäuser Schmidtgasse.

Davor gastiert Cartoonist Klaus Puth mit kolorierten Federzeichnungen zum Simplicissimus im Museum. Kein Zufall, hat der virtuose Zeichner aus Mühlheim doch am Grimmelshausen-Gymnasium sein Abitur abgelegt. Seine Großformate zum Mensch-Tier-Wesen des Simplex-Titelkupfers und dem simplicianischen Abtauchen im Mummelsee sind bereits fertig. „Das ist erst der Anfang“, sagt er, „der überbordende Text, den man in seiner Ursprungsform belassen sollte, ist faszinierend“. Im Oktober wird eine weitere Ausstellung mit Illustrationen zu Grimmelshausen-Werken in der alten Gelnhäuser Synagoge folgen.

Der Kupferstich, der das Titelblatt des „Simplicius Teutsch“ nach dem Entwurf von Grimmelshausen schmückte.

Bis dahin kann man bei der „Grimmelshausen-Bibliothek“ in der ehemaligen Augusta-Schule am Obermarkt fündig werden, besitzt sie doch 365 überraschend vielfältige historische und modern illustrierte Ausgaben über und von Grimmelshausen. Leiterin Claudia Beck hält sie zur Ansicht bereit – für jeden Tag des Jahres eine. Da lebt der schreckliche „Teutsche Krieg“ wieder auf, der in Wirklichkeit ein „Erster Weltkrieg“ der europäischen Mächte war und in Hessen ganze Landstriche menschenleer fegte.

Dazu das Magazin „Theatrum Europaeum“, das auch Grimmelshausen kannte: „Aller Orthen wo sie (die Soldaten) hinkamen, erfülleten sie Himmel, Lufft und Erden mit Feuer, Rauch, Dampf, Blut, Mord, Schand und Brandt, Leydt und Geschrey, daß in und durch die Wolcken erschall…Kein Menschen dorffte sich sehen oder blicken lassen, wer nicht des Todts seyn wolle: oder sich entweder in veste Oerter oder ins dicke Gestreuch, Gebürg, Wälde, Hölen und Steinritzen bei die unvernünftig wilde Thieren verkriechen.“

So könnte Simplicius Simplicissimus ausgesehen haben. Die Darstellung findet sich auf einer der Butzenscheiben seines Geburtshauses in Gelnhausen.

In solche Verhältnisse wird der Gelnhäuser Bürgersohn geworfen, literarisch gespiegelt und abgewandelt im verwahrlosten rothaarigen Spessartbub „Simplicius Simplicissimus“ (Einfältigster der Einfältigen), verschlüsselt in Pseudonymen wie Samuel Greifenson vom Hirschfelt, Melchior Sternfels von Fugshaim und German Schleifheim von Sulsfort. Der „seltsame Vagant, welchergestalt und wo er in die Welt kommen, was er darin gesehen, gelernet, erfahren und ausgestanden“, taucht auch in anderen simplicianischen Schriften auf: so in „Verkehrte Weldt“, „Der Wahn betreügt“, „Courage“ und „Springsinsfeld“. Kürzlich wurden in Jena und Berlin kalendarische Grimmelshausen-Werke entdeckt. Sie vermischen ähnlich wie der „Ewig-währende Calender“ (1670) Anekdoten und Heiligentage mit „curiosen Discursen von der Astronomia, Astrologica … und Bauren-Praktik“. Die Funde gelten als Sensation.

Grimmelshausen-Bibliothek:

06051-830250, Öffnungszeiten: Di, Do 15-19, Mi, Sa 9-12 Uhr; Öffnungszeiten des Museums: Mo-Fr 8-12 u. 14-16.30, Sa 8-12 Uhr.

Aktuelle Termine zum Grimmelshausen-Jahr unter www.gelnhausen.de und tourist-info@gelnhausen.de; Details zum Kulturprogramm „100 Jahre Grimmelshausen-Gymnasium“ unter: www.grimmels.de

Authentische Mauern hat auch das zum Hotel gewordene Geburtshaus Grimmelshausens in der Schmidtgasse, wo im Gewölbekeller Lesungen zum „Literaturland Hessen“ stattfinden. Das Geburtsjahr des Dichter-Phänomens bleibt allerdings genauso umstritten wie ein 2003 aufgetauchtes Grimmelshausen-Porträt und sein Konterfei im Titelkupfer „Simplicissimus, sein Sohn, sein Knan und die Meuder samt dem frommen Ursele“. Vieles soll nach Entwürfen des vielseitig begabten Künstlers entstanden sein. Das breite Kalender- und Romanwerk gibt auch Hinweise zu Grimmelshausens Lebensstationen: über die Kindheit in Gelnhausen, wohin die Vorfahren 1571 vom Stammschloss an der Werra zogen; über die Bäckerei des rebellischen Großvaters Melchior Christoffel, der den Adelstitel ablegt und den elternlos gewordenen Enkel großzieht und über die Jahre in der Gelnhäuser Lateinschule.

Ebenso wie sein Held „Simplicissimus“ gerät Grimmelshausen 13-jährig in die Wirren des Krieges, flüchtet 1634 vor der plündernden spanischen Armee aus Gelnhausen in die Festung Hanau. 1635 wird er dort am Graben von kroatischen Patrouillen gegriffen und nach Hersfeld verschleppt, wo er das schmutzige „Kriegshandwerk“ lernt. Dann fällt er in die Hände der Hessen, die ihn nach Kassel bringen. Später wechselt er zu den „Kaiserlichen“ ins andere Lager, bleibt dort bis Kriegsende. Mit seinen Regimentern zieht er nach Magdeburg, Wittstock, Soest, zuletzt Offenburg (1639). Ab da weiß man mehr, über Grimmelshausens Heirat und Suche nach gesicherter Existenz, seine Rollen als Gutsverwalter, Burgvogt, Gastwirt und das Schultheißenamt in Renchen, das ihm Zeit gibt zum Dichten. Am Ende seines 55 Jahre (?) währenden Lebens muss er nochmals gegen Truppen des französischen „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. ziehen.

Das Renchener Kirchenbuch preist den „ehrenwerten und hochgebildeten Schultheißen“, während Quellen-Wahrheit und Dichtung zwischen Bürgerkind und Sauhirt, Flüchtlingskind und Narr von Hanau, Musketier und Jäger von Soest, Weiberheld und Einsiedler pendeln. Dazu Grimmelshausens Dichter-Fazit: „So habe ich aber zu garstigen Dingen keine sauberen Worte gefunden…“

Quelle: op-online.de

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