„Sprießen wird es dann von alleine“

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Ein Kunstwerk für sich: Die „Lichtkirche“ bietet Raum für Konzerte, Lesungen, Kabarett und Andachten.

Bad Nauheim ‐ In dem mittelhessischen Kurbad hatte man sich das so schön ausgedacht: „Vom 24. April bis 3. Oktober feiert Bad Nauheim mit der 4. Hessischen Landesgartenschau Hessens größtes Gartenfest. Baden Sie in einem Meer aus Tulpen und Frühjahrsblühern“, hieß es vollmundig. Von Reinhold Gries

Im Herbst noch glich der Kurbezirk mit seiner aufgewühlten Erde und dem Leitungsgewirr einer Großbaustelle, auch bei Steinarbeiten an den Themengärten brummte es. Nach kurzer Winterruhe sollte es im Februar richtig losgehen mit den Gartenarbeiten. „Wir haben nichts gegen den Winter. Er muss nur rechtzeitig aufhören“, sagte Hartmut Kind, Geschäftsführer der Landesgartenschau (LGS). Das war Anfang Februar. Er wurde nicht erhört. Es ist noch nicht allzulange her, da setzten sie einen Bagger am Kurparkteich als Eisbrecher ein, um die Montage des Holzdecks zu ermöglichen. Aber Kind, der nervenstarke Stadtplaner und Gartenarchitekt, und dessen 40 Helfer haben auch jetzt, am Ende des Endloswinters, den Optimismus nicht verloren: „Wir kennen unser Gelände und nutzen jede Sonnenstunde, arbeiten Tag und Nacht. Es bleibt spannend, es wird eng. Die Kälte behindert zwar unsere Show, aber das gehört halt jetzt zur Show dazu.“

Privates Engagement ist unübersehbar

Damals war es noch warm und der Winter schien weit: Ein Arbeiter in den Themengärten im Herbst 2009.

Dass diesen Worten Taten gefolgt sind, sieht man im historischen Kurpark wie im neu gestalteten Goldsteinpark und in der verbindenden Bahnhofsallee, deren meiste Vorgärten fertig vorbereitet sind. Privates Engagement ist unübersehbar. Im LGS-Gelände sind Zäune errichtet, Betonarbeiten gegossen, Mauern gesetzt, Holzbauten gefügt und Gehölze geschnitten. Das kunstvoll gefertigte Holzdeck, auf dem auch Yoga-Kurse am Großen Teich stattfinden, ist fest auf Metallträgern verankert. „Wir sind auf den letzten Metern“, resümiert Kind, „die Parzellierung der Gärten und Mustergräber ist zu 99 Prozent fertig, Themengärten und Gräber werden ab Anfang April bepflanzt. Nun werden noch die Kunstwerke aufgestellt, dazu Mustergrabsteine. Die Wege werden noch schön abgebürstet. Sprießen wird es dann von alleine.“

Man schrieb Ende Februar als sich in Nauheim 80 Profis, erfahrene Landschaftsgärtner aus Hessen und Thüringen, geführt vom zweiten LGS-Geschäftsführer Detleff Wierzbitzki, kundig machten. Von den Baumaßnahmen waren sie genauso beeindruckt wie davon, dass bereits 350 000 Blumenzwiebeln versenkt, über 5600 Bäume und Sträucher gesetzt, 4500 Stauden gepflanzt sowie 80.000 Quadratmeter neue Rasenflächen angelegt worden waren. Sie erfuhren auch etwas über die Anschaffung tausender Rosen, Rhododendren, Azaleen, Bodendecker und anderer Flora. Schon bei der Ankunft der Gäste am nun barrierefreien Jugendstil-Bahnhof sah einiges besser aus. Unweit davon wirken in die Jahre gekommene Anlagen wie das Salinenhaus, die Schreinerei und Alte Wäscherei nun wie umgewandelt – ein jetzt sehr anziehendes Entree zum Goldsteinpark. In diesem zweiten Park stehen auch schon die „Lichtkirche“ der EKHN, der geschmackvolle Neubau des „Gartenforums des Landes Hessen“ und der aus einem Glashaus entwickelte „Gärtnertreff“.

Der Bad Nauheimer Kurpark, Mitte des 19. Jahrhunderts von Palmengartenbaumeister Heinrich Siesmayer geplant, ist bereit für „Blumenwirbel“. Sein Kastanienrondell ist wiederhergestellt und ebenso gut in Form wie neu angelegte Freischachfelder und Boule-Bahnen. Auf das Blumenmeer der Kurhauswiese freuen sich ebensoviele Besucher wie auf dichte Farnwälder zwischen dem Großen Teich und dem Flüsschen Usa.

Kurpark gibt historische Sichtachsen frei

Die Skulptur „Sonne“ scheint sich auf dem Gelände der Landesgartenschau vor dem Goldsteinturm aus dem Boden zu erheben. Die Vorbereitungen für die Schau laufen auf Hochtouren.

Erstmals seit langem gibt der Kurpark historische Sichtachsen frei. Selbst im von Siesmayer nie fertiggestellten, zuletzt verwilderten oder zugewaldeten Goldsteinpark sind neue Freiflächen und Blickverbindungen entstanden. Unterhalb des wieder frei sichtbaren Turms auf dem Goldstein blüht demnächst eine verwandelte Garten-, Park- und Freizeitlandschaft voll auf. Nicht weit von den Salinenwänden, vor denen es in der wärmeren Jahreszeit zum Blütenfeuerwerk kommen wird, warten Gärtnertreff und Gartenforum, um über Gartenbau und Botanik zu informieren. Im benachbarten Biergarten kann man sich erfrischen. Die Holz- und Plexiglasaufbauten der „Lichtkirche“ sind ein Kunstwerk für sich und bieten Raum für Konzerte, Lesungen, Kabarett und Andachten. Vom „Marktplatz Wetterau“, wo vieles für den eigenen Garten angeboten wird, ist es nicht weit zur „Blumentreppe“ und den „Kristallgärten“. In vorbereiteten Parzellen ist schon in Umrissen zu erkennen, was auf die Besucher zukommen und -duften wird: ein üppiger Steinfurther Rosengarten mit alten und neuen Busch- und Kletterrosen, mediterrane Gärten mit Brunnen, Wasserbecken und römischen Treppen, naturbelassene Badeteichgärten, Gärten mit Baumhaus und Spielecke für die ganze Familie, Wohlfühl- und Ruhegärten, japanische und keltische Gärten, in der Exotik fast noch übertroffen vom „Elvis-Garten“ und einer „Buddha-Lounge“ mit „achtfachem Pfad der Erkenntnis“.

Landesgartenschau

Vom 24. 4. bis 4. 10. 2010; täglich geöffnet: April, Mai, Sept. und Okt. von 10-18 Uhr; Juni, Juli und Aug. von 10-20 Uhr. Tageskarte: Erwachsene 14 Euro, Kinder und Jugendliche 4 Euro, Familienkarte: 28 Euro. Reservierungen, Veranstaltungen, Anfragen: info@bad-nauheim.de. Infos und Pläne gibt es hier.

Aber die Fundamente der daneben liegenden Mustergrabanlagen waren wegen der Kälte bis Mitte März noch nicht gegossen. Der Offenbacher Steinmetz Stefan Schneider von der „Steinwerkstatt“ steht schon in den Startlöchern, da er zwei der 30 ausgesuchten Beiträge liefert: „Jetzt hoffe ich sehr, dass es besseres Wetter gibt, damit die Fundamente schnell aushärten und Gräber angelegt werden können.“ Wem es im Goldsteinpark mit Festwiese und Open-Air-Bühne zu laut wird, der kann auf die nahen 4 Kilometer langen Taunuswaldwege ausweichen und tief durchatmen. Oder zum Kurpark zurückkehren, zur größten Jugendstilanlage Europas: Auch der im Auftrag des Hessen- Großherzogs Ernst Ludwig gebaute Sprudelhof ist aufgehübscht worden.

Lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: Landesgartenschau-Geschäftsführer Hartmut Kind.

In der LGS Bad Nauheim ist immer wieder an die Bedürfnisse kleiner und großer Kinder gedacht. Eine prächtige Abenteuerlandschaft ist der Waldspielplatz am Goldsteinpark. Von den LGS-Häusern aus wird es 163 Tage lang über 250 Angebote für Kinder und Jugendliche geben. Fachkundige stehen z.B. fürs „Grüne Klassenzimmer“ parat, in dem Umwelt und Natur erlebbar werden, auch für Kids, die Tierbeobachtung, Pflanzenbestimmung und ein Gartenlabor eher vom Hörensagen kennen. Mitarbeiterin Maren Kunstleger dazu: „Der Unterricht findet fast ausschließlich im Freien statt. Es gibt Tage mit nur einem Programmpunkt oder mit bis zu vier Themen. Für jede Klasse und jedes Alter wird etwas dabei sein.“ Hessens Schulen sind angeschrieben, nun wartet das Team auf Anmeldungen (Kontakt über 0178-8948953). Während der Sommerferien wird kein „Grünes Klassenzimmer“ stattfinden, dafür gibt es vom 28. bis 30. Juli täglich zweimal Programme und Vorführungen mit Greifvögeln. Und von 24. bis 31. Juli erstrahlen die „Lichterwochen“.

Quelle: op-online.de

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