Spuren des Kalten Krieges

Bomben unterm Gullydeckel

+
Stabsfeldwebel Horst Schlick, Wallmeister der Bundeswehr, überprüft in Stadtallendorf per Stiefeldruck einen Gullydeckel.

Kassel - Mehr als 1.300 Sperrvorrichtungen auf Hessens Straßen und an Brücken sollten in Zeiten des Kalten Krieges bei einem Angriff die Armeen aus dem Osten aufhalten. Spezialisten der Bundeswehr begutachten nun die verbliebenen Anlagen und begleiten den Rückbau.

Rechts dichter Wald und ein Hang, links Wald und eine Talsenke. Hier kommt keiner durch. Auf der schmalen kurvenreichen Landesstraße zwischen den Dörfern Giesel und Hosenfeld in Osthessen rollen Panzer und schwere Lkw. Es wird geschossen. Brechen DDR-Soldaten und die Sowjet-Armee trotzdem durch, werden die Gullys gezündet. Drei Schächte reichen tief in ins Erdreich. Mehr als 680 Kilogramm TNT passen in jedes Loch. Genug, um die Fahrbahn auf einer Länge von mehr als 25 Metern in die Luft zu jagen und den Feind zu stoppen.

Gefechtsszenarien wie diese mitten in Hessen sind heute nicht mehr denkbar. Noch in den 1970er und 1980er Jahre waren sie von Militärstrategen fest eingeplant. Stabsfeldwebel Horst Schlick (52) und sein Kollege, Hauptfeldwebel Karsten Schultheis (38), kümmern sich um die Reste des Ost-West-Konflikts. Diese sind unter Betondeckeln im Asphalt verborgen: Sprengschächte und Sperrvorrichtungen, mit denen strategisch wichtige Landes- und Bundesstraßen, Autobahnen und Feldwege, Bahnlinien und Brücken in Trümmern gelegt werden sollten, um die Angreifer – zumindest zeitweise - aufzuhalten.

Relikte des Kalten Krieges

Insgesamt 191 Anlagen dieser Art sind laut Schlick in Hessen heute verzeichnet. Im Jahr 1989 waren es noch 1 368. Wann die Relikte des Kalten Krieges endgültig verschwunden sein werden, kann Stabsfeldwebel Schlick nicht sagen. Im vergangenen Jahr seien 50 zurückgebaut worden, in diesem bislang zwei. Wenn eine Straße saniert wird, füllt die Baufirma die Hohlräume mit Sand oder Beton. In der militärischen Planung spielen sie ohnehin keine Rolle mehr. Die meisten Anlagen sind 5,50 Meter tief, einige mehr als acht. Autofahrern und Spaziergängern seien die grauen rund 45 Kilogramm schweren Deckel mitten auf der Fahrbahn, die im Ernstfall gewaltige Sprenglandungen beherbergt hätten, bislang nicht aufgefallen.

Schlick, Schultheis und ein dritter Kollege in Wiesbaden gehen jedes Jahr im Frühling auf Inspektionstour in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland sowie Teilen Niedersachsens und Baden-Württembergs. Sie prüfen, ob die leeren Schächte dem Straßenverkehr noch gewachsen sind oder verfallen. Außerdem beraten sie Bauämter, die Straßen in Schuss bringen wollen.

Osthessen als Spielwiese

Wegen der strategischen Bedeutung habe die Bundeswehr in Osthessen mehr Sperreinrichtungen installiert als in anderen Landesteilen. „Das war als Spielwiese vorgesehen“, sagt Wallmeister Schlick ironisch. Wäre es zum offenen Krieg der Weltmächte gekommen, hätten in Hessen die schlimmsten Panzerschlachten getobt, um den Durchbruch der feindlichen Truppen an den Rhein und die Besetzung des Flughafens Frankfurt, über den ein großer Teil des Nachschubs für Nato-Armeen gewährleistet worden wäre, zu verhindern. „Osthessen wäre wohl auf Jahrzehnte unbewohnbar geworden.“

Hätte es Gefechte zum Beispiel um das kleine Dorf Giesel gegeben, wären die Wallmeister zuvor mit mehr als 30 Soldaten angerückt und hätten innerhalb von zwei Stunden käseleibgroße TNT-Ladungen in die leeren Schächte gefüllt sowie Drähte und Minen verlegt. Deponiert wurde der Sprengstoff in unscheinbaren, gesicherten sogenannten Sprengmittelhäusern in der Umgebung. 1994 holte die Bundeswehr die letzten Ladungen aus den geheimen Gebäuden.

Insgesamt drei Wallmeister sind noch für das Landeskommando Hessen im Dienst. Wenn in einigen Jahren die verbliebenen Straßen mit Sperrvorrichtungen saniert sind, „dann sind wir als Wallmeister Geschichte“, sagt Stabsfeldwebel Schlick. Die Bombe im Gullyschacht war übrigens in der DDR nicht vorgesehen, haben er und Schultheis herausgefunden: „Denen im Osten war klar, dass wir keine Angriffsarmeen haben in Gegensatz zu ihnen“, sagt Schlick.

dpa

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare