Staatsdiener von edelstem Geblüt

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Statuen und die schmucken Gebäude erinnern an die Zeit des „Königlich Preußischen Hessen-Nassauischen Landgestüts“ als das der Betrieb im Jahr 1869 gegründet wurde.

Dillenburg - Wenn „Weltpoet“, „Reflektor“ und „Donnerblut“ auf dem Hessischen Landgestüt Dillenburg ihr Erbgut hergeben, tun die edlen Hengste das auf traditionsreichem Grund. Von Carolin Muck (dpa)

Seit seiner Gründung im Jahr 1869 werden in dem Betrieb unter Staatsregie Pferde gezüchtet. Die Tiere, von denen einige den besten Blutlinien Deutschlands entstammen, stehen in denselben prächtigen Ställen, in denen schon zu Zeiten der einstigen Landgrafen Stroh ausgestreut wurde. Anders als früher ist die Pferdezucht heute aber nicht mehr das wichtigste Standbein. Um profitabel zu bleiben, setzt Hessens einziges Landgestüt in der mittelhessischen 23000-Einwohner-Stadt längst auf weitere Einnahmequellen.

Statuen erinnern an die Zeit des „Königlich Preußischen Hessen-Nassauischen Landgestüts“ als das der Betrieb im Jahr 1869 gegründet wurde.

Wir müssen uns profilieren und Nischen nutzen“, sagt Landstallmeister Uwe Xanke. Mittlerweile zählten auch der Kulturtourismus und die Ausbildung auf Schulpferden zu wichtigen Betriebszweigen des Gestüts. „In den Bereichen sind wir zur Marke geworden“, sagt der studierte Agraringenieur, der seit 2004 in Dillenburg die Zügel in der Hand hält. Rund 30000 Tagestouristen besuchen nach seinen Angaben jedes Jahr die rund zehn Hektar große Anlage mit ihren denkmalgeschützten Gebäuden aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Hintergrund-Infos zum Landgestüt finden Sie unter „Das hessische Landgestüt

Besuchermagnete sind die Hengstparaden, zu denen das Gestüt alle zwei Jahre im Herbst seine Tore öffnet. Zudem lassen sich laut Xanke jährlich etwa 650 Pferdefreunde an der angegliederten Landes-Reit- und Fahrschule ausbilden ­ in Dressur, Springen, therapeutischem Reiten und als Reittrainer. Unternehmen und Privatleute mieten die Anlage für Versammlungen oder Feiern.

Reaktion auf Kritik an staatlicher Pferdezucht

Der Erste Hauptsattelmeister Wolfgang Benschus kümmert sich im Landgestüt um den Hengst „Vulkan“, der unter dem Pferdesolarium im Stall steht.

Das Gestüt, das Anfang 2003 in einen Landesbetrieb umgewandelt wurde, ist im Umbruch. Der Wandel hänge ganz eindeutig mit dem Jahr 2003 und der damals aufgekommenen harschen Kritik an der teuren staatlichen Pferdezucht zusammen, sagt Xanke. Angesichts großer Haushaltslöcher setzte die damalige CDU-Landesregierung in vielen Bereichen Sparmaßnahmen durch. Auch an den Ausgaben für das Landgestüt wurde der Rotstift angesetzt: Die Mittel in Höhe von jährlich 1,2 Millionen Euro wurden gekürzt. Sogar die komplette Schließung wurde damals diskutiert.

Früher 40 Gestüts-Mitarbeiter, heute 23

Informationen zu den Hengsten des Gestüts in Dillenburg finden Sie unter „Zuchthengste als Lehrmeister

Dazu kam es nicht, in der Folge aber zu Personalabbau und der Privatisierung des Hengstbestandes. Hatte das Gestüt vor der drastischen Kürzung der Zuschüsse etwa 40 Mitarbeiter, sind es heute nur noch 23. Von der Landesregierung kommt derzeit laut Xanke jährlich rund eine Million Euro für den Betrieb. Dem Bund der Steuerzahler Hessen ist das zu viel. Der Verein spricht sogar von 1,8 Millionen Euro Zuschüssen. Ein Gestüt zu betreiben, gehöre nicht zu den Aufgaben eines Landes, meint Sprecher Clemens Knobloch. „Das ist etwas, das überhaupt nicht sein muss.“

Teil-Privatisierung „Schritt in richtige Richtung“

Landstallmeister Xanke weiß, dass das Gestüt politisch umstritten ist und kann als Bürger die Kritik nachvollziehen. Deswegen sei etwa die Privatisierung des Hengstbestandes ein Schritt in die richtige Richtung gewesen. Xanke hält aber am Landgestüt fest, weil es für die Region und aus kulturhistorischer Sicht von großer Bedeutung sei.

Die schmucken Gebäude erinnern an die Zeit des „Königlich Preußischen Hessen-Nassauischen Landgestüts“ als das der Betrieb im Jahr 1869 gegründet wurde.

In den Ställen des Gestüts mit den verzierten Eisensäulen und den bemalten Kacheln stehen heute 70 Pferde, davon sind 26 Zuchthengste. Früher waren hier bis zu 60 dieser wertvollen Tiere untergebracht. Für deren kostspieligen Erwerb sind mittlerweile mehrere Firmen verantwortlich. Das Landgestüt kümmert sich nur noch um die Haltung und - gemeinsam mit eigenen Experten, den Besamungstechnikern - um die Zucht. Auf natürlichem Weg werden in Dillenburg kaum noch Fohlen gezeugt. Die Hengste geben auf einem Lederbock ihr Sperma ab, die Stuten werden später künstlich besamt.

Paradeuniformen bei offiziellen Anlässen

Mehr über die baufälligen Ställe des Gestüts ist unter „Marode Ställe bereiten Sorgen“ zu finden.

Jenseits dieser modernen Fortpflanzungsmethoden präsentiert sich der Betrieb gern noch so wie zur Zeit des „Königlich Preußischen Hessen-Nassauischen Landgestüts Dillenburg“, wie es einst hieß. Dazu tragen nicht nur die schmucken Gebäude bei, sondern zum Beispiel auch die Paradeuniformen, die die Mitarbeiter zu offiziellen Anlässen wie den Hengstparaden anlegen. „Wir haben festgestellt, dass sich das gut vermarkten lässt“, sagt Xanke.

Nicht zuletzt deshalb sei es ein großes Problem, dass der Glanz nachlasse: Viele der alten Gebäude sind laut Xanke marode und müssen dringend saniert werden, was aber mehrere Millionen Euro kosten würde. Ob und wann das genau geschieht, sei daher noch offen,­ denn die Kassen sind klamm. Klar ist dagegen, wo der Landstallmeister künftig mit dem Gestüt hin will: „Im Bereich Bildung liegt eindeutig die Zukunft.

Gefragt ist die reiter- und pferdegerechte Ausbildung

Lange stand die 1929 angegliederte Landes-Reit- und Fahrschule hinter der staatlichen Hengstzucht zurück. Heute ist die Ausbildung von Ross und Reiter das Aushängeschild des Gestüts. „Der Pferdesport in Deutschland ist ein Markt von fünf Milliarden Euro“, sagt Xanke. Besonders gefragt sei die reiter- und pferdegerechte Ausbildung, weswegen sich das Landgestüt darauf spezialisiert habe.

Das Gestüt steht interessierten Besuchern das ganze Jahr über offen. Eine Führung im Kutschenmuseum kostet drei Euro. Ausführliche Informationen rund um das Gestüt in Dillenburg sind auf dessen Internetseite zu finden.

Xanke will künftig verstärkt mit Universitäten und Schulen zusammenarbeiten. Das Landgestüt beschäftigt heute 17 Lehrlinge und versteht sich als „Eliteausbildungsbetrieb“. Bei allen Plänen: „Das A und O ist die Markenentwicklung des Gestüts.“ Damit sei man schon weit gekommen, sagt der Landstallmeister.

Quelle: op-online.de

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