Stadtführung im Sauseschritt

Morgens um sechs kann man sich in einer fremden Stadt ganz schön einsam fühlen. Will man sich dann noch mit etwas Sport auf einen anstrengenden Arbeitstag vorbereiten, stehen die Chancen gut, auf einem Laufband im Fitnessclub des Hotels zu landen.

Frankfurt - Es sei denn, man nimmt am Kontrastprogramm des Frankfurters Tim Gondorf (32) teil, der seit dem vergangenen Jahr sein „Sightjogging“ anbietet. „Meine Kunden sind vor allem Geschäftsreisende, die für ein oder zwei Tage in Frankfurt sind. Sie kennen sich kaum aus, möchten sich aber trotzdem gerne den Kopf frei laufen“, erklärt Gondorf das Konzept seiner Stadtführungen im Joggingtempo. Verschiedene Routen von jeweils einer Stunde Laufdauer hat er sich überlegt, um seinen Kunden erste Eindrücke von der Stadt am Main zu verschaffen.

Dabei geht es dem Sportwissenschaftler Gondorf nicht darum, seine Kunden mit Informationen über Frankfurt zu überschütten. Vielmehr will er das Interesse wecken und neugierig machen. „Detaillierte Infos biete ich auf meiner Internetseite an. Wer nach dem Sightjogging noch mehr erfahren will, ist dort bestens aufgehoben.“ Was aber nicht bedeuten soll, dass der 32-Jährige sich seine Routen nicht genau überlegt und über die Sehenswürdigkeiten entlang der Strecken nicht informiert hätte. So weiß er etwa auf der Strecke, die am Sachsenhäuser Mainufer startet und dann über Städel, Holbeinsteg, Hauptbahnhof, Alte Oper, Fressgass', Neue Börse, Zeil, Römer und den Eisernen Steg zurück zum Main führt, allerhand zu erzählen - falls der Kunde dies wünscht. „Viele wollen aber auch gar nicht viel hören und sagen direkt: 'Lass uns einfach laufen'. Oder sie beginnen selbst zu erzählen, von der Arbeit oder der Familie“, erzählt Gondorf, der außerdem als Lauftrainer arbeitet und eine eigene Firma rund um „Personal Training“ betreibt.

Die Idee des gemeinsamen Laufens steht bei Gondorfs „Sightjogging“ im Mittelpunkt. In der Zeitung las er von einem entsprechenden Angebot in Mainz, und sofort war dem Sportbegeisterten klar: „Das muss in Frankfurt auch her.“ Inzwischen findet er es sehr spannend, „so etwas Einzigartiges in der Stadt“ anzubieten und dabei auch noch Spaß und ein gutes, fast freundschaftliches Verhältnis zu seinen zahlenden Mitläufern zu haben.

Wer mit Gondorf morgens oder abends laufen geht, wird im Hotel abgeholt, zahlt bis zu 60 Euro und kann sicher sein, dass der Trainer kein starres Programm durchzieht. „Geschäftsleute kommen oft rasch auf ganz private Themen zu sprechen, und per Du ist man ohnehin ganz schnell“, freut sich Gondorf.

Lachend berichtet der Berufsjogger von einem Kunden, der seit kurzem in Frankfurt wohnt und die temporeiche Stadtführung nutzt, um seine neue Heimat „kompakt“ kennenzulernen. „Er kennt keine Laufstrecken und muss viel arbeiten, da komme ich wie gerufen.“ Noch faszinierter aber ist Gondorf von zwei befreundeten Ehepaaren aus den Niederlanden, die seit über zehn Jahren zum Frankfurter Weihnachtsmarkt kommen. Im vergangenen Winter haben sie sich im Laufschritt durch die ihnen eigentlich längst vertraute Stadt führen lassen und danach entschieden, dies „in Zukunft als festen Programmpunkt in ihren Weihnachtsaufenthalt aufzunehmen.“

Übermäßig fit muss man für die fünf bis sieben Kilometer langen Strecken nicht sein. Gelaufen wird auch im Winter. Gondorf freut sich sich aber auf die Sommermonate, in denen man auch „abends um acht oder neun noch mal loslaufen“ könne.

Dann will der Sportler auch verstärkt versuchen, Hotels für sein Angebot zu begeistern - denn die müssen mitspielen, um möglichst viele Reisende auf das „Sightjogging“ aufmerksam zu machen. Wer jedoch nicht mitspielt, ist die Stadt Frankfurt. Tim Gondorf berichtet: „Die Stadt ist an einer Kooperation nicht interessiert und sieht mich als Konkurrenz zu ihren eigenen Führungen. Das Konzept kommt nicht von ihnen, also wollen sie es nicht.“

www.sightjogging-ffm.de

Quelle: op-online.de

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