Städel schreibt Geschichte

Frankfurt - Wer die Kunst der Gegenwart erkunden will, muss tief hinabsteigen. Durch den Haupteingang und das Foyer des Städel-Museums geht es über die Stufen einer Treppe hinein in die Präsentation einer verästelten, komplexen und von vielen  Entwicklungen geprägten Kunstepoche. Von Carsten Müller

Es sind verschiedene Fährten, die Kurator Martin Engler in den Galerien, Kabinetten und Räumen der 3.000 Quadratmeter großen unterirdischen Halle unter dem Städel-Garten ausgelegt hat. In der Mitte laufen wie auf einem Marktplatz die Erzählfäden zusammen, begegnen sich verschiedene Strömungen. Die auf zwölf Pfeilern ruhende Gewölbedecke wurde dort zur besseren Orientierung erhöht. Sonst geht der Überblick angesichts der überbordenden Fülle des Gezeigten allzu schnell verloren.

Spektakulär sind nicht nur die 330 Positionen der 179 Künstler, sondern auch die Anmutung des von den Frankfurter Architekten Till Schneider und Michael Schumacher entworfenen Raums mit bis zu achteinhalb Meter Höhe und den 145 markanten Rundkuppeln, durch die weiches Tageslicht auf die Fotografien, Malereien, Skulpturen und Objekte fällt. Englers Erzählung beginnt in der Klassischen Moderne, aus der sich manche spätere Entwicklung herleiten lässt. Zitathaft sind daher Einzelwerke, etwa von Ernst-Wilhelm Nay, um die Freitreppe gruppiert. Von dort aus ist jeder Besucher selbst gefordert, sich eine eigene Kunstgeschichte nach 1945 zu erzählen, in einer Umgebung, in der sich „Ideenraum und realer Raum kongenial treffen“, wie Engler gestern sagte.

Museum auf Weltniveau

Schon auf den ersten Metern etwa begegnet man dem Offenbacher Herbert Aulich, dessen konstruktivistisches Relief zwischen Werken von Rosemarie Trockel, Victor Vasarely und Günter Fruhtrunk seinen Platz gefunden hat. Wie weit sich die Bögen chronologisch spannen, illustrieren auch die über Jahrzehnte entstandenen Informel-Arbeiten Emil Schumachers. Entlang der Hauptwege eröffnen sich Kabinette für Materialisten wie Joseph Beuys und Anselm Kiefer, für Peter Roehrs serielle Arbeiten oder Neue Wilde wie Rainer Fetting und Helmut Middendorf oder die Düsseldorfer Kollaboration des Kapitalistischen Realismus von Sigmar Polke und Gerhard Richter. Wer in der Nachkriegskunst Rang und Namen hat, ist in der hochkarätigen Städel-Sammlung vertreten, deren Grundstein der ehemalige Direktor Klaus Gallwitz in den Siebziger Jahren legte. In jüngster Zeit kamen kostbare Leihgaben hinzu.

Die Deutsche Bank übergab 600 Werke ihrer seit den 70er Jahren aufgebauten Sammlung vor allem deutscher Künstler. Von der DZ-Bank kamen 220 fotografische Arbeiten, die die den bislang vernachlässigten „Dialog zwischen den Medien“ und die fehlende Sammlung von Fotografie ergänzten, so Städel-Direktor Max Hollein. Die private Initiative des „Städel-Komitees 21. Jahrhundert“ finanzierte den Ankauf von über 100 bedeutenden Werken, hinzu kamen Schenkungen von Sammlern. Die größte Erweiterung in der knapp 200-jährigen Städel-Geschichte hat zusammen mit der Sanierung des Altbaus 52 Millionen Euro gekostet. 700 Jahre Kunstgeschichte, von den Alten Meistern über die Klassische Moderne bis zur Gegenwart, sind jetzt auf verdoppelter Ausstellungsfläche unter einem Dach vereint.

Ein Museum auf Weltniveau, dank beispielgebenden Bürgersinns, die Hälfte der Bausumme kam durch Spenden zusammen, vor allem aber dank eines Direktors Max Hollein, der Politik, Wirtschaft und Bürgertum für seine Ideen zu begeistern versteht. Hollein sieht die „grundlegend fortentwickelte Sammlung nicht als Ende der Entwicklung“. Man darf gespannt sein, was noch kommt. Derweil blickt Andy Warhols „Goethe“ entspannt auf die neue Halle hinab, ganz wie sein Vorbild von Tischbein im darüber liegenden Obergeschoss.

Quelle: op-online.de

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