Der Aufbruch in die Moderne

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Auguste Renoir „Woman with a Parasol in a Garden“ (1875)

Frankfurt - Mit der Ausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“ nimmt das Städel Museum die Anfänge der impressionistischen Bewegung in den Blick. Von Reinhold Gries

Welch ein Fest für die Augen! Auf einzigartige Weise hat das Städel eigene Bestände und kostbare Leihgaben aus aller Welt zum 200. Stiftungsjubiläum zusammengeführt. Von rund 100 kapitalen Meisterwerken des frühen Impressionismus, meist zwischen 1860 und 1880 gemalt, stammt die Hälfte von Claude Monet (1840-1926), der Schlüsselfigur des französischen Impressionismus. Monets Familienbilder, Paris-Motive, Seestücke und Landschaften haben starke Wegbegleiter: Auguste Renoirs schillernde Feinmalerei in Blumenmeeren und Menschenbildern wie „Frau mit Sonnenschirm im Garten“, Èduard Manets dynamische Pinselschläge im (unvollendeten) Panorama zur Pariser Weltausstellung und Edgar Degas‘ kühn geschnittene Ballettszenen. Dazu kommen Berthe Morisots lange unterschätzte transparente Malkunst, Camille Pissarros malerische Gemüsegärten und Alfred Sisleys kühlfarbige Seine-Ansichten. Mehr geht nicht.

Eingeführt werden die illustren Spielarten des frühen Impressionismus vom „Prolog“ vorbereitender Tableaus der Freiluft-Maler aus Barbizon - darunter Corot, Millet und Courbet. Dann folgen Pleinair- Vorbilder der Monet-Lehrer Eugéne Boudin und Johan B. Jongkind. Dazu zeigen historische Fotos von Paris den Umbruch der Gründerzeit, aber auch Zerstörungen durch den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und den Aufstand der „Commune de Paris“ 1871. Es fehlen auch nicht Karikaturen, welche die Impressionisten seit der ersten gemeinsamen Schau 1874 am Pariser Boulevard des Capucines begleiteten.

Dass Bilder oft vom staatlichen gelenkten Pariser Salon abgelehnt wurden, inspirierte Illustratoren wie „Cham“. Er zeichnete einen Türsteher vor der Impressionisten-Schau, der einer schwangeren Dame rät: „Madame, es ist nicht ratsam einzutreten.“ Ein Kritiker der Zeitung „Le Figaro“ schmähte die Neuerer gar als „Wahnsinnige“. Wer die wundervollen Bilder heute vor sich sieht, kann kaum glauben, wie viel Aggression sie früher auslösten. Die Bezeichnung „Impressionismus“, anfangs eher abfällig nach Monets „Impression, soleil levant“ (1872) benutzt, wurde Markenzeichen. Lob und Kritik begleiten Monet bis zu seriell-experimentellen Lichtstudien zur Kathedrale Rouen (1893/94) - gemalt zu verschiedenen Tageszeiten und Wettern aus dem Fenster der gegenüberliegenden Herberge. Wann sieht man diese Pionierwerke gleich vierfach oder in Londoner Nebel getauchte Brücken in drei Versionen?

Sensationell wirkt auch, wie Monet um 1900 in „Charing Cross Bridge“ und ab 1918 im Bilderpaar „Die japanische Brücke“ abstrakt-expressive Wege beschritten hat. Bestens kann man in der über zwei Etagen des Städel führenden Schau den Weg verfolgen von Monets spätrealistischen Gemälden aus dem Normandie-Künstlerort Honfleur hin zu Schlüsselwerken wie „Fischerboote bei Windstille“, „La Grenoulliere“, „Hotel des Roches Noires in Trouville“ oder „Windmühlen bei Zaandam“ (1868-71). Das Dunkeltonige des „Abendessen“-Ölbildes ist daraus verschwunden. In Farbstrichen vibrierende Wasseroberflächen, windzerzauste Fahnen und skizzenhafte Mühlenflügel haben nicht mehr gewohnte Raum- und Körperillusion, „richtige“ Stofflichkeit und Lokalfarbe. Dazu kommen aufgehellte, farbige Schatten. Auch Umrisse tauchen im farbigen Lichtraum unter. Der neue Pinselrhythmus macht Figuren körperlos, Gebäude substanzlos und Landschaften vage – bis hin zum hingehauchten „Vétheuil im Nebel“ – einer malerischen Fata Morgana.

Claude Monet im Städel

Claude Monet im Städel

Die Schau „Monet und die Geburt des Impressionismus“ ist bis 21. Juni zu sehen 

Allen Impressionisten gemeinsam war, dass bei ihnen Farbmaterie Eigenwert gewann, gleich ob vor Ort skizzenhaft eingesetzt oder im Atelier groß durchkomponiert. Das irritierte Traditionalisten ebenso wie großformatig inszenierte Momente privaten Lebens, welche die Historien-Bilder ablösten. Dafür stehen Monet-Ikonen wie das Städel-Hochformat „Mittagessen“ oder seine im sommerlichen Garten farbig flimmernde Freiluft-Version „Dekorative Tafel“. Neben Sommer- oder Winter-Idyllen hielt der Malpionier oft die neue Urbanität fest. Da werden im blauen Boulevard-Dunst von Paris Menschen zu Strichen, Straßenbäume zu Farbwolken oder Dampfwolken der Bahnhofshalle zu Zeichen des Aufbruchs in die Moderne. Auch die fluide Malwelt der gleichfalls ausgestellten Manets, Renoirs und Morisots wechselt zwischen Kontrasten und Nuancen. Heute bezaubert es unendlich, mit welchem Charme und welcher Poesie die Meister spektrale Farbdivision nutzten, um Natureindrücke, Freizeitvergnügen und Stadtimpressionen mit Licht und Lebensvibration aufzuladen.

Quelle: op-online.de

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