Die Stars in der Kita

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Männliche Erzieher vermitteln schon im frühkindlichen Alter, was das Mann-Sein ausmacht.

Frankfurt ‐ Montagvormittag in der Frankfurter Kita 89. „Denen haben wir’s gestern richtig gegeben, was?“ Erzieher Andreas Pretsch haut seinem Kollegen Foad Chasebi auf die Schulter und grinst. Beide sind Eintracht-Fans. Von Sandra Dorn

„Spielt ihr mit uns Fußball?“, betteln ein paar Jungs, die zufällig daneben stehen. „Später“, sagt Chasebi. Nach dem Mittagessen geht er mit den Kindern erstmal ins Bad, um mit ihnen Zähne zu putzen. Danach setzt er sich mit einem geistig behinderten Jungen an einen winzigen Tisch und puzzelt. Dass die beiden sportlichen Erzieher Männer sind, ist für die zirka 90 Mädchen und Jungen der integrativen Kita 89 im Stadtteil Dornbusch nichts Außergewöhnliches – sieben der 26 Erzieher sind Männer, hinzu kommen drei Zivis. Ein Glücksfall für die drei- bis zwölfjährigen Kindergarten- und Hortkinder, von denen ein Drittel behindert ist. Im Bundesschschnitt sind gerade einmal drei Prozent des Kindertagesstätten-Personals Männer.

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„Wir brauchen wieder mehr Männlichkeit“

Nein, belächelt würden sie nicht mehr, sagt Chasebi. Seit 1997 ist der Iraner in der Kita angestellt. „Jeder weiß, wie schwer unsere Arbeit ist“, meint er. Schwer und verantwortungsvoll, aber schlecht bezahlt – daran hat auch der lange Tarifstreit im vergangenen Jahr nicht viel geändert. Das Anfangsgehalt für Erzieher nach fünfjähriger Ausbildung liegt in Frankfurt, wo sie in ihrer Entgeltgruppe auch als Berufsanfänger schon in der zweiten Tarifstufe vergütet werden, bei 2348,96 Euro brutto im Monat. „Große Sprünge kann man halt nicht machen“, sagt der 24-jährige Yves Grochocki, der seit anderthalb Jahren zum Personal der Kita gehört.

Am Fuße der blauen Treppe mitten im Haus lässt sich lautes Gepolter vernehmen – ein Spielzeuglaster ist soeben in hohem Bogen hinuntergeflogen. „Hey, wer war das? Das geht gar nicht!“ Thomas Werner ist sauer. Rasch hat der 41-jährige Erzieher den vierjährigen blonden Jungen ausgemacht, der das Spielzeug geworfen hat. „Stell dir mal vor, du hättest ein anderes Kind damit getroffen, was dann?“ Riesengroß steht der durchtrainierte Mann im grauen Kapuzenpulli vor dem Knirps und ermahnt ihn mit tiefer Stimme.

Sichtlich beeindruckt zieht der kleine Junge mit dem Spielzeug davon. Kurz darauf hängt er schon wieder am Hosenbein des Erziehers – er mag ihn und will seine Grenzen austesten. „Viele Kinder leben mit dem Bewusstsein, dass der Vater den ganzen Tag weg ist und das Geld verdient – von den Scheidungskindern ganz zu schweigen“, sagt Werner. „Gerade den Jungs fehlt häufig eine männliche Identifikationsfigur.“

Kinder lernen früh, was einen Mann ausmacht

Nichts entgeht den Kindern. Und so beobachten sie auch, dass die Männer genauso wie ihre Kolleginnen mit den Mädchen und Jungen an kleinen Tischen sitzen und geduldig bunte Bilder malen oder Perlen aus Salzteig basteln. Durch die Präsenz der männlichen Erzieher lernen die Kinder schon früh, was einen Mann ausmacht und dass nicht nur Härte sondern auch Einfühlungsvermögen zum Mann-Sein gehören.

Und doch werden die Erzieher von den Kleinen ganz anders wahrgenommen als ihre Kolleginnen. „Da, ein Gewehr für dich!“ Stolz überreicht der dreijährige Paul seinem Erzieher Yves einen länglichen Papierschnipsel. „Oh, das ist aber ein schönes Gewehr“, lobt der junge Mann, der Bub strahlt. „Wir vermitteln hier sehr viele Männerbilder“, sagt der Erzieher. Er selbst bringt den Kindern Karate bei, ein anderer Kollege betreut den Musikraum. Später, auf dem Weg zum Spielplatz, schnappt er sich Paul und schleudert ihn durch die Luft. Der Knirps quiekt vor Freude. Für Paul ist es ganz normal, so viele starke und fürsorgliche Männer um sich zu haben. Er ist ein Einzelfall.

Quelle: op-online.de

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