Einen guten Song kann man auf dem Kamm blasen

Stefan Gwildis über Soul und das Leben in Doppelhaushälften

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Sänger Stefan Gwildis war viele Jahre als Straßenmusiker unterwegs, bevor seine Karriere Fahrt aufnahm.

Offenbach - Mit eingedeutschten Soul-Klassikern und dem Album „Neues Spiel“ gelang dem Hamburger Sänger Stefan Gwildis im Jahr 2003 im schon etwas reiferen Alter von 45 der Durchbruch. Für den Straßenmusiker war damit die Zeit der Tingelei und Gelegenheitsjobs vorbei.

Auch seine nachfolgenden Alben verkauften sich gut, und der mittlerweile 57-jährige Gwildis ist nun Stammgast in den großen Konzertsälen und Musikhallen. Vor seiner aktuellen Tour, auf der er sein neues Album „Alles dreht sich“ vorstellt, sprach Gwildis mit Christian Riethmüller.

Detroit, Memphis, Muscle Shoals oder Philadelphia? Wo würde sich der Soulsänger Stefan Gwildis am liebsten verorten?

Schon Detroit, würde ich sagen. Motown und die Funk Brothers, das ist meine Schule. Mit den Funk Brothers bin ich ja sogar auf Tour gewesen. Die hatten vor einigen Jahren den Film „Standing in the Shadows of Motown“ gemacht, und der deutsche Promoter, der auch mich kannte, brachte uns in Kontakt. Ich war dann erst mal perplex, als ich mitkriegte, dass die Jungs die ganzen Hits vom Notenblatt abspielten. Jede Cover-Band spielt da freier. Aber klar, die haben die Nummern damals im Studio ein-, zweimal gespielt und dann kam schon die nächste Aufnahme dran. Aber es war toll, mit Leuten wie Joe Hunter zu musizieren. In Frankfurt haben wir in der Alten Oper hinter die Bühne gesessen, und ich habe Mäuschen gespielt, als sie sich die ganz alten Geschichten von Marvin Gaye und James Jamerson und all den anderen erzählten. Toll. Daher Detroit.

Haben sie zu alten Motown-Songs das Singen geübt und ihr Timbre ausgebildet?

Nee, die Soul-Hits waren für die Straßenmusik gar nicht so gefragt. Da haben wir Sachen von den Beatles oder Simon & Garfunkel einstudiert und immer viel probiert. Wir haben Straßentheaterformate ausprobiert, weil wir vom Straßentheater kamen. Es gab in den frühen achtziger Jahren ja Geschichten wie Sitz-Theater oder U-Bahn-Theater. Das war unsere Welt. Wir haben immer probiert. Ich hatte nach dem Abi ja nichts gelernt.

Haben Sie in Ihrer Jugend ein Instrument gelernt?

Ich habe mit 14 eine Gitarre gekriegt. Ein Kumpel hatte ein Klavier, später hab ich mich an Tuba oder Schlagzeug probiert, aber eben immer nur ausprobiert. Mein Instrument ist daher die Gitarre. Auf der komponiere ich auch, wenngleich ich das nicht so akkurat aufschreiben kann. Die Cracks, die ich kenne, lachen dann immer: „Ah, das ist ein Akkord hoch sieben gespreizt.“

Das heißt, Sie denken sich Melodien aus und versuchen diese auf der Gitarre zu spielen?

So in etwa, wobei ich mich nicht gezielt auf die Suche nach Melodien mache. Gitarrespielen ist für mich auch etwas Meditatives.

Wie erarbeiten Sie die Arrangements? Mit der Band? Oder haben Sie einen Arrangeur?

Das mache ich mit meinen Produzenten. Das Latin-inspirierte Arrangement zum neuen Song „Naja Naja“ hatten wir schon länger als Instrumental im Programm und dachten nun, dass es ganz gut zu dem Lied passen würde.

Wie sind Sie zur Musik gekommen? Gab es ein einschneidendes Erlebnis?

Eigentlich über meinen Vater. Der war aber kein Musiker, sondern Reifenhändler. Von der Firma Goodyear gab es früher als Werbegeschenk immer so richtig harte Schallplatten. Die musste man manchmal noch bei 78 Umdrehungen abspielen. Darauf war fast immer die Musik schwarzer Stars wie Ray Charles, Louis Armstrong oder Sammy Davis jr. Mein Vater hat mir diese Platten gegeben. Und meine Mutter hörte gern Knut Kiesewetter und Hildegard Knef.

Also eine große Bandbreite zuhause ...

Ja. Mir war aber immer die Musik am liebsten, bei der Bilder in meinem Kopf entstehen. Und da war der Jazz mit seinen Freiheiten, musikalisch alles machen zu dürfen, meine Welt. Wenn ich dagegen einen Schlagersender einstelle und höre, wie reduziert da die Taktzahlen sind. Das ist nichts für mich.

Wenn Sie nun auf Tour sind, spielen Sie da mit großer oder kleiner Band?

Wir haben Gitarre Bass, Schlagzeug, Keyboards und zwei Bläser, also ein Sextett. Wenn man über Soul spricht, gehören Bläser einfach dazu. Manchmal bin aber auch nur mit Piano und Bass unterwegs. Das ist auch toll, weil man da richtig die Hosen herunterlassen muss. Aber letztlich kannst Du einen guten Song ja auf dem Kamm blasen, und es bleibt trotzdem ein guter Song.

Sie bringen also die eingedeutschten Soul-Klassiker weiter zu Gehör?

Auf jeden Fall. Das habe ich ja lange Zeit gemacht. Im Mittelpunkt steht natürlich das neue Album, aber auf jeden Fall auch die Klassiker .

Das witzige Lied „Doppelhaushälftenherz“ vom neuen Album erinnert an Barry White und dessen sonoren Sprechgesang. Ist das eine Hommage?

Schon. Barry White hatte bei seinen Hits ja immer diese Intros voller Geigen, Dann kam ein „Oh, Baby“ und dann gleich eine Weisheit. So wollten wir’s auch machen. Deshalb wird in dem Song gesprochen. Wir wollten viele Beobachtungen unterbringen. Ich bin ja wie der Bofrost-Mann in dem Lied selber mal ausgefahren. Die Eindrücke von damals wollte ich einfließen lassen.

Aber Sie fuhren keine Tiefkühlkost aus, oder?

Nein, ich fuhr für eine Samenhandlung. Die hatten Sämereien, aber auch Katzenstreu und so einen Kram. Interessant ist ja das Verhältnis, das man bei so einem Job zu den Menschen aufbaut. Stets versucht man sich ein Bild zu machen. ganz so, wie in dem Lied.

Ist es ihr persönlicher Albtraum, in solch einer Doppelhaushälfte zu leben?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe sogar schon mal in einer Doppelhaushälfte gewohnt. Es geht eher um die Träume der in solch einem Haus beobachteten Frau und was aus diesen Träumen geworden ist. Ich halte es in einer Partnerschaft für wichtig, dass beide Parteien ihre Träume leben können und tun dürfen, was ihnen wichtig ist und keiner in der Doppelhaushälfte zurückbleibt. Das ist das A und O einer Partnerschaft.

Königreich der Musik: Aus Memphis kommen drei Musikstile

Stefan Gwildis tritt am 2. März in der Alten Oper Frankfurt auf. Tickets gibt es an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

Quelle: op-online.de

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