Stöpsel im Ohr und Alkohol

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Rot heißt Rot: Das verbotene Überqueren von Schienen ist lebensgefährlich. In Hessen haben in einem Jahr 14 Menschen den Leichtsinn mit dem Leben bezahlt. Jüngstes Opfer war ein 34-Jähriger, dessen Leiche am vergangenen Wochenende in Frankfurt neben den Gleisen der Main-Weser-Bahn gefunden wurde.

Frankfurt/Kassel - Das verbotene Überqueren von Schienen ist lebensgefährlich. In Hessen bezahlten in den vergangenen zwölf Monaten 14 Menschen diesen Leichtsinn mit dem Leben. Von Monika Hillemacher (dpa)

Jüngstes Opfer war ein 34-Jähriger Mann, dessen Leiche am vergangenen Wochenende in Frankfurt neben den Gleisen der Main-Weser- Bahn gefunden wurde. Ursache solcher Unfälle sei „eine völlige Fehleinschätzung der Gefahren, die der Bahnbetrieb mit sich bringt“, sagt der Sprecher der Bundespolizeiinspektion Frankfurt, Ralf Ströher. Die Menschen glaubten, Bahnen führen langsamer und bremsten zügiger, als es in Wahrheit der Fall sei.

Zudem fällt das früher als Warnsignal wahrgenommene Geräusch heranrauschender Züge weg, die Bahnen fahren heute wesentlich leiser. „Die Vorstellung, Bahnen sind laut, ist irrig. S-Bahnen sind an den Haltestellen erst kurz vor der Einfahrt zu hören.“ Handy und MP3-Player stuft die Polizei als weitere Risikofaktoren ein. Ströher: „Die Stöpsel in den Ohren sind ein Problem. Der Krach im Ohr lenkt ab - Züge und S-Bahnen werden noch schneller überhört oder übersehen.“

Außerdem spielt Alkohol eine Rolle. „Dann nehmen die Leute gerne mal die verbotene Abkürzung“, berichtet Ströhers Kollege Klaus Arend über Erfahrungen aus Nordhessen. Besonders nach Festen und nachts seien solche Wanderer zwischen den Schienen unterwegs. Ortskundigen wird zudem ihre vermeintlich Kenntnis der Fahrpläne zum Verhängnis. Beispiel ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe in Kassel: Dort fahren Arend zufolge nachts zwar keine ICE, aber zahlreiche Güterzüge. Im Fahrplan stehen sie nicht. Einem 46-Jährigen Mann wurde dies im Frühjahr 2009 in Kassel zum Verhängnis.

Steine auf den Schienen können tödlich enden

Das verbotene Überqueren der Gleise ist den Beobachtungen der Polizei zufolge quer durch alle Altersgruppen verbreitet. Während „ältere Menschen schlecht zu Fuß sind und abkürzen wollen“, spielen Kinder auf den Trassen. Am vergangenen Montag brachte die Polizei in Frankfurt drei Kinder im Alter von 9, 11 und 13 Jahre in Sicherheit, die nahe des Bahnhofs Zeilsheim gespielt hatten.

Bundespolizei informiert Eltern und Lehrer

Nicht nur das leichtsinnige Überqueren von Schienen macht der Bundespolizei sorgen: Mit Beginn der Ferien steigt meist auch die Anzahl der gefährlichen Eingriffe in den Bahnverkehr. Kinder und Jugendliche sehen die Bahnanlagen nämlich oft als Abenteuerspielplatz und bringen dabei sich selbst und Andere in Lebensgefahr. Der Sog von vorbeifahrenden Zügen oder die Stromanlagen können zur tödlichen Gefahr werden. Hinzu kommt, dass viele Züge erst gehört werden, wenn sie vorbeifahren - zu spät. Auch das Bewerfen von Zügen mit Steinen birgt erhebliche Gefahren: Die Steine können zersplittern, abprallen und als tödliche Geschosse zurückkommen. Die Bundespolizei hält auf ihrer Internetseite den Flyer „Bahnanlagen sind kein Abenteuerspielplatz“ für Eltern zum Download parat. Material zur „Bahnverkehrserziehung“ für Lehrer gibt‘s unter Tel.: 0331/97997-0.

Hochgefährlich sind nach Angaben der Bundespolizei auch andere Situationen. So könne die Idee, Steine auf die Schienen zu legen, tödlich enden: Umherfliegende Splitter wirkten wie Geschosse. Auf der Fahrt zur Schule gefährdeten Kinder und Jugendliche sich ebenfalls. „Im Kampf um einen Sitzplatz quetschen sie sich in den Zug, obwohl er noch nicht steht“, beschreibt Arend eine Situation. So geriet in Volkmarsen (Kreis Kassel) ein Mädchen mit dem Fuß zwischen Zug und Bahnsteig, es kam mit dem Verlust eines Schuhs glimpflich davon. Der bislang letzte tödliche Unfall mit einem Kind ereignete sich Anfang Juli in Frankfurt. Ein Zehnjähriger wurde von einer Lok erfasst, als er plötzlich über die Gleise lief.
In der Prävention setzt die Bundespolizei auf eine Kombination aus Aufklärung und Kontrolle. „Wir gehen in Altersheime und Kindergärten, um auf die Gefahren hinzuweisen“, berichtet Ralf Ströher. Bürgerkontaktbeamte versuchen, Eltern, Lehrer und Kinder auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Uneinsichtigen Erwachsenen droht ein Verwarnungsgeld von 25 Euro. Besonders auffällig gewordene Übergänge werden verstärkt beobachtet.

Die Bundespolizeiinspektionen Frankfurt und Kassel überwachen hessenweit 501 Bahnhöfe.

Quelle: op-online.de

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