„Stoppt die Plünderung“

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Zeigten ihrem Arbeitgeber gestern die rote Karte: Post-Mitarbeiter aus der Region fürchten, dass ihre Jobs ausgelagert werden.

Offenbach - (mcr) Eineinhalb Stunden mehr Arbeit pro Woche und Verzicht auf eine schon vereinbarte Lohnerhöhung - oder die Auslagerung von Jobs an Fremdfirmen: Die Pläne der Deutschen Post AG für ihre Belegschaft haben am Dienstag für eine der kürzesten, aber größten Protestkundgebungen gesorgt, die Offenbach bisher gesehen hat.

30-Meter-Marsch von der Stadthalle auf den gegenüber liegenden Platz, kämpferische Ansprachen und Pfeifkonzert, Kaffee, Kippe, Rückmarsch. Nach einer halben Stunde war alles vorbei.

Hätte anders auch nicht funktioniert. Rund 1300 von etwa 3000 Bediensteten der für die Postleitzahlengebiete 60, 61 und 63 zuständigen „Niederlassung Brief Frankfurt“ waren der Arbeit streng genommen nicht ferngeblieben, um zu demonstrieren oder gar zu streiken. Als gewerkschaftlich organisiertes Ventil für Angst und Ärger nutzten sie nur die Pause einer Betriebsversammlung in der Stadthalle, zu der ihr Betriebsrat gerufen hatte - und wegen der viele Menschen in Stadt und Kreis Offenbach, im Main-Kinzig-Kreis, in Hanau, der Wetterau und Teilen Frankfurts am Vormittag vergeblich auf den Briefträger warteten.

Um möglichst öffentlichkeitswirksam zu umreißen, was sich die Postler von der Post alles nicht gefallen lassen wollen, reichte die Versammlungsunterbrechung aber aus. Bernd Mann, Spitze der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in der Frankfurter Niederlassung: „Wir erwarten von unserem Arbeitgeber, dass er sich an die unterschriebenen Tarifverträge hält.“ Die besagen: drei Prozent mehr Lohn ab Dezember. Und daran wird sich die Post halten müssen, falls ver.di in den gerade wieder gestarteten Tarifverhandlungen hart bleibt.

Das wiederum könnte für die Mitarbeiter nach hinten losgehen

Denn momentan schwebt der 31. Dezember 2009 wie ein Damoklesschwert über ihren Köpfen. An diesem Tag, erklärte die stellvertretende ver.di-Bundesvorsitzende Andrea Kocsis bei der Kundgebung, laufen Verträge aus, in denen sich die Post AG verpflichtet hat, die Briefzustellung und den Fahrdienst von eigenen Leuten erledigen zu lassen. Erreiche die Gewerkschaft keine Verlängerung dieser Vereinbarungen, könnte die Post Aufgaben beispielsweise in eigens gegründete Billiglohn-Gesellschaften auslagern. In 880 von bundesweit schätzungsweise 16 000 Zustellbezirken sei das bereits Realität. Eigene Fahrer gebe es noch 4300; es seien mal 12 000 gewesen.

Um diese „Bedrohung vom Verhandlungstisch zu kriegen“, hieß es, formiere die Arbeitnehmerschaft den Widerstand und verlange eine Erweiterung des Rationalisierungsschutzes. Der soll dafür sorgen, dass selbst ausgelagerte Mitarbeiter keine Lohneinbußen gegenüber den Hauptpostlern erleiden.

Letztere arbeiten, wenn es nach der Post AG geht, künftig 40 statt bisher 38,5 Stunden pro Woche und verzichten in der Nachtschichtarbeit auf Pausen. „Plünderung“ nennt das ver.di auf Flugblättern. Und rechnet in Person des Betriebsrates Mann vor, dass das alleine im Bereich der Niederlassung Frankfurt gut 150 Jobs kosten und „für Auszubildende und befristet Beschäftigte jede Perspektive auf eine Übernahme zerstören würde“. Und das alles in einem Betrieb, der im ersten Halbjahr 2009 557 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet habe.

Für Post-Pressesprecher Heinz-Jürgen Thomeczek, der den Protest beobachtete, ist Verdienen und Sparen kein Widerspruch. „Die Leute schreiben weniger und mailen mehr. Da fehlt uns etwas. Wir versuchen, mit neuen Produkten auszugleichen. Aber wir haben einen großen Personalkörper. Wenn wir jetzt nicht verzichten, rächt sich das mittelfristig.“

Die Tarifverhandlungen werden morgen in Köln fortgesetzt.

Quelle: op-online.de

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