Streiche für die Leinwand

Ausstellung erinnert an Fritz Genschows Struwwelpeter-Verfilmung

+
Mit geringem Budget viel erreicht: Filmplakat aus den 1950er Jahren

Frankfurt - Generationen von Kindern sind Heinrich Hoffmanns Kinderbuch aufgewachsen. Das Frankfurter Struwwelpeter-Museum erinnert an eine Verfilmung, die mittlerweile in Vergessenheit geraten ist. Von Maren Cornils 

Ob Paulinchen, der Suppenkasper oder Hans-guck-in-die-Luft: Sie alle dienten als pädagogische Mahnung an den Nachwuchs, es ja nicht zu wild zu treiben. Während hierzulande fast jeder Heinrich Hoffmanns 1845 erschienenes Buch kennt, ist ein anderer „Struwwelpeter“ in Vergessenheit geraten: 1955, also ziemlich genau 110 Jahre, nach Erscheinen des Originals, eroberte Fritz Genschows gleichnamiger Film die Kinoleinwand. Der Regisseur war damals freilich kein Unbekannter. Bereits in der Stummfilmzeit verdiente er sein Geld als Schauspieler, 1930 gründete er mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Renée Stobrawa, das Kindertheater Berlin und in den Nachkriegsjahren das „Gebrüder-Grimm-Theater.“ Zudem spezialisierte er sich nach dem Ende der Nazi-Herrschaft auf Märchenverfilmungen, die er auch selber produzierte. Berlinern ist Genschow zudem als „Onkel Tobias vom RIAS“ bekannt, einer populären Kinderfunksendung.

„Struwwelpeter geht zum Film“ heißt die kleine, liebevoll arrangierte Schau, die im dritten Stock der altehrwürdigen Villa in der Schubertstraße zu sehen ist. Neben verschiedenen Exponaten aus dem 1954 gedrehten Film – wunderschön: Ursula Heys auf Raufasertapete skizzierte farbenfrohe Kostümentwürfe – sind dort auch Stationen aus Genschows (1905-1977) Leben zu sehen: Autogrammkarten, die einen jungen Fritz Genschow mit pomadisiertem Haar und ernstem Blick zeigen. Ein Album mit Aufnahmen vom Filmset oder auch Genschows Regiestuhl. Ein bei der Produktion eingesetzter Scheinwerfer aus dem Jahr 1935, die FSK-Freigabe vom 27. Juli 1957 oder auch ein Telegramm des damaligen Bundesinnenministers Werner Maihofer an die Berliner Adresse Genschows, in dem der Minister dem Filmemacher zum 70. Geburtstag gratuliert.

Natürlich darf auch Genschows filmische Auseinandersetzung mit Hoffmanns heute etwas altertümlich erscheinendem Erziehungsratgeber nicht fehlen: Mit Hilfe eines Tablets können sich kleine wie große Besucher einen Eindruck davon verschaffen, wie Genschows erste „Struwwelpeter“-Arbeit, fünf Stummfilmchen anno 1935, aussah und was er zwanzig Jahre später aus der Buchvorlage herausholte. Kommt die frühe Verfilmung in Stummfilm-Manier mit eingeblendeten Texten noch etwas steif daher – schon 1935 war der Stummfilm an und für sich ein Auslaufmodell –, so gelingt Genschow in den Fünfzigern eine ganz neue Form des Kinderfilms: Er mischt Ballett als neue Inszenierungsform mit Theater- und Filmelementen und stellt dem Klassiker zudem eine von ihm erdachte Rahmenhandlung voran.

Bloß nicht das Bein heben! Hundeführungen im Museum

Wie die Dialoge entstanden, zeigen Regieanweisungen und Skripts, darüber hinaus erfahren Besucher, welches bescheidene Budget Genschow für seinen Film zur Verfügung stand. Auf 172.000 D-Mark beliefen sich Produktionskosten, die Genschow seinerzeit nur mühsam aufbrachte. Der im selben Jahr gedrehte Disney-Film „Peter Pan“ kostete stolze vier Millionen. Gelohnt hat sich das Wagnis für den „Struwwelpeter“-Fan allemal: Nur 15 Monate nach dem Filmstart hatte er die Produktionskosten bereits eingespielt und sogar Gewinn gemacht! Bis in die Siebziger wurde Genschows Filmjuwel noch in deutschen Heimkinos gezeigt – das belegen Schmalfilm-Exemplare, frühe Videokassetten im Betamax-Format, ein altes Filmplakat und eine Filmdose. Wer alle Exponate bestaunt hat, sieht die Filmsequenzen danach mit anderen Augen – und er bemerkt vielleicht auch, dass Struwwelpeter-Fan Genschow in der 55-minütigen Fassung munter Hoffmanns Dialoge erweitert hat.

„Struwwelpeter geht zum Film“ noch bis 28. Februar im Frankfurter Struwwelpeter-Museum, Schubertstraße 20. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr

Quelle: op-online.de

Kommentare