Kommentar: Verzichtbare Verwirrspiele

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Michael Eschenauer.

Im letzten Moment hat Umweltministerin Lucia Puttrich die Notbremse gezogen und ihren Entwurf für das neue hessische Waldgesetz entschärft. Von Michael Eschenauer

Der Streit der vergangenen Wochen war ihre Schuld: Ohne Not hatte sie ihren Experten Formulierungen durchgehen lassen, die für größtmöglichen Rabatz sorgten. Sogar die Modellflieger hatten sich aufgeregt.

Der Wald ist den Deutschen heilig, sein Besuch für viele Lebenselixier. Bei ihrem legitimen Vorhaben, Natur und Freizeitbedürfnis der Menschen in Einklang zu bringen, schoss die CDU-Politikerin aber weit übers Ziel hinaus. Wer zum Beispiel hat sie gezwungen, den Eindruck zu erwecken, künftig seien praktisch alle Waldwege außer den breiten Wirtschaftswegen unterschiedslos für Radler und Reiter, ja sogar für Rollstuhlfahrer tabu? Oder warum ließen bestimmte Formulierungen den Verdacht aufkommen, dass man künftig ganz normalen Personengruppen das Pilzesammeln verbieten oder einer Familie moderne Suchspiele wie das Geocaching verwehren will? Der Generalverdacht der Bürokraten griff bereits, „wenn mehrere Personen im Wald einen gemeinsamen Zweck verfolgen“. Protest, gespeist aus Unsicherheit, folgte auf dem Fuße. Und das, obwohl bei allen vernünftigen Waldbesuchern Einigkeit darüber herrscht, dass man Kampf-Pedalisten sowie anderen Wald-Frevlern entgegentreten muss.

Rücksichtslose Kampfradler eher selten

Die unglücklichen Formulierungen sind gestrichen, es lebe der Kompromiss! Gesunder Menschenverstand, gepaart mit ein paar Beschränkungen - darauf hätte man früher kommen können. Die Frage der Durchsetzung bleibt offen. Wer stoppt schon einen Downhill-Fahrer mit Protektoren-Rüstung? Abgesehen davon, dass das Anlegen von Parcours abseits der Waldwege schon bisher verboten war.

Der Erfolg des neuen Waldschutzes wird sich daran bemessen, wie weit es gelingt, die Mountainbiker über ihre Verbände und Zeitschriften für mehr Rücksicht zu gewinnen. Die Problemgruppe ist immerhin überschaubar: Radfahrer sind im Wald zwar regelmäßig unterwegs, der rücksichtslose Kampfradler aber bleibt bisher abgesehen von einzelnen Brennpunkten in den übernutzten Wäldern der Ballungsräume eher eine Seltenheit. Hier muss man bei Egozentrikern durchgreifen, beziehungsweise den Einsichtigen spezielle Strecken anbieten.

Durch den Streit wurde unglücklicherweise ein anderes, ungleich wichtigeres Thema in den Hintergrund gedrängt: Die ökologische Wende bei der Bewirtschaftung und Pflege des Waldes. Sie und nicht das Heraufbeschwören von Feindbildern sollte das Grundanliegen des neuen Gesetzes sein. Es besteht Bedarf zur Nachbesserung.

Quelle: op-online.de

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