Streit um Zeitvorteil von 25 Minuten

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Die Karte zeigt den geplanten Verlauf der neuen Bundesstraße.

Fulda ‐ Befürworter mit einer Vorliebe für große Worte könnten Ex-Kanzler Willy Brandt zitieren: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Umweltschützer in der Rhön wollen aber nicht, dass dieser Wunsch im Straßenbau Realität wird. Von Jörn Perske (dpa)

Hessen und Thüringen sollen durch ein umstrittenes Verkehrsprojekt mit einer neuen Asphalt-Ader besser verbunden werden. Von Fulda nach Meiningen soll eine knapp 60 Kilometer lange Bundesstraße gebaut werden. „Purer Irrsinn“, schimpft Projektgegnerin Sandra Limpert. Sie fürchtet, dass die Rhön buchstäblich unter die Räder kommt. Denn die mit 225 Millionen Euro Kosten veranschlagte Trasse namens B 87 mit dem Zusatzbuchstaben „n“ wie „neu“ soll ausgerechnet durch das Biosphärenreservat führen - eine von der UNESCO anerkannte Naturschutz-Region, von denen es nur 15 in Deutschland gibt.

Deutschland, einig Autofahrerland? Bald 20 Jahre nach der Einheit stoßen längst nicht alle Pläne zum besseren Vernetzen von Ost und West auf Gegenliebe. Seit Jahren stemmen sich die Naturschützer zusammen mit Umweltverbänden gegen das Verkehrsvorhaben. Auch die Grünen in Hessen und Thüringen sind dagegen. Ihnen allen schwant Böses: Landschaftszerstörung, Einschnitte in artenreiche Lebensräume und Lärm, wenn die Rhön-Trasse kommt. Sie soll die Autobahnen A7 und A66 in Hessen mit der A71 im Osten verbinden.

„Millionen für den Bau gut angelegt“

Das Projekt ist zwar noch im Entwicklungsstadium von Planungen und Genehmigungsverfahren. Doch wenn die Bagger grünes Licht bekommen sollten, wird die Fraktion der Gegner nach vielen Wortgefechten zur Attacke übergehen und klagen. „Wir sind gewillt bis zum höchsten Gericht zu gehen und werden einen langen Atem haben“, verspricht Sandra Limpert vom Verein „Rettet die Rhön - Alternativen zur B 87n“. Dieser Verein wurde erst kürzlich gegründet, um die Kräfte in der Region zu bündeln und juristisch schlagkräftiger vorgehen zu können.

Befürworter wie der hessische Landtagsabgeordnete Norbert Herr sehen die Millionen für den Bau gut angelegt. „Die Investitionen lohnen sich angesichts des wirtschaftlichen Nutzens, den die Bundesstraße der gesamten Region bringen wird“, sagte der Politiker aus der CDU-Hochburg Fulda. Auch die Industrie- und Handelskammer ist dafür: „Wir brauchen eine leistungsstarke Verkehrsverbindung zwischen den Wirtschaftsräumen Fulda und Meiningen.“ Die Fahrtzeit würde sich von 70 auf 45 Minuten verringern.

Die Umweltschützer fürchten, dass die Rhön-Trasse auch von Fern-, Schwerlast und Transitverkehr auf der Ost-West-Achse im Herzen von Deutschland genutzt werden könnte und massenweise Lastwagen durch das malerische Mittelgebirge donnern. Die Bundesstraße sei als „halbe Autobahn“ konzipiert, an die später laut Ingenieuren „problemlos weitere Fahrspuren danebengelegt werden könnten“.

Umweltschützer rechnen mit 20.000 Fahrzeugen

Dieser Darstellung widerspricht das hessische Verkehrsministerium in Wiesbaden vehement: „Definitiv falsch ist die Aussage, dass die B 87n zu einer neuen Transitroute würde.“ Es werde sich kein Güterverkehr von den Autobahnen her verlagern. Der Grund liege darin, dass die B 87 mit Entwurfselementen (Radien, Steigungen) einer Bundesstraße und nicht einer Autobahn geplant sei. „Somit ergibt sich eine deutlich niedrigere Fahrgeschwindigkeit als auf einer Autobahn und kein Fahrzeitgewinn gegenüber bestehenden Autobahnverbindungen“, schreibt das Ministerium in einer Stellungnahme.

Uneins ist man auch darüber, von wie vielen Fahrzeugen die geplante Rhön-Trasse künftig genutzt werden könnte. Die Umweltschützer sprechen von 20.000 Fahrzeugen täglich, die Verkehrsexperten im Wiesbadener Ministerium kommen nur auf 15 000. Diejenigen, die solche fachlichen Fragen nicht mitdiskutieren können, sind Schwarzstorch, Rotmilan oder Feldhase. Die Naturschützer sehen diese und andere Tiere beim Bau der Bundesstraße durch das Biosphärenreservat aber lebensbedrohlich gefährdet.

Beim Deutschen Wandertag 2008 in der Rhön nutzten die Umweltschützer die Gunst der Stunde und machten gleich mal das Staatsoberhaupt auf ihr Anliegen aufmerksam. Bundespräsident Horst Köhler, der auf den Kreuzberg gelaufen war, streckten sie einen überfahrenen Uhu entgegen - als abschreckendes Beispiel.

Quelle: op-online.de

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