Streusalz-Fahrer trainieren für ihren Einsatz

„Na, wie lang ist der Bremsweg?“

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Die Salzlager sind voll, die hessischen Kommunen für den bevorstehenden Winter gerüstet. Hier ist das Kasseler Salzlager zu sehen.

Gründau - Es schneit, der Winterdienst räumt den Schnee weg. Dann noch ein wenig Salz streuen - und schon sind die Straßen wieder frei. Ganz einfach? Nicht für die Räumdienste - mit ihren schweren Fahrzeugen kann der Dienst am Autofahrer schnell zur Rutschpartie werden. Von Judith Hoppermann

Wasser prasselt auf die Windschutzscheibe, Mareike Groh kneift die Augen zusammen. Mit aller Kraft drückt die blonde Frau die Bremse durch und umklammert das Lenkrad mit beiden Händen. Ruckartig kommt das 23-Tonnen-Fahrzeug zum Stehen. „Gut gemacht, nur zum Schluss war die Bremsung ein bisschen verzögert“, tönt es aus dem Funkgerät. Die 20-Jährige ist Straßenwärterin, die Stimme gehört Trainer Berthold Knüpfer. Gemeinsam mit anderen Kollegen übt sie im ADAC-Trainingszentrum in Gründau (Main-Kinzig-Kreis), Straßen bei Schnee und Eis sicher zu räumen.

Mareike Groh in ihren Übungsfahrzeug.

„Wenn es im Winter schneit, dann müssen die Fahrer das durch ihre Fahrweise kompensieren - vorsichtiger und eben langsamer“, erklärt Jürgen Wacker, ADAC-Referent für Umwelt und Verkehr. Räumdienste seien oft die ersten, die auf zugeschneiten Straßen unterwegs sind. „Damit die Schicht dann nicht im Unfall endet, müssen die Einsatzkräfte ihr Fahrzeug auch unter Extrembedingungen beherrschen“, sagt er. Um das zu üben, brauchen die Fahrer aber nicht auf den Winter warten. „Hier auf dem Gelände können wir Nässe und Schnee einfach simulieren“, sagt Wacker.

Perfekt aufeinander eingestimmt

„Die flüssige Sole sitzt an beiden Seiten im Tank und schwappt hin und her“, sagt Ulrich Hansel, Abteilungsleiter Betrieb von Hessen Mobil. Beim Bremsen verhalte sich das Fahrzeug daher ganz anders. „Da ist es wichtig, dass Mensch und Maschine im Winterdienst perfekt aufeinander eingestimmt sind“, sagt er.

Vor dem Bremsen ist Mareike Groh mit zehn weiteren Straßenwärtern probeweise über die Fahrbahn gelaufen. Der Belag ist weiß - eine Kunststoffmischung mit nasser und rutschiger Oberfläche. „Damit soll das Fahren auf Schnee simuliert werden“, sagt Cheftrainerin Sabine Seizer. Eigentlich wisse jeder, was er zu tun habe: Kupplung treten, Bremsen. Im Ernstfall erschreckten sich die Fahrer aber vielleicht. „Da ist es gut, wenn man die Situation schon einmal erlebt hat.“ „Na, wie lang wird euer Bremsweg sein?“, will Trainer Knüpfer vor der Fahrt von seinen Schützlingen wissen. „Bei 30 Stundenkilometern vielleicht ein bisschen mehr als eine Lkw-Länge, also rund zehn Meter“, schätzt Groh. In der Realität kommt sie erst einige Meter später zum Stehen.

So bleibt Ihr Auto im Winter fit

So bleibt Ihr Auto im Winter fit

„Gerade deshalb ist das Training so wichtig“, erklärt Seizer. „Im Ernstfall kann ich mir die Situation nicht vorher ansehen und den Bremsweg schätzen, da muss das schnell aus dem Fahrzeug heraus passieren.“ Bei der Übung könnten die jungen Fahrer sehen, dass das Bremsen, selbst wenn sie voll konzentriert seien, beide Hände am Steuer hätten und schnell reagierten, oft länger dauere als gedacht. „Da überdenkt der eine oder andere vielleicht noch einmal den Abstand zum Vordermann“, sagt sie.

Mareike Groh sitzt mittlerweile wieder in der Fahrzeugkabine zweieinhalb Meter über der Fahrbahn. Obwohl draußen noch keine Minusgrade herrschen, ist sie mit Fleecejacke und orangenem Overall dick eingepackt. Sie sieht künftigen Einsätzen gelassen entgegen. Dass sie nachts - noch vor allen anderen - aufstehen muss, um die Straßen frei zu räumen, stört die junge Frau wenig: „Ich trinke einen Kaffee und schalte die Sitzheizung ein.“ Sie freue sich auf die Herausforderung im Winter. „Ein bisschen Angst hätte ich vielleicht, wenn es schlagartig glatt werden sollte, aber dafür üben wir schließlich. Jetzt kann der Winter kommen.“

Quelle: op-online.de

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