Auf der Suche nach der Mobilität der Zukunft in der Region: Wissenschaftler fordert Flatrate für Jugendliche

„Auto ist kein Statussymbol mehr“

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Die Flexibilität der Verkehrsmittel und ihre Vernetzung sind der Schlüssel zur Mobilität. Das Bild zeigt die Installation „Truck“ im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.

Offenbach - Mehr Raum für den Radverkehr, eine zeitliche Entzerrung der Stoßzeiten und mehr Angebote im öffentlichen Nahverkehr für Jugendliche. Dies regt der Verkehrswissenschafter Professor Dr. -Ing Jürgen Follmann von der Hochschule Darmstadt an. Von Michael Eschenauer

Follmann erstellt derzeit ein „Leitbild für die künftige Mobilität im Kreis Offenbach“. Das Fahrrad und die Jugendlichen seien die Knackpunkte bei der Fortentwicklung der regionalen Mobilität, so Follmann, der im Fachbereich Bauingenieurwissenschaften lehrt. Derzeit würden knapp zehn Prozent aller Fahrten in der Region mit dem Zweirad zurückgelegt, Tendenz steigend. 15 Prozent sei als Ziel ausgegeben. Dafür müsse insbesondere im Westkreis und bei den innerörtlichen Radverbindungen aber noch mehr getan werden. In Frankfurt und Darmstadt liegt der Anteil der Radler bei über 15 Prozent. Der Kreis biete zwar für den Freizeit-Radler gute Bedingungen, nicht aber für den Alltagsradler.

Insgesamt verteilt sich der Verkehr in der Region zu zehn Prozent auf das Rad, zu 26 Prozent auf die Fußgänger zu elf Prozent auf den Öffentlichen Nahverkehr (ÖV). Der Rest fährt Auto. Der Radverkehr hat nach den Auswertungen von Follmann die stärksten Steigerungsraten und damit erhebliches Potenzial für die Lösung der Verkehrsprobleme. Insbesondere die Elektroräder eigneten sich dafür, den großen Anteil von Kurzfahrten mit dem Auto signifikant zu senken.

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„Insgesamt stagniert der Kraftfahrzeugverkehr in der Region oder geht leicht zurück, während wir leicht steigene ÖV-Anteile haben“, so Follmann. Das Auto als Statussymbol habe aus vielerlei Gründen in allen Altersklassen an Boden verloren. „90 Prozent meiner Studenten haben einen Führerschein, aber nur ein Viertel hat ein Auto“, so der Verkehrswissenschaftler.

Angesichts der Tatsache, dass in der Region eine recht gute Infrastruktur von Bus und Bahn vorhanden sei, komme es vor allem darauf an, Umstiegshürden beim Autofahrer herabzusetzen. Einzig die Bus-Infrastruktur sei seit der Eröffnung der Rodgau-S-Bahn 2003 nicht mehr modernisiert worden und müsse überarbeitet werden. „Wir müssen den Menschen erklären: Es gibt Alternativen zum Auto“, so Follmann. Überzeugend wirkten hier das bequeme Job-Ticket, attraktive Ticketangebote, Werbung und - besonders wichtig - ein pünktliches und zuverlässiges Angebot. Hier erwartet der Ingenieur Verbesserungen der Kunden-Information durch neue Anwendungen beim Smartphone. Follmann lobte in diesem Zusammenhang die Bahn: „Rent-a-Bike, Car-Sharing, intensive Werbung - die haben den Bogen raus.“

„Räume neu aufteilen“

Zu wenig getan werde in der Region für ältere Schüler und Auszubildende. Hier glaubt Follmann, die in diesen Altersgruppen zugunsten des Autos wegknickenden Anteile beim ÖV durch eine Flatrate steigern zu können. „Dieses Angebot muss aber aufrüstbar sein, so dass auch Darmstadt, Offenbach und Frankfurt abgedeckt sind“. „Der RMV macht hier zu wenig. Erst bei den Studenten greift dann wieder das Semesterticket“. Ein „Ticket für alle“, das durch eine Art Bürgersteuer finanziert wird, lehnt Follmann für den Kreis Offenbach ab. Die Idee sei für ländliche Regionen mit zurückgehender Bevölkerung gedacht, wo die Nutzerzahlen unbedingt stabilisiert werden müssten, da sonst das Beförderungsangebot komplett zusammenbreche.

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Der Bestand der ÖV-Infrastruktur und der Straßenverbindungen in der Region ist nach Einschätzung des Verkehrswissenschaftlers ausreichend, da hier die Bevölkerungszahlen im Gegensatz zu Frankfurt stagnierten. Es komme aber darauf an, das Vorhandene qualitativ weiterzuentwickeln und die „Räume neu aufzuteilen“. Dies gelte beispielsweise für die Schaffung von Radwegen und die Ortskerne, wo mit der Attraktivität der Fußwege die Neigung der Menschen steige, bei kürzeren Entfernungen zu Fuß zu gehen. „Zwei Drittel der Kfz-Belastung in den Ortsdurchfahrten ist innerörtlicher Verkehr“, so Follmann. Um Kapazitäten besser zu nutzen, sollte man darüber nachdenken, insbesondere in den Schulen den Unterrichtsbeginn zeitlich zu staffeln, denn bei der S-Bahn sei es bei der bestehenden Schienen-Infrastruktur kaum möglich, noch „eine Schippe draufzulegen“. „Wir müssen das Bestehende zeitlich besser ausnutzen und Spitzen kappen. Dann können wir beim Fahrzeugbestand Geld sparen.“ Follmann ist außerdem dafür, die S-Bahnen auch in der Nacht mit einem Ein-Stunden-Rhythmus fahren zu lassen.

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Spannend nennt er das Konzept der „Rad-Schnellverbindung“. Ein solcher Super-Radweg für Pendler mit möglichst wenigen Kreuzungen könnte nach Planungen des Regionalverbands zwischen Darmstadt und Frankfurt über Langen entstehen. Zwei Masterarbeiten des Fachbereichs Bauingenieurwesen beschäftigen sich derzeit mit der Planung der „Schnellverbindung“. Entscheidend sei hier wie auch bei allen anderen Konzepten die Verknüpfung der Verkehrsmittel untereinander.

Neue Fortbewegungstechniken erwartet Follmann in absehbarer Zeit keine. „Allenfalls bei den Lastenfahrrädern und im Bereich der Radkuriere verzeichnen wir neue Konzepte.“ Dies sei ein Einsatzbereich im stark verdichteten Westkreis. im Osten der Region seien die Wege einfach zu weit, so Follmann.

Quelle: op-online.de

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