Tausche alt gegen alt

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Leonie Groß stöbert nicht zum ersten Mal auf einer Kleidertauschparty. Die 19-Jährige ist bekennender „Tausch-Fan“.

Frankfurt - Wer kennt das nicht: Der Kleiderschrank quillt über und trotzdem scheint nie das Passende dabei zu sein. Denn viele der Klamotten im heimischen Kleiderschrank werden nicht mehr oder wurden gar nie getragen. Von Jenny Bieniek

Passt nicht mehr, gefällt nicht mehr, absoluter Fehlkauf – die Liste der Gründe, die uns doch immer wieder zu den bewährten Lieblingsstücken greifen lassen, ist lang.

Weil vor allem unter jungen Leuten oft chronischer Geldmangel herrscht, sie auf modische Bekleidung aber trotzdem nicht verzichten wollen, werden Kleidertauschpartys immer beliebter. Das Prinzip ist einfach: Ungeliebte, aber zum Wegwerfen noch zu gut erhaltende Kleidungsstücke oder Accessoires mitbringen und dafür „neue“ alte Teile anderer mit nach Hause nehmen. So können die eigenen Fehlgriffe vielleicht anderen noch eine Freude bereiten. Positiver Nebeneffekt: Der Konsumkreislauf wird entlastet, denn was länger getragen wird, schont Geldbeutel und Umwelt gleichermaßen.

Auf dem Uni-Campus im Frankfurter Westend begutachten die ersten Besucherinnen die Kleidungsstücke, die säuberlich an den Ständern zum Tausch bereit hängen. Darunter auch die mitgebrachten „Schrankhüter“ einer Soziologie-Studentin. „Die Sachen sind qualitativ hochwertig. Obwohl ich sie lange getragen habe, sehen sie immer noch ganz passabel aus“, findet sie. „Aber jetzt hab’ ich mich endgültig an ihnen sattgesehen und zum Wegschmeißen sind sie eben einfach zu schade.“ Fünf Teile hat sie mitgebracht, drei „neue“ hat sie bisher gefunden. Einen rosafarbenen Cardigan, einen grauen Pullover und ein kariertes Hemd für den Freund – „als Mitbringsel“.

Auf Probleme der globalen Textilproduktion aufmerksam machen

Doch die Veranstaltung hat auch einen ernsten Hintergrund. Große Bekleidungshersteller geraten immer wieder in öffentliche Kritik. Regelmäßig machen bekannte Textilketten Schlagzeilen und sehen sich mit Vorwürfen wegen schlechter Arbeitsbedingungen, mangelndem Arbeitsschutz und der Ausbeute ihrer Mitarbeiter im Ausland konfrontiert. „Seit mehr als zehn Jahren weiß man um die katastrophalen Arbeitsbedingungen, unter denen Arbeiter in Billiglohnländern für einen Hungerlohn Kleidung produzieren“, sagt Katrin Schreivogel, Referentin für internationale Arbeit der evangelischen Studierendengemeinde (ESG) Frankfurt. Um auf die Problematik der globalen Textilproduktion auch im studentischen Kontext aufmerksam zu machen, hat die ESG in Kooperation mit der katholischen Hochschulgemeinde (KHG) an der Frankfurter Uni eine Aktionswoche zu sozial-ökologischen Standards in der Textilbranche initiiert. „Mode ist für Menschen immer ein Thema“, glaubt Schreivogel. Zusammen mit Theologin Dorothea Hofmann (KHG) sowie einigen Mitstreitern hat sie deshalb die „Ethical Fashion Week“ ins Leben gerufen, deren Höhepunkt die Kleidertauschparty mit DJ-Untermalung und bunten Discolichtern ist.

Enjoo ist 32 Jahre alt und sieht Kleidertauschpartys als nette Ergänzung zu ihren regulären Shoppingtouren durch die Läden. „Ersetzen können solche Partys den normalen Einkauf nicht, denn man kann ja nie sicher sein, dass man das, was man haben möchte, hier auch findet“, sagt die Modeliebhaberin, die sich per Newsletter über anstehende Kleidertauschevents informieren lässt. Auch in puncto Ausstattung kann die Location nicht mit dem gewohnten Komfort aus dem Kaufhaus mithalten: An Umkleidekabinen mangelt es genauso wie an Spiegeln, doch zumindest Letztere können mithilfe der Fenster simuliert werden. „Wir warten einfach, bis es draußen dunkel ist, dann spiegeln die Scheiben“, lautet die unkomplizierte Lösung von Leonie Groß (19). Die Schülerin gehört seit knapp einem halben Jahr zur „Swapping“-Gemeinde, findet die Kombination aus Tauschevent und Party „eine gute Idee“. Allerdings: Allzu viele Besucher haben den Weg noch nicht in den Saal der ESG gefunden. „Der Partyaspekt könnte dazu führen“, so die Vermutung der Veranstalter, „dass die Leute erst später vorbeischauen“. Das Ganze funktioniert auf Vertrauensbasis – jeder nimmt maximal nur so viele Teile mit, wie er selbst beigesteuert hat. „Übrig gebliebene Kleidungsstücke werden der ökumenischen Kleiderkammer in Bornheim gestiftet“, erklärt Schreivogel.

„Gegen die Konsumgesellschaft wehren“

Leonie hat unterdessen einen schwarzen Blazer für sich entdeckt. Die 19-Jährige hält auch regelmäßig im Angebot des „Kleiderkreisels“ Ausschau nach neuen Lieblingsstücken. Dabei handelt es sich um eine Art Online-Flohmarkt für Klamotten, Schuhe und Accessoires. „Dort wird ebenfalls Kleidung angeboten, der die Leute überdrüssig sind“, erklärt sie das Konzept. Auf Tauschpartys könne man die Sachen – im Gegensatz zum Tausch via Internet – aber anfassen und anprobieren. Schade findet sie, dass bislang nur wenige Leute gekommen sind. „Heutzutage sollte man sich schon gegen die Konsumgesellschaft wehren“, findet sie, denn insbesondere der Klamottenkonsum sei „unglaublich hoch“. Dabei halte das meiste eigentlich viel länger, durch die ständig wechselnde Mode würde aber das Wenigste auch längerfristig getragen. Auch Leonie hat so manche „Schrankleiche“ mitgebracht – diese dem Kreislauf zurückzuführen, findet die Schülerin nicht nur unter ökologischen Aspekten sinnvoll. Und sie hat heute auch schon so manches ihrer Teile wiederentdeckt: „Vorhin kam mir ein Mädchen entgegen, da dachte ich ‚Hey, das ist ja meine Bluse – steht dir super!“. Weitergeben, was man selbst nicht mehr trägt, so die Frankfurterin, macht einfach Spaß.

Das Interesse an der Podiumsdiskussion, die im Rahmen der Aktionswoche an der Uni stattgefunden hat, sei mäßig gewesen; auch der Filmabend, der den Alltag einer Arbeiterin in einer chinesischen Textilfabrik thematisierte, sei eher schwach besucht worden, fasst Katrin Schreivogel zusammen. Die Modenschau hingegen sei gut angekommen bei den Studierenden. Dort wurde ausschließlich Mode gezeigt, die unter ökologischen Bedingungen gefertigt wurde. Vieles davon könne man übers Internet bestellen, erzählt Mitorganisatorin Schreivogel, „aber natürlich macht es sich auch preislich bemerkbar, wenn alle Beteiligten fair bezahlt werden“. Eine solche Zertifizierung koste nun mal, „aber es sind auf jeden Fall auch Teile dabei, die für Studenten erschwinglich sind“, betont Hofmann.

Keinem Kleidungsstück ist anzumerken, dass Menschen beim Düngen der mit Pestiziden belasteten Baumwolle sterben. „Viele verschließen die Augen vor diesen Problemen“, weiß Hofmann, die als Seelsorgerin an der Fachholschule tätig ist. „Wenn aber niemand etwas tut, ändert sich daran auch nichts.“

Quelle: op-online.de

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