Helferlein in Baywatch-Optik

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Wie ein Ahornsamen: Adrienne Finzsch zeigt an einem Modell, wie das Abwurfsystem fliegt. In der rechten Hand hält sie einen größeren Entwurf mit Container.

Offenbach - Ein kleiner Ahornsamen brachte Adrienne Finzsch auf eine große Idee: ein Hilfsgut-Abwurfsystem. Dieser so genannte „Emergency-Airdrop“ (Notabwurf) ermöglicht es, notleidende Menschen in Katastrohengebieten effizient mit Hilfsgütern zu versorgen. Von Bettina Link

Die Idee zu der Arbeit für ihr Vordiplom kam der Industriedesign-Studentin, als sie 2010 die Berichte über die Folgen des Tsunamis in Haiti verfolgte. „Ich habe gesehen, wie die Menschen auf Hilfe warteten, und dass die Güter, die vom Flugzeug abgeworfen wurden, oft nicht heil am Boden ankamen, weil die Kisten kaputt gingen und die Lebensmittel sich auf dem Boden verteilten – das waren schlimme Bilder“, erzählt die 25-Jährige.

Sie beschloss, dieses System zu verbessern. Damit war das Thema für ihr Vordiplom klar: Ein Hilfsgut-Abwurfsystem entwickeln, das im Flugzeug platzsparender ist und mehr transportieren kann als die Container, die bisher verwendeten werden. Außerdem sollten die abgeworfenen Güter am Boden schnell auffindbar sein und das Ganze aus recyclebarem Material gebaut werden, um gut verrotten zu können. „Mir ist wichtig, dass kein zusätzlicher Müll entsteht“, erklärt Adrienne Finzsch, die seit 2008 in Darmstadt studiert.

In der Natur abgeguckt

Wie sie Bedingungen in ein funktionierendes System umwandelt, hat Adrienne Finzsch sich in der Natur abgeguckt: „Ich habe mich gefragt, wie Pflanzen das eigentlich machen, wie sie ihr wichtigstes Gut verteilen“. So kam sie auf den Ahornsamen. Dessen Rotationsflug gab Adrienne Finzsch den zündenen Hinweis.

Vom Sinkflug des kleinen Blattes inspiriert, entwickelte Finzsch ein Drei-Flügel-System aus wasserfester Pappe, in dem ein Container eingebunden ist. Beim Abwurf aus dem Flugzeug öffnen sich die Flügel wie bei einem „Pop-Up-Prinzip“ und rotieren durch den Luftwiderstand. Der Schraubflug mindert die Sinkgeschwindigkeit, ein doppelter Boden dämpft den Aufprall der Landung. Ein wichtiger Vorteil zu den bisherigen Containern, die eher wie Steine auf den Boden fallen und nicht selten kaputt gehen. Im Frachtflugzeug werde der Raum durch die dreieckige Grundform außerdem optimal ausgenutzt, erläutert die Studentin.

Im geschlossenen Zustand erinnert das Abwurfsystem an die roten Rettungsbojen aus Baywatch. Die knallige Farbe hat die 25-Jährige dabei bewusst gewählt: „Die Kisten, die bislang verwendet werden, sind braun und lassen sich deswegen nur schwer finden. Wenn sie aber eine auffällige Farbe haben, sind sie viel leichter zu entdecken“, erläutert Adrienne Finzsch, für die das wichtigste Ziel war, dass die Menschen in den Katastrophengebieten so schnell wie möglich an die Güter kommen.

Container mit kleinen Zeichnungen versehen

Die Container hat sie mit kleinen Zeichnungen versehen, damit schnell zu erkennen ist, was sie beinhalten. „Mit diesem Abwurfsystem könnten 33 Prozent mehr Güter befördert werden“, erläutert die Studentin, die sich freut, dass ihr Projekt sogar mit einem Designerpreis ausgezeichnet wurde.

Dass ihre Entwicklung durchaus Zukunft hat, davon sind auch Experten überzeugt. Beim nationalen James Dyson-Award 2012, ein internationaler Designerpreis, setzte sich Adrienne Finzsch mit ihrem Abwursystem „Emergency Airdrop“ gegen 50 Mitbewerber durch und wurde zur Deutschland-Siegerin gekürt.

Bis zu dieser Auszeichnung hat die Studentin sechs Monate lang an ihrer Erfindung getüftelt. „Ich habe um die 100 Modelle gebaut, bis ich endlich ein System gefunden habe, in dem Falt- und Flugtechnik zusammen funktionierten.“ Wie oft sie das Treppenhaus im Studentenwohnheim „Karlshof“ während dieser Zeit bis in den 14. Stock hoch gelaufen ist, weiß sie nicht mehr: „Ich musste ja immer wieder ausprobieren, ob meine Modelle funktionieren“, erzählt die Preisträgerin. Also stapfte sie regelmäßig die Treppen hoch.

Als endlich alles zusammenpasste, war die Erleichterung groß: „Endlich fanden sich alle Puzzleteile, das war ein sehr erfüllendes Gefühl“, erinnert sich die 25-Jährige, die sich nun auf ihren Abschluss konzentriert.

Mit ihrem Vordiplomprojekt, das sich Entwicklerin Adrienne Finzsch inzwischen patentieren ließ, geht es aber weiter: Eine Firma hat bereits Interesse an dem System angemeldet. Das Unternehmen will aus dem 1:5-Modell ein erstes richtiges Abwurfsystem bauen und testen.

Quelle: op-online.de

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