Kommentar zu Hintergründen von Depressionen

Kommentar: Tabuthema wird öffentlich

Offenbach ‐ Was bringt einen Menschen dazu, seinem Leben ein Ende zu setzen? Sich von einem Zug überrollen zu lassen? Nach dem Drama um den unter Depressionen leidenden Fußball-Nationaltorwart Robert Enke haben sich viele diese Fragen gestellt - und ihre Schlüsse gezogen. Von Peter Schulte-Holtey

Sie haben gemerkt: Auch wenn man die Depression gerne überdrehten oder übersensiblen Charakteren zuschreibt, ist sie tatsächlich eine echte Volkskrankheit in unserer Hochleistungsgesellschaft. Endlich wird das Tabuthema öffentlich. Dabei wird deutlich, dass die eigene Scham oder die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oftmals die rasche Suche nach therapeutischer Hilfe verhindert. Auch wird die Krankheit in einigen Fällen von Hausärzten gar nicht erkannt; es wäre also nötig, Allgemeinmediziner umfassender auszubilden. Vor allem sie müssen zuerst die Frage beantworten, ob es sich lediglich um die milde Art handelt, die wohl die meisten Menschen schon einmal selbst als vorübergehende Erscheinung erlebt haben („depressive Verstimmung“), oder ob es um eine chronische schwere Depression geht, die die Betroffenen in immer kürzeren Abständen in tiefe emotionale Täler stürzen lässt.

Einfach ist die Diagnose sicherlich nicht, denn oft sind es die Patienten, die lieber verdrängen. „Selbst wenn sie es erahnen, wird die Depression noch immer viel zu oft totgeschwiegen“, berichtet eine Medizinerin. „Einige setzen sich nun ernsthafter mit ihrer Krankheit auseinander“, ergänzt sie: „Aber der vermeintliche Makel schafft weiterhin großes Misstrauen, Furcht und Ausgrenzung. Viele Betroffene trauen der Gesellschaft auch nach der umfangreichen Berichterstattung im Zusammenhang mit dem Fall Enke nicht zu, dass sie fair mit ihrem persönlichen Schicksal umgeht.“ Die Befürchtung ist offenbar berechtigt. So erklärt die Münchner Ärztin Barbara Richartz: „Je weniger eine Erkrankung fassbar ist, desto weniger wird sie in der Gesellschaft akzeptiert. Und je schlechter sich ein depressiver Mensch fühlt, desto größer wird die gesellschaftliche Intoleranz - das gilt für den Leistungssport ebenso sehr wie für alle anderen Berufsfelder.“

Quelle: op-online.de

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