Strandung von Passagieren

Täglicher Krimi am Flughafen

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Eine Verspätung von wenigen Minuten führt dazu, dass Passagiere die komplette Nacht am Flughafen ausharren müssen.

Frankfurt - Mit der neuen Landebahn hat der Frankfurter Flughafen 2011 erstmals ein Nachtflugverbot erhalten. Wegen der recht strikten Auslegung der 23-Uhr-Grenze spielt sich allabendlich ein Krimi ab, ob alle Flieger rechtzeitig rauskommen. Lärmgeplagte Bürger wehren sich Verstöße.

Patrick Spijkers ist immer noch begeistert von seinem Job als stellvertretender Leiter in der Verkehrszentrale des Frankfurter Flughafens. „Das ist spannender als jeder Tatort“, sagt der 38-Jährige und deutet auf eine Grafik des Flughafengeländes, auf der sich viele gelbe Punkte vor der Einfahrt zur Startbahn West drängeln. Jeder dieser Punkte ist ein mit Passagieren besetztes Flugzeug, das noch vor 23 Uhr den Flughafen verlassen haben muss. Werden die Punkte orange oder gar rot, droht die verweigerte Starterlaubnis und den Passagieren im schlimmsten Fall eine Nacht auf Feldbetten im Terminal.

Mit der neuen Landebahn Nordwest hat der Frankfurter Flughafen im Oktober 2011 erstmals ein Start- und Landeverbot für die Nacht erhalten, das Flugbewegungen nach 23 Uhr nur noch in Ausnahmefällen zulässt. Über die Einhaltung der komplexen Vorschriften wachen Beamte des Landes Hessen unter strikter Beobachtung zahlreicher Ausbaugegner, die jede einzelne Flugbewegung wegen des damit verbundenen Lärms mit Argusaugen beobachten.

Die Ausnahmegenehmigungen

Für die Ausnahmegenehmigungen geht es immer um die Frage, ob die Airline den Grund für die Verspätung selbst zu vertreten hat. Darunter fallen zum Beispiel technische Probleme, in deren Fall dann ein Spätstart abgelehnt wird. Häufigster Ausnahmegrund sind Wetterprobleme wie Schnee und Eis oder kräftiger Nordwind, der zur Schließung der Startbahn West führt.

79 Prozent aller Betriebstage kommen ohne Nachtstarts nach 23 Uhr aus, sagt Fraport-Betriebsvorstand Peter Schmitz. Nur in jeder zehnten Nacht sind nach der Zählung mehr als fünf Jets noch nach der Grenze gestartet. Seit Inbetriebnahme der neuen Bahn bis zum Ende des ersten Quartals 2013 seien 807 Ausnahmegenehmigungen erteilt worden. Die Beamten seien bei der Beurteilung „extrem rigide“ findet Schmitz.

Der Lufthansa ist das rechtliche Korsett zu eng

Der Lufthansa ist das rechtliche Korsett zu eng. „Wir akzeptieren das Nachtflugverbot im vollen Umfang, wünschten uns aber einen pragmatischeren Umgang bei der Auslegung von Starts an der Nachtfluggrenze“, sagt Sprecher Andreas Bartels. Der Frankfurter Drehkreuz-Chef Andreas Döpper weist auf Vorsichtsmaßnahmen hin, mit denen sich der größte Kunde des Flughafens auf die neuen Bedingungen eingerichtet hat. Der letzte planmäßige Start ist um 22.15 Uhr und dennoch muss die Mannschaft nahezu jeden Abend um die letzten Flieger nach Rio oder Kiew zittern. Rund 28 000 Passagiere sind seit Einführung der neuen Regeln am Frankfurter Flughafen hängengeblieben.

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Den Lärmgegnern, die eine Ausweitung des Nachtflugverbots um zwei Stunden fordern, ist die Genehmigungspraxis hingegen zu lasch. „Wir haben kein Nachtflugverbot in Frankfurt. Das ist nur eine Betriebsbeschränkung für wenige Stunden, von der es dann auch noch viele Ausnahmen gibt“, schimpft Ursula Fechter von der Bürgerinitiative Frankfurt-Sachsenhausen. Ihr Mitstreiter Hanspeter Günster hat sich zusammen mit dem Deutschen Fluglärmdienst die Mühe gemacht, die Nachtflüge zu zählen: Allein im ersten Quartal 2013 kommt er auf 172 Starts und 81 Landungen in der ohnehin schon zu kurzen „Mediationsnacht“. Das sind täglich knapp drei Flieger, die dort nicht sein sollten. Verspätete Landungen sind laut Planfeststellung allerdings bis 24 Uhr erlaubt.

„Teils absurde Begründungen“

Die Ausbaugegner, die kurze Inlandsflüge für völlig überflüssig halten, haben sich zudem in Wiesbaden Akteneinsicht in die jeweiligen Einzelvorgänge verschafft. „Das waren teils absurde Begründungen, mit denen die Ausnahmen erteilt wurden“, sagt Günster. So habe beispielsweise Lufthansa Cargo für einen Flug im Juli 2012 erfolgreich vorgebracht, dass man mit dem Laden nicht vorangekommen sei, weil wegen Regens die Türen geschlossen werden mussten.

Besonderes Augenmerk will die BI auf die Nacht vom 12. auf den 13. März richten, wo nach heftigen Schneefällen mit behördlicher Genehmigung der Flugzeugstau in Frankfurt bis weit in die Nacht hinein abgebaut worden ist. 33 Maschinen starteten nach 23 Uhr, elf davon sogar noch nach Mitternacht, wo strikte Ruhe herrschen soll. Als letzte Maschine war in dieser Nacht eine Thai Air mit dem Ziel Bangkok um 1.24 Uhr abgehoben. Der Beginn der Enteisung habe noch vor Mitternacht begonnen, begründeten die Wiesbadener Beamten ihre Genehmigung.

dpa

Quelle: op-online.de

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