Tanz der Vampire im Kurpark

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Wenn es zischt, knallt, gleißend leuchtet, schlägt das Herz des Hobby-Feuerwerkers höher. Da verwandeln sich in der Silvesternacht leicht einige hundert Euro in verkohlte Pappe.

Bad Vilbel ‐ „Als nächstes präsentieren wir Ihnen die Batterie ‚Thousend Islands‘. Mehrere Kometen-Salven mit fetzigem Crackling, gefolgt von großen Buketts in Multicolor sowie mit grellen Blinksternen. Von Michael Eschenauer

Insgesamt werden in 30 Sekunden 63 Schuss abgefeuert.“ Die sonore Stimme schmeichelt dem Ohr über mehrere Konzertlautsprecher, die auf einer aufgeweichten Wiese stehen. Es ist kurz nach 18 Uhr an diesem regnerischen Novemberabend. Im Bad Vilbeler Kurpark an der Nidda rüttelt der Wind an den Zweigen, ein dunstiger Mond steht am Himmel. Er wird gleich Konkurrenz bekommen: Bei einem Wetter, bei dem man nicht einmal den fiesesten Schrottplatz-Wachhund hinausjagen würde, lädt die Frankfurter Feuerwerkerei „Anton Schwab seit 1927“ - einer der größten Betriebe dieser Art in Hessen - ihre Kunden ein zu einer Modenschau besonderer Art.

Auf dem Laufsteg: Das laut Programmheft „neueste Leucht- und Batteriefeuerwerk für Silvester“. Die Firma versorgt normalerweise Dippemess, Mainfest oder das Bad Homburger Laternenfest. Heute Abend aber geht es um die frei verkäuflichen Glitzer-Sachen, um Klasse II Pyrotechnik. Der Aufwand scheint sich zu lohnen. Schwabs Pyro-Show geht ins 13. Jahr.

Glühwein- und Würste für die Feuerwerk-Freunde

Bei gutem Wetter kann jeder Feuerwerk machen“, lächelt Geschäftsführerin Ursula Balzer tapfer in den Nieselregen. Nebenan verkauft die Freiwillige Feuerwehr Dortelweil den mehreren hundert erschienenen Feuerwerk-Freunden Glühwein- und Bratwürste. Doch Peter Schumann braucht kein inneres Feuerchen. Der 53-jährige Angestellte beim Kraftwerk Staudinger reibt sich die Hände. Er freut sich schon - auf die Vorführung und überhaupt. So um die 800 Euro wird er am 31. Dezember in den Großauheimer Himmel schießen. „Man gönnt sich doch sonst nichts. Das ist doch ein schönes Hobby, und die Pyrotechniker wollen doch auch leben“, sagt er - nur für den Fall, sollte der Zuhörer ihn stirnrunzelnd auf das schöne Geld hinweisen, das sich hier in Lichtgeflimmer und Schwefelgestank verwandelt. Nebenan wartet Norbert Hector auf die Baller-Modenschau. Der Elektroinstallateur aus Kelkheim stellt bei Vereinsfesten Feuerwerke für dreistellige Summen zusammen. Raketen mag er nicht besonders.

Bald stoßen wir auf Dirk Enders. Der Rodgauer, der dort fünf Jahre lang einen Feuerwerkwettbewerb organisierte, klärt uns auf: „Raketen sind in der Szene gar nicht so beliebt. Da ist das Preis-Leistungsverhältnis ungünstig.“ Kaufe man eine Rakete gehe die Hälfte des Pulvers allein für die Treibladung drauf. Die meisten passionierten Feuerwerker stehen daher auf „Batterie-Feuerwerk“. Das sind aus senkrecht zusammengeleimten Papp-Röhchen bestehende Blöcke. Man stellt sie auf die Straße oder spezielle Rampen und zündet sie einzeln oder durch Zündschnüre kombiniert an. Vorteil gegenüber der Rakete: Hier wandert das gesamte Pulver in die Effekte.

Produkte explodieren im Doppelpack

Der King ist an diesem Abend „Neptun“. Die Vierer-Batterie bildet als Nummer 47 den Abschluss von Schwabs Feuermodenschau. Beginnend mit dem bescheidenden „Vesuv“ für einen Euro geht‘s über die Feuerwerkfontaine „Mercury“ (7,50 Euro) oder „Maniac“ (8 Euro) zu den Batterien mit höherer Feuerkraft wie „Ipanema“ (14 Euro), „Tanz der Vampire“ (16 Euro), „Space Lord“ (19 Euro), „Cross Fire“ (18.60 Euro) und „V-Max“ (24.80 Euro) bis zu erwähntem „Neptun“. Der kostet 54 Euro und ballert in 80 Sekunden 61 bunte Schüsse raus. Vier Batterien werden in rauchende Pappe verwandelt. Die Profi-Feuerwerker des Veranstalters zünden die meisten Produkte jeweils im Doppelpack, damit das Publikum hinter dem Trassierband auch genug von der knapp einstündigen Show mitbekommt.

Doch all die „Knister-“ und „Silberblüten-Wolken“, all die „Palmen-“, „Flying-Fish-“ oder „Smiley-Effekte“, all die prächtigen „Medusasterne“, „Goldregen-Bombetten“, „Brillant-Blink-Sterne“, „Popping-Brocade-Bombetten“ und „Helios-Sonnenwirbel“ können Alexander Gröschel nicht so recht glücklich machen. Extra aus Andernach sind er und seine Kamera für diesen Abend angereist. Plan war, die Neuheiten für die von ihm betreute Plattform „Feuerwerk.net“ zu filmen und noch am Abend für all die Feuerwerks-Verrückten dort draußen in den Weiten des Netzes online zu stellen. Und nun streikt das blöde Ding. Gröschel ist nach eigenen Angaben süchtig nach Feuerwerk. „So an die 150 verschiedene fahr‘ ich pro Jahr ab“, berichtet er. „Das ist einer der besten Feuerwerksfotografen im Land“, sagt sein Begleiter Jürgen Köhler aus Kreuztal bei Siegen.

Hersteller sollten weniger auf Effekte setzen

Leute wie Enders, Gröschel und Köhler sind anders als der Rest. Sie suchen Ästhetik jenseits von möglichst viel bunter Farbe und gellenden Luftpfeifern. „Wir lieben Sortenreinheit. Das Mischen von möglichst einfarbigen Batterien“, sagt Enders. Und Köhler ergänzt: „Wichtig sind die stabile Flugbahn, eine schöne lange Standzeit, reine, klare leuchtende Farben.“ Blau-Gold, Rot-Gold, Silber-Rot sind ihre Favoriten. Wird ihnen die Sache zu farbchaotisch und zu laut, entringt sich ihnen ein leises Stöhnen. Man bedränge die Hersteller, weniger auf Effekte zu setzen. Aber es komme nur die Antwort, dass man eben für den Massengeschmack produziere.

Am Ende lassen die Mitarbeiter von Ursula Schwab noch mal so richtig die Rohre glühen und präsentieren ein Profi-Feuerwerk zu Abba-Titeln wie „Mamma mia“ und „Waterloo“.

Es riecht ein bisschen nach Pulverdampf

Gröschel hat genug. Er packt Stativ und Kamera zusammen. Heute Nacht wird die Internet-Gemeinde umsonst warten. Die Menge packt die Prospekte zusammen. Es gibt ein kleines Tohuwabohu auf dem Parkplatz, dann kehrt wieder Ruhe ein auf den Wiesen an der Nidda. Es riecht ein bisschen nach Pulverdampf, der Mond scheint. Bleich und vom Dunst verhangen.

Quelle: op-online.de

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