Kneipenschlägerei auf Probe - Polizei übt in Kastel

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Polizeistudenten sollen in der neuen Tatortstraße möglichst realitätsnah Routineeinsätze und den Umgang mit körperlicher Gewalt erlernen.

Wiesbaden - Ob Familienstreit, Kneipenschlägereien oder Einbrüche, die Polizisten im Dienst stehen vor vielen kniffeligen Aufgaben. Damit sie dafür gut gerüstet sind, setzt die Polizei in Hessen bei der Ausbildung neuerdings auf „Tatortstraßen“.

Die Situation in der Rieslingstraße 12 in Wiesbaden droht zu eskalieren. „Der kommt gleich wieder und prügelt auf mich ein“, sagt eine panisch klingende Ehefrau, die sich per Notruf bei der Polizei gemeldet hat. „Kommen sie schnell, ich habe Angst.“ Wenig später treffen die Polizisten an der Wohnung ein. Als der Ehemann provoziert und aggressiv wird, klicken schnell die Handschellen. Die Situation beruhigt sich wieder.

Nur wenige Meter weiter pöbelt ein Betrunkener in einer Kneipe. Wieder muss die Polizei anrücken und einschreiten - allerdings auch nur zu Trainingszwecken. Denn die Wohnung in der Rieslingstraße und die Kneipe gehören zur neuen „Tatortstraße“, die an allen vier Ausbildungsstandorten der hessischen Bereitschaftspolizei aufgebaut wurden.

Es geht vor allem um die Fortbildung von Beamten

Am Mittwoch fiel der Startschuss für das Projekt: Polizeistudenten sollen dort möglichst realitätsnah alles das üben, was sie später im Streifendienst erleben werden: Routineaufgaben, aber auch den Einsatz körperlicher Gewalt. Die Berliner Polizei arbeitet schon mit einer Tatortstraße, auch die hessische Polizeiakademie hat bereits ein solches Angebot - dort geht es aber vor allem um die Fortbildung von Beamten. Nun sollen sie in ganz Hessen bei der Ausbildung zum Einsatz kommen.

Die neue Tatortstraße soll ab sofort in ganz Hessen bei der Ausbildung von angehenden Polizisten zum Einsatz kommen.

Die „Tatorte“ der Bereitschaftspolizei in Wiesbaden liegen sich im zweiten Obergeschoss eines Kasernengebäudes im Stadtteil Kastel in einem langgezogenen Flur. So unter anderem eine Wohnung: Küche, Bad und Schlafzimmer - alles ist detailgetreu eingerichtet. In solche Räume könnten die angehenden Polizisten ja auch kommen, wenn sie später zu einem echten Fall häuslicher Gewalt gerufen werden. Im Raum nebenan sind ein Kellerverschlag und ein Baucontainer untergebracht, dort steht das Sichern von Spuren nach einem Einbruch auf dem Ausbildungsprogramm. In einem anderen Raum sieht es aus wie in einer echten Polizeiwache. Anzeigen können hier aufgenommen oder die „Kriminellen“ vernommen werden. Es gibt sogar eine kleine Kneipe in der Tatortstraße - die „Gaststätte zum Goldenen Hahn“ - mit Tresen und Spielautomaten.

Die Ausbildungsklasse verfolgt live was Kollegen tun

Eine weitere Besonderheit: Überall in der Tatortstraße hängen Videokameras, die alles aufzeichnen und in die „Lehrwache“ auf zwei große Bildschirme übertragen. Dort sitzt der Rest der Ausbildungsklasse und verfolgt live mit, was die Kollegen bei der Übung richtig machen - oder auch falsch. Die Analyse hinterher sei ganz wichtig, sagen die Fachlehrer. In die Rolle der Täter und Darsteller schlüpfen Studienkollegen oder die Ausbilder selbst.

So wie in der Kneipe, deren Fenster mit roten Vorhängen abgedunkelt sind. Dadurch wirkt die ganze Szenerie sehr schummrig. Der scheinbar besoffene Gast pöbelt herum. Der Ausbilder spielt eine genau festgelegte Rolle, um Reaktion und Vorgehen der herbeigerufenen Polizisten zu testen. Gibt es eine Chance auf eine friedliche Lösung? In diesem Fall bleibt den beiden Polizisten nichts anderes übrig, als den renitenten „Kneipengast“ auf den Boden zu werfen und ihn zu fesseln. Ein kurzer Pfiff von Harald Schilling beendet die Übung. Der verantwortliche Einsatztrainer hat die Szene beobachtet und ist zufrieden. „Das haben sie sehr gut gemacht“, lobt er seine beiden Schützlinge.

„Das kann man nicht oft genug üben.“

Da es nur Training ist, tragen sie einen Helm und Polster für die Ellenbogen. Clemens Höfer, der bei dem Einsatz zusammen mit seiner Kollegin den renitenten Gast überwältigt hat, ist von der Trainingsmöglichkeit unter fast echten Bedingungen begeistert. „Ich finde das klasse“, sagt der 22-Jährige. „Das kann man nicht oft genug üben.“ Frederike Scuhr, eben noch Opfer häuslicher Gewalt in der Rieslingstraße 11, gewinnt der Tatortstraße ebenfalls viel ab. „Das macht sehr viel Spaß, und es bringt auch viel Sicherheit“, sagt die 21-Jährige. Aber sie weiß auch: „In der Theorie ist immer alles einfacher.“

Nach dem mehrwöchigen Praxistraining wird es allmählich ernst für die jungen Polizisten. Dann geht es zum ersten Mal mit in den Streifendienst. Aber sie hoffen, nach den Erfahrungen in der Tatortstraße etwas besser für den rauen Alltag gewappnet zu sein.

(dpa)

Quelle: op-online.de

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