Etwas für sich allein haben

Reittherapeutin Brigitte Rieth (l) beobachtet Anna, die sich Islandstute Solei nähert. - Foto: dpa

Frankfurt- Selbstbewusst geht Anna (Name geändert) einen Schritt auf die Islandstute zu. Da dreht sich das Pferd abrupt auf dem Reitplatz um und läuft in die andere Richtung. „Die Tiere reagieren auf Körpersprache“, erklärt Reittherapeutin Brigitte Rieth. Von Ira Schaible

„Wenn man nicht ganz eindeutig ist, probieren sie, durchzukommen.“ Die Sozialpädagogin vom Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe (ZJS) in Bad Homburg arbeitet seit rund einem Jahr mit dem 14 Jahre alten Mädchen und der Stute Solei. Annas Vater ist suchtkrank. Die Therapie mit Tieren - neben Pferden meist Hunde - soll Kindern von alkohol-, drogen- oder medikamentenabhängigen Eltern helfen, mit ihrer Situation besser zurechtzukommen, eigene Bedürfnisse wahrnehmen und sich entwickeln zu können.

„In einer suchtkranken Familie dreht sich in der Regel alles um den Suchtkranken, selten werden die Bedürfnisse der Kinder wahrgenommen“, erklärt Rieth. „Kinder suchtkranker Erwachsener übernehmen sehr früh Verantwortung für ihre Eltern“, berichtet der Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS), Wolfgang Schmidt-Rosengarten. Sie sind oft mit den vielfältigen Aufgaben überfordert, haben kaum Zeit für Freunde und Hobbys und übergehen ihre eigenen Bedürfnisse. „Sie schämen sich für ihre Eltern und versuchen zugleich alles, um sie zu schützen.“ Oft quäle sie das Gefühl, nicht liebenswert und anders als andere Kinder zu sein.

Sich selbst nicht als krank oder als Problem ansehen

Der Umgang mit den Tieren unter Anleitung ausgebildeter Therapeuten ermögliche es den Kindern, sich selbst nicht als krank oder als das Problem ihrer Situation anzusehen, sagt Rieth. Sie könnten etwas tun, was ihnen Spaß macht und mit sozialer Anerkennung verbunden ist. „Selbst therapieresistente oder -müde Kinder sind über Tiere fast immer zu begeistern.“ Der Kontakt mit den Eltern sei meist gut, weil er ohne Stigmatisierung möglich sei. „Auch suchtkranke Eltern versuchen in der Regel, gute Eltern zu sein.“

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Das Problem sei allerdings die Finanzierung dieser Therapie. Rieths Projekt „Tierisch stark“, das nach ihren Angaben bundesweit zu den Vorreitern in der sogenannten tiergestützten Förderung Kinder suchtkranker Eltern gehört, wird ausschließlich von einer Stiftung und dem Trägerverein der ZJS, der Jugendberatung und Jugendhilfe Frankfurt, finanziert. Sechs Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 16 Jahren betreut Rieth darin derzeit. Acht bis zehn seien es im Jahr.

Mit Anna spricht Rieth auf dem Weg zur Reitstunde und während des Umgangs mit dem Pferd viel über die Gefühle und Probleme der Jugendlichen. Annas Lebenseinstellung sei positiver geworden, sie könne sich gegen ihren suchtkranken Vater besser abgrenzen und fühle sich dem Problem nicht mehr so ausgeliefert, sagt die Therapeutin. Auch in der Schule und mit Freunden laufe es besser. Anna genießt die Stunde mit der Islandstute sichtlich. „Es ist gut, jede Woche etwas zu haben, worauf Du Dich freuen kannst“, sagt sie. Und: „Es ist schön, auch mal etwas nur für Dich ganz allein zu haben.“

Konflikte innerhalb der Familie sind nicht gelöst

Annas Eltern haben sich zwar nach einem langen Leidensweg getrennt. Die Konflikte innerhalb der Familie sind aber längst noch nicht alle gelöst. Und die 14-Jährige fühlt sich nach wie vor verantwortlich: „Ich mache mir derzeit mehr Sorgen um meine Mutter als um mich.“

Wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland einen suchtkranken Elternteil haben, kann nur geschätzt werden. In Hessen sind es etwa 200 000. In ganz Deutschland leben etwa 2,6 Millionen Minderjährige mit einem alkoholkranken Elternteil. Dazu kommen aber noch die Familien, in denen die Abhängigkeit der Eltern von Rauschgift, Medikamenten oder Spielsucht das Familienklima bestimmen.

Weitere Informationen:

- Hessische Landesstelle für Suchtfragen

Institut für pferdegestützte Therapie

- Jugendberatung und Jugendhilfe

„Ein Drittel der Kinder werden später selbst suchtkrank“, mahnt Schmidt-Rosengarten. „Ein anderes Drittel zeigt psychische oder soziale Störungen.“ Ängste, Depressionen und Schuldgefühle beispielsweise. Viele suchten sich später auch einen Süchtigen als Lebenspartner und versuchten diesen - wie früher die eigenen Eltern - zu retten. Sie könnten sich oft nur schwer an jemanden binden. „Sie haben gelernt, jederzeit damit rechnen zu müssen, dass der Himmel einstürzt.“ 

dpa

Quelle: op-online.de

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