Tierklinik: Medikamente in der Leberwurst

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Hofheim - Zahnärzte, HNO-Ärzte, Orthopäden, Kardiologen, Dermatologen, Neurologen - und sechs Onkologen. Klingt nach einer normalen Klinik. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Hinter den Kulissen einer der größten Kleintierkliniken Deutschlands herrscht Hochbetrieb. „Kein Zutritt“ steht an einer Tür der Klinik in Hofheim (Main-Taunus-Kreis), dahinter wird gerade ein Labrador mit Kreuzbandriss auf einem Tisch in den OP gerollt. Ein Golden Retriever mit Ohrproblemen liegt narkotisiert in einem Untersuchungsraum, ein Dackel humpelt zur Intensivstation. In einer Box wacht ein Weimaraner auf und guckt verwirrt. „Wir haben jeden Tag 150 Patienten, die meisten davon sind Hunde“, berichtet Katharina Kessler und erklärt auch gleich den Sinn der vielen Leberwurst-Dosen in einer versteckten Ecke: „Da machen wir Medikamente rein.“

Kessler ist eine von über 40 Tierärzten an der Klinik, alle haben ihr Spezialgebiet. Hier arbeiten Zahnärzte, HNO-Ärzte, Orthopäden, Kardiologen, Dermatologen, Neurologen - und sechs Onkologen. Das ist auch das Spezialgebiet ihres Mannes Martin Kessler, er gehört zu den Chefs und Gründern der Klinik. Er sitzt ein Stockwerk tiefer im ebenso kühlen wie tristen Keller und blickt konzentriert auf einen der vielen Bildschirme. Hier unten stehen die teuersten High-Tech-Geräte der Klinik, darunter das weit über eine Million Euro teure Bestrahlungsgerät. Direkt daneben liegt ein Babyphone, das die Geräusche während der Bestrahlung in den Vorraum überträgt. Etwas Farbe in die Bunker-Atmosphäre bringen ansonsten nur die Fotos von Tieren an der Wand, dankbare Besitzer haben sie an die Klinik geschickt.

Lebensverlängerung bei guter Lebensqualität

„Die Diagnose Krebs ist natürlich immer ein Schock. Aber viele Krebsformen sind heilbar oder die Tiere können noch lange damit leben“, sagt Kessler. Er hat schon in den 1990er Jahren in der Onkologie gearbeitet, als die Krebsbehandlung von Tieren in Deutschland noch kein großes Thema war. Als Assistenzarzt lernte er damals in den USA, vor über 15 Jahren gründete er in Hofheim mit Kollegen die Klinik. Mittlerweile kommen auch besorgte Tierbesitzer aus dem Ausland mit ihren krebskranken Vierbeinern zu ihm.

Der nächste Patient des Tages ist ein Mischling mit einem Tumor im Unterkiefer. Das bewusstlose Tier wird auf einem Tisch aus dem Aufzug gerollt und zur Vorbereitung der Strahlenbehandlung gebracht. Exakt zeichnet die Tierärztin Kristina Jores auf die Haut, wo die Strahlen treffen sollen. „Man muss bei der Krebsbehandlung immer abwägen. Das Ziel ist eine Lebensverlängerung bei guter Lebensqualität“, sagt sie. Die Behandlung von krebskranken Tieren ist ähnlich wie bei Menschen, es gibt Operationen, Chemotherapien und Bestrahlungen. Allerdings sollen die Nebenwirkungen wegen der niedrigeren Dosierung geringer sein.

Bilder der Tierklinik in Hofheim

Tierklinik in Hofheim

„Onkologie wird in der Tiermedizin ein immer größeres Thema“, berichtet Astrid Behr vom Bundesverband Praktizierender Tierärzte in Frankfurt. Denn auch die Tiere würden wegen der guten Versorgung immer älter, damit steige die Wahrscheinlichkeit von Krebserkrankungen. „Man muss bei der Behandlung aber auch berücksichtigen, ob sie dem Tierhalter zuzumuten ist.“

Denn da sind zum einen die seelische Belastung und der Zeitaufwand, um das Tier zu den Behandlungen zu fahren. Auch die Kosten sind nicht eben gering, vierstellig wird die Rechnung inklusive der Untersuchungen locker. „Das ist wirklich ein Dilemma. Man kann mittlerweile viel machen, aber die Menschen können es manchmal einfach nicht bezahlen“, so die Erfahrung des Tierarztes Kessler.

Der Krokodil-Flüsterer aus Dietzenbach

dpa

Quelle: op-online.de

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