Todes-Gen Teil eines bedrohlichen Puzzles

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Immer mehr Keime zeigen Resistenzen gegen Antibiotika. Auch in Deutschland nimmt die Sorge zu.

Offenbach ‐ Die Verwirrung ist groß und eine Frage wird immer wieder gestellt: Wie gefährlich sind die „Super-Bakterien“ wirklich, gegen die nur sehr wenige Antibiotika helfen? Von Peter Schulte-Holtey

Darum geht es:Das kürzlich unter anderem in Indien entdeckte so genannte Resistenz-Gen NDM-1 (Neu-Delhi-Metallo-Beta-Laktamase), manche sprechen auch vom Todes-Gen, springt leicht von einer Bakterienart auf eine andere. So wurde es bereits bei dem Darmkeim Escherichia coli und dem Bakterium Klebsiella pneumoniae entdeckt, das unter anderem Lungenerkrankungen auslöst. Im Krankenhaus gelangt es etwa durch infizierte Geräte und Hände oder über den Kontakt mit infizierten Wunden von Patient zu Patient. Über diese Wege könnte sich das Resistenz-Gen in Indien ausgebreitet haben. Und weil Asien wegen seiner günstigen Schönheitsoperationen ein beliebtes Ziel im Medizintourismus ist, besteht die Gefahr, dass das Super-Bakterium schnell um die Welt wandert. Der erste NDM-1-Nachweis in Deutschland ist vom Juli. Diese Bakterien sind auch gegen die so genannten Carbapeneme resistent, die bislang als Reserve-Antibiotika galten. Zum Glück gibt es gegen die meisten NDM-1 tragenden Bakterien noch zwei Notfall-Antibiotika, Tigecyclin und Colistin.

Das sagen Wissenschaftler zur Forschung nach neuen Antibiotika:

„Es ist ein völlig normales Phänomen, dass Bakterien gegen Antibiotika resistent werden“, sagte Martin Kaase vom Nationalen Referenzzentrum in Bochum. „Es ist aber gleichzeitig eine gefährliche Entwicklung, weil wir so schnell keine zusätzlichen Reserve-Antibiotika bekommen werden.“

Der Brüsseler Mikrobiologe Denis Pierard bezeichnet das Bakterium als „schrecklich resistent“.          

Privatdozent Dr. Bernhard Jahn-Mühl, Hygieniker am Klinikum Offenbach und an den Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden, warnt vor weiteren Problemen: „Antibiotika sind für die Pharmaindustrie recht unattraktiv. Wenn sie zum Beispiel als Manager die Wahl haben, ein Medikament zu entwickeln, von dem sie wissen, dass Patienten es zeitlebens einnehmen müssen - oder ob sie auf die Forschung für ein Antibiotikum setzen, das eine bakterielle Infektion bekämpfen soll, dann ist es klar, wohin die Reise geht. Das klingt zynisch, aber es ist die Realität. Gerade die großen Firmen sagen ja, wir entwickeln nur noch das, was ein Marktpotenzial von einer Milliarde Euro hat; die sind dann nicht mehr an Antibiotika interessiert. Dies hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass die Investitionen in die Antibiotika-Forschung sehr gering waren.“

So problematisch sind die verbliebenen Reserve-Antibiotika:

Nach Angaben von Jahn-Mühl haben sie zwei negative Seiten: Sie wirken in der Regel nicht so gut wie ein normales Antibiotikum gegen einen nichtresistenten Keim. Und in der Regel sind die Nebenwirkungsraten höher. Der Hygieneexperte vom Klinikum Offenbach: „Deswegen liegen die Todesraten bei Infektionen mit multiresistenten Keimen deutlich höher als bei vergleichbaren Infektionen mit nichtresistenten Keimen. Hinzu kommt, dass man eine gewisse Zeit benötigt, um herauszubekommen, welche Art von Keim vorliegt. Das Problem: Die ersten Behandlungsstunden entscheiden oft darüber, wie hoch das Sterberisiko bei Intensivpatienten ist.“

Colistin sei auch am Klinikum Offenbach schon bei mehreren Gelegenheiten in hartnäckigen Fällen eingesetzt worden. „Normalerweise macht man das zwar nicht - oder nur mit größter Vorsicht. Doch wir mussten es verwenden - und hatten Glück, dass die Patienten das Medikament gut vertragen haben.“

Tigecyclin sei ein „altes“ Medikament - aus der Gruppe der Breitbandantibiotika Tetracycline. „Diese gehören aber zu den ältesten Mitteln, die wir haben“, erläutert Jahn-Mühl: „Deswegen fürchten Mikrobiologen, dass bei einem massiven Einsatz auch schnell Resistenzen gegen Tigecyclin entstehen.“ Zusammenfassend meint der Offenbacher Mediziner: „Der aktuelle Fall ist ein weiteres Mosaiksteinchen in einem sehr bedrohlichen Puzzle, das unsere Krankenhäuser seit Jahren zusammensetzen.“

Wie am Klinikum Offenbach reagiert wird:„Wir müssen uns in unseren Krankenhäusern zunehmend auf die Resistenzsituation einstellen“, sagt Jahn-Mühl. Für ihn steht fest, dass nur eine bessere Prävention helfe. Er erinnert daran, dass „infektionsrelevante Tätigkeiten wie Verbandswechsel nach hygienischen Gesichtspunkten überprüft und die Ergebnisse den Mitarbeitern mitgeteilt werden“. Zusätzlich nehme die Klinik an einem bundesweiten Kontrollsystem für Wundinfektionen teil: „Über dieses System erfassen wir die Infektionsraten einzelner Operationen und bewerten diese im Vergleich mit mehreren hundert Krankenhäusern in Deutschland.“ Auch seien bei der Konzeption des Neubaus von Beginn an krankenhaushygienische Prinzipien verfolgt worden, und „wir können davon ausgehen, dass die Einrichtung und Struktur des Neubaus die Mitarbeiter in hygienisch korrekten Arbeitsweisen unterstützt“.

Auch bei der Instrumentenaufbereitung, das heißt Reinigung, Desinfektion und Sterilisation der Operationsinstrumente, sei man einen guten Weg gegangen. „Dass an dieser Aufgabe ein, in der Instrumentenaufbereitung erfahrener, professioneller Partner beteiligt wird, zeigt wie ernst die Verantwortlichkeiten hier genommen werden“, lobt Jahn-Mühl.

Quelle: op-online.de

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