Protest gegen Startbahn West

Tödliche Eskalation vor 25 Jahren

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Angehörige der hessischen Bereitschaftspolizei errichten am 2. November 1987 am Tatort ein Gedenkkreuz für ihre ermordeten Kollegen.

Frankfurt - Flughafenausbau und Protest - das gehört in Frankfurt seit Jahrzehnten zusammen. Gegen die jüngste Erweiterung mit dem Bau einer neuen Landebahn geht wieder eine ganze Region auf die Straße. Seit Monaten, jede Woche. Von Sabine Ränsch

Aber die heutige Anti-Fluglärm-Bewegung mit ihren Montagsdemos und Menschenketten hat ein friedfertiges Gesicht. Das war bei der letzten großen Erweiterung anders. Vor 25 Jahren, am 2. November 1987, wurden aus der Menge einer Demonstration gegen die Startbahn West zwei Polizisten erschossen, drei andere Beamte schwer verletzt. Es war das Ende der bis dahin heftigsten und längsten Auseinandersetzungen um ein Bauprojekt.

Der Tod der Polizisten versetzte die Nation in Schock. Noch nie waren Auseinandersetzungen bei einer Demonstration in Deutschland derart eskaliert. An der Trauerfeier im Frankfurter Dom nahmen neben Bundespräsident Richard von Weizsäcker mehrere Bundesminister und das komplette hessische Kabinett teil. Der Schütze wurde vier Jahre später zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Hans Neitzel, damals Leiter der Pressestelle der Frankfurter Polizei, erinnert sich an viele Rangeleien und größere Zusammenstöße mit Demonstranten an der Startbahnmauer. Rund 50 gewaltbereite Vermummte hätten sich regelmäßig unter die Menge gemischt - „darunter waren auch Gewalttouristen aus dem Ausland“, erzählt Neitzel, der seit 1990 pensioniert ist. Polizisten seien aus allen Teilen des Landes zusammengezogen worden - viele Hundertschaften seien nötig gewesen, die Startbahn zu bewachen. „Die Täter haben der Bürgerbewegung großen Schaden zugefügt.“

Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei

Der Bau der Startbahn 18 West in den 1980er Jahren stand wie kein anderes Bauwerk für den Konflikt zwischen Wirtschaft und Staat auf der einen und eskalierendem Bürgerprotest auf der anderen Seite. Die Bahn wurde 1984 in Betrieb genommen. Aber erst nach dem Tod der Polizisten drei Jahre später hörten die Krawalle auf, die Woche für Woche die Region in Atem gehalten hatten. Demonstriert wurde dann nicht mehr. „Das Ereignis hat einen so gewaltigen Schock ausgelöst, dass sich die Bürgerinitiativen zurückgezogen haben“, sagt Dirk Treber, einer der Mitbegründer der Bürgerbewegung und bis heute aktiver Fluglärmgegner.

Für viele war die „18 West“ das Symbol für alle Umweltsünden der damaligen Zeit. Bis 1981 verliefen die Proteste recht friedlich, den Bewohnern eines Hüttendorfs im Startbahn-Wald schlug Sympathie und Solidarität entgegen. Bürger, die sich sonst nicht an Demonstrationen beteiligten, versorgten die Protestler mit Lebensmitteln, brachten warmen Kaffee und selbst gebackenen Kuchen. In einer kleinen Kirche im Hüttendorf wurden Gottesdienste gefeiert. 100.000 Demonstranten überreichten in Wiesbaden Protestunterschriften an die Landesregierung.

Die Wende kam mit einer Flughafenblockade 1981, als Tausende Demonstranten den Verkehr rund um den Flughafen lahmlegten und für chaotische Verhältnisse sorgten. Auf den Autobahnen und am Startbahn-Baugelände lieferten sich Demonstranten und Polizei erbitterte Gefechte mit Steinen, Molotowcocktails, Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken. Es gab Hunderte Verletzte.

Polizei mitschuldig an Eskalation?

Waren die Proteste bis dahin weitgehend gewaltlos gewesen, verging von nun an kaum eine Woche ohne „Sonntagsspaziergänge“ an den Bauzaun, wo kleine Gruppen von Demonstranten immer wieder mit der Polizei aneinandergerieten. Die Bürgerinitiativen seien hilflos gewesen und hätten die Eskalation nicht verhindern können, berichtet Treber, der der Polizei Mitschuld an der aufgeheizten Atmosphäre von damals gibt. Sie habe mit massivem Einsatz von Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken provoziert.

Seitdem habe die Polizei dazugelernt, betont Ingrid Kopp, Sprecherin der heute aktiven Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau. „Heute könnte so etwas nicht mehr passieren.“ Die Beamten seien deutlich besser geschult und auf Deeskalation aus. Grund zum Einschreiten hätten sie aber auch gar nicht: Die Montagsdemos der Lärmgegner im Flughafenterminal seien zwar laut, aber diszipliniert. „Das Höchste der Gefühle sind Vuvuzelas.“ Die Stadiontröten sind zwar im Terminal nicht erlaubt, kommen aber regelmäßig zum Einsatz. Die Wut der Flughafenanwohner über den wachsenden Fluglärm sei groß - „ich könnte mir schon vorstellen, dass wir einen Zahn zulegen“, sagt Kopp.

Die Todesschüsse an der Startbahn hatten Folgen für das Demonstrationsrecht: Verstöße gegen das seit 1985 geltende Vermummungsverbot werden nun nicht mehr als Ordnungswidrigkeit, sondern als Straftat gewertet. Das Land Hessen stellte damals 100 zusätzliche Polizeibeamte ein.

dpa

Quelle: op-online.de

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