Konzert in der Alten Oper Frankfurt

Tom Jones: Noch lange kein Bettvorleger

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Tom Jones macht noch immer eine gute Figur auf der Bühne, selbst wenn seine Stimme nicht mehr die Macht von einst hat.

Frankfurt - Der Mann mit der mächtigen weißen Soulstimme ist und bleibt ein Erlebnis: Tom Jones, gerade 75 Jahre alt geworden, hat in der ausverkauften Alten Oper gespielt, viel gegen die Erwartung gewagt und nicht bloß alte Hits abgefeiert. Von Stefan Michalzik

Mit dem Album „Praise & Glory“ von 2010 hatte Jones präzis auf der Schwelle des siebzigsten Lebensjahrs den Schwenk zu einem Alterswerk nach dem Vorbild von Johnny Cash und Neil Diamond versucht. Optisch markiert dadurch, dass er auf dem Foto im Booklet erstmals mit grauem Haar und Vollbart in Erscheinung getreten ist. Da geht man gerne zurück zu den Wurzeln, in diesem Falle zu Gospel und Folk. Hier wie auch auf seinem letzten Album „Spirit of the Room“ von 2012 ist das keineswegs völlig missraten, aber beileibe nicht glänzend aufgegangen.

Ohne viel Aufhebens, in schwarz mit Samtjackett kommt er auf die Bühne. Seine Show ist im Prinzip ganz schlicht, auf die Bühnenmitte fokussiert. Überflüssigerweise flackern aber dauernd Videobilder monumental im Hintergrund. Am Anfang steht lange fast ausschließlich mehr oder weniger Neues aus der aktuellen Phase. Viel Country-Shuffle, die neun Dampfmusiker entfachen ein pauschales Getöse, mal mit einer Bläsersektion und mal ohne, gelegentlich mit einem Akkordeon, mal auch einem Solo auf der Tuba. Bisweilen spielt die Band in kleiner Besetzung bis hinunter zum Trio, was noch die am ehesten etwas spannenderen musikalischen Momente beschert. Aus „Sex Bomb“, dem Hit des x-ten Comebacks von 1999, wird die Club-Elektronik herausgenommen. Die Nummer beginnt als Bluesballade mit nichts als der akustischen Gitarre - dann steigt die volle Band ein und sofort verliert sich das wieder im Shufflemodus. Aber Tom Jones behält immer Statur.

Die ganz alten Schmonzetten gibts später - und nur wenige davon. Es ist schon bald die Hälfte des Konzerts vorbei, als der erste Hit aus der klassischen frühen Schlagerphase in den sechziger Jahren an der Reihe ist: „I’ll Never Fall in Love Again“, eine Schnulze, vorgetragen mit mächtiger Emphase. „Delilah“ beginnt gleichfalls als Ballade und wird dann in einen Latinrhythmus übertragen. Wiederum Getöse. Da sehnt man sich nach den legendären alten Liveaufnahmen auf „...in Las Vegas“ oder „...at the Talk of the Town“ mit den hysterisch aufgeladenen Bläsern und der ausgeprägten Note von Rhythm & Blues.

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Im letzten Drittel schwächelt die markante, gerne weit ausholende Stimme dann doch merklich. Bei „If I Only Knew“ - Comeback von 1994 - muss der charakteristische langgezogene „Yeeeaaah...“-Ruf am Anfang ökonomischerweise entfallen. Auch darin ist Tom Jones souverän: Er weiß, wann er in den Schongang übergehen muss. 75 ist nun mal nicht 25. Mag er noch so rüstig und in Erscheinung treten. Out of fashion zu sein, mit diesem Gefühl hat sich Tom Jones Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, als selbst in Las Vegas sein Stern zu sinken begonnen hatte, gut vertraut machen können. Von diesem Trauma hat er sich gründlich wieder befreit, angefangen 1988 mit „Kiss“ - in der Zugabe gespielt - zusammen mit den Elektropop-Avantgardisten von The Art of Noise. Den rechten Pfad zum honorigen Alterswerk hat er zwar immer noch nicht gefunden. Doch das wird hoffentlich noch werden.

Quelle: op-online.de

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