Aldous Huxleys utopischer Roman „Schöne neue Welt“ am Frankfurter Schauspiel

Totalitäre Wellness-Oase

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Heile Welt: Multimediale Glücksverheißungen im Bockenheimer Depot, wo Jorinde Dröse den Schulklassiker inszenierte.

Frankfurt - Jorinde Dröse hat den Klassiker „Schöne neue Welt“ für das Frankfurter Schauspiel im Bockenheimer Depot auf die Bühne gebracht. Von Stefan Michalzik 

Die Frage ist nicht ob, sondern wie. Nicht ob es einen Sinn ergibt, dass sich das Theater in seiner Begierde nach großen Geschichten seit Jahren auf die Literatur und das Kino stürzt. Wie es mit den Vorlagen umgeht, was es daraus schlägt, ist entscheidend. Aldous Huxleys schulbekannter Roman „Schöne neue Welt“ ist fast schon ein Modestück. Huxley scheint sich aufzudrängen, viele gegenwärtige Phänomene von der Virtualität bis zur genetischen Reproduktionstechnik sind bei ihm vorgezeichnet. Vom Dresdner Chefdramaturgen Robert Koall wurde die Stückfassung übernommen, die Folge der Szenen weicht von jener im Roman ab.

Der monumentale Aufbau von Susanne Schuboth wirkt wie das Podium für eine Präsentation auf der Automobilmesse. Der Raum bildet mit einem eleganten weißen Bretterverschlag eine samt Zuschauertribüne rundum abgeschlossene Welt, ungetrübt hell und „clean“ ist sie und es tummeln sich darin betont adrett gekleidete, vom Prozess der Alterung verschonte Menschen in lindfarbenen Tönen (Kostüme: Barbara Drosihn). Glückduseligen Gesichts bewegt man sich tänzelnd. Mit einer Handbewegung lassen sich die virtuellen Welten im Hintergrund wechseln - na klar, das geht in Wirklichkeit auch längst. Altmodischerweise braucht es für den folgenfreien eskapistischen Rausch noch ein Nasenspray, das die Droge Soma enthält.

Die sozialfaschistische Gesellschaft in Huxleys negativ utopischem Weckruf aus dem Jahre 1932 ist im Jahre 632 „nach Ford“ angesiedelt. Ausgegangen ist der britische Schriftsteller indes von Tendenzen in seiner Wahlheimat Amerika zur Zeit der Niederschrift. Reproduktionstechnik ist im Roman an die Stelle von Geburt und Familie getreten, ein an der technologischen Logik orientierter Weltaufsichtsrat an jene der Demokratie. In einem Reservat werden noch ein paar „Wilde“ gehalten, die nicht aus dem Prozess der Normung samt Kastensystem hervorgegangen sind. Diese betont hässlich hergemachten, ganz normal alternden Zottelköpfe - Michael Benthin als Linda und Sascha Nathan als ihr Sohn John - hausen in einem winzigen Zelt vor dem Portal des Depots. Der an dieser totalitären Wohlfühlgesellschaft zweifelnde, auf wahre Gefühle plädierende Bernard und seine Begleiterin Lenina - Paula Hans und Christoph Pütthoff - bringen sie von einer Exkursion ins Freie mit. Bilder von vorgeblichen Eyecams werden übertragen - es ist nicht ersichtlich, ob sie vorproduziert sind oder live aufgenommen sind.

Die Schauspieler - zentral: Paula Hans und Paula Skorupa, Torben Kessler und Christoph Pütthoff - sind zum Teil derart hergerichtet worden, dass man die bekannten Gesichter erst spät erkennt. Dröse erzählt die Geschichte komprimiert, so im Groben halt. Was da passiert zwischen den Personen, das hat im Roman durchaus Dramatik. Auf der Bühne nicht. Da flutscht alles so vorbei. Sicher, sicher: Es flutscht ja auch in jener Welt, die gezeigt werden soll. Aber auch das sollte markant und griffig sein. Dröse bebildert, sie dringt nicht tiefer. Blass ist das, sehr blass.

Nächste Aufführung am 25. November. Karten gibt es unter Tel.: 069/21249494.

Quelle: op-online.de

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